Am Ende der Konferenz werden die an den Thementischen entwickelten Forderungen präsentiert. Foto: Roberto Bulgrin

Ob Digitalisierung oder zu viele Hausaufgaben: Bei der Jugendkonferenz am Esslinger Mörike-Gymnasium diskutierten Schülerinnen und Schüler über Themen, die sie bewegen.

Wie gut fühlen sich junge Menschen auf das Leben nach der Schule vorbereitet? Wie bewerten sie Demokratie und die Politik in Deutschland? Finden Jugendliche, dass sie ausreichend gehört werden? Die Bandbreite der Fragen, die bei einer Jugendkonferenz diskutiert werden, ist groß. Das Kultusministerium, das dieses Beteiligungsformat im Jahr 2023 ins Leben gerufen hat, gibt sieben Oberthemen vor. Diese reichen von Demokratie und Staat über Sicherheit bis zu Wirtschaft. Bei drei weiteren kann die Schule eigene Schwerpunkte setzen. Im laufenden Schuljahr wird es unter dem Motto „Deine Stimme zählt!” landesweit insgesamt rund 150 Jugendkonferenzen geben.

 

Eine davon fand nun am Mörike-Gymnasium in Esslingen statt. Rund 80 Schülerinnen und Schüler der Klassen acht bis zwölf nahmen daran teil. In der Mensa wurde zunächst in Kleingruppen diskutiert. Wie bei einer Art Speed-Dating gab es mehrere Gesprächsrunden an den zehn Thementischen, die so etwas wie das Herzstück einer Konferenz sind. Die Forderungen, die sich so am Ende herauskristallisierten, präsentierten Schülerinnen und Schülern der Kursstufe dann dem Plenum.

 

Was Jugendliche an den Hausaufgaben kritisch sehen

Für die Teilnehmenden spielten unter anderem die mentale Gesundheit von Jugendlichen, mehr Sauberkeit von Schultoiletten, Unterrichtsgestaltung und Digitalisierung eine große Rolle. „KI soll im Unterricht so selbstverständlich genutzt werden dürfen wie ein Taschenrechner“, lautete beispielsweise ein Vorschlag. Gleichzeitig müssten sich Lehrkräfte auf diesem Gebiet mehr fortbilden und das Land sollte eine eigene KI entwickeln, um unabhängiger von Konzernen zu werden und Fake News etwas entgegenzusetzen. Auch der ÖPNV soll digitaler werden. „Busse könnten mit GPS-Trackern ausgestattet werden, sodass man weiß, wann sie ankommen“, sagte ein Schüler.

Immer wieder ging es auch um Leistungsdruck und vor allem um zu viele Hausaufgaben. Diese sollten in der Klausurenphase zumindest in den Nebenfächern ausgesetzt werden. „Das ist nur unnötiger Stress“, sagte ein Teilnehmer. Zudem wurde vorgeschlagen, Klausuren vermehrt durch Projektarbeiten zu ersetzen und den Unterricht kreativer zu gestalten. „Nur Auswendiglernen bringt am Ende nichts“, hieß es in einem Statement.

An der Podiumsdiskussion nahmen Vertreterinnen des Jugendgemeinderats und der Parteijugend sowie OB Klopfer teil. Foto: Roberto Bulgrin

Eine Jugendquote im Landtag und mehr Bürgerentscheide in Esslingen?

Mehrfach wurde gefordert, dass im Unterricht häufiger und auch bereits in unteren Klassen über aktuelles politisches Geschehen diskutiert wird. Die Regierung sollte zudem landesweite Schulumfragen durchführen, um sich ein besseres Meinungsbild zu verschaffen. Auch von einer Jugendquote im Parlament war die Rede. Auf kommunaler Ebene wurde eine Art Bürgerentscheid für Jugendliche vorgeschlagen. Ein Ergebnis der Konferenz war auch, dass die Jugendlichen besser auf das Alltags- und spätere Berufsleben vorbereitet werden wollen. So könnte etwa die Lohnsteuererklärung im Unterricht thematisiert werden. Eine weitere Forderung war, den Numerus clausus (NC) in Fächern wie Medizin oder Jura zu lockern und bei der Studienzulassung neben den Noten auch soziales Engagement und Erfahrung zu berücksichtigen.

Die Ideen aus den jeweiligen Themengebieten sollten immer auf drei unterschiedliche Ebenen – die eigene Schule, die Kommune und das Land – abzielen. Der Geschäftsführer der Schule und Mitorganisator der Konferenz, Holger Hartlieb, hält diese Unterscheidung für wichtig. „Es ist gut, dass die Jugendlichen auch lernen, die Zuständigkeiten und Entscheidungsbefugnisse zu unterscheiden“, sagte er.

„Wir wollen gehört werden!“: Politiker beschäftigen sich mit den Ideen

Die Konferenz lieferte viele pragmatische Ideen, darunter auch Vorschläge zur Verbesserung am Mörike selbst. So wünschten sich die Jugendlichen beispielsweise einen Ruhe- und Gebetsraum oder dass der Brunnen wieder in Betrieb geht. Die Forderungen sollen nicht im Sand verlaufen. „Wir sind Jugendliche und wir möchten gehört werden“, appellierte Schülerin Viktoriia Karbusheva, die zusammen mit Elisa Frese den Vormittag moderierte. Das Prozedere sieht vor, dass die Ergebnisse jeder Jugendkonferenz den jeweiligen Schulleitungen und dem Kultusministerium übergeben werden. Außerdem werden sie in die Landesjugendkonferenz am Ende des Schuljahres eingebracht.

Im Mörike-Gymnasium wurden bei einer anschließenden Podiumsdiskussion einige Themen der Jugendkonferenz erneut aufgegriffen. Neben Vertreterinnen und Vertreter des Esslinger Jugendgemeinderats und den Jugendorganisationen verschiedener Parteien war auch Esslingens Oberbürgermeister Matthias Klopfer eingeladen. In der von Mika Nowak und Timo Streich moderierten Runde ging es unter anderem um mehr Psychotherapieplätze für belastete Jugendliche, aber auch um die mögliche Wiedereinführung der Wehrpflicht und die Rückkehr zu G9.

Beteiligung und Demokratie

Format
Die Jugendkonferenzen in Baden-Württemberg sind ein Beteiligungsformat des Kultusministeriums. Jugendliche sollen über Themen diskutieren, die ihnen wichtig sind, und die Ergebnisse anschließend der Politik gegenüber zur Sprache bringen. Die erste Jugendkonferenz fand im Jahr 2023 statt. Bewerben können sich Schulen mit Schülerinnen und Schülern ab 14 Jahren. Die Konferenzen werden mit 50 bis 80 Teilnehmenden durchgeführt. Die Ergebnisse der Konferenzen werden in die Landesjugendkonferenz am Ende des Schuljahres eingebracht, bei der Hunderte Jugendliche mit Politikerinnen und Politiker sowie Experten diskutieren.

Podiumsdiskussion
Im Rahmen der Jugendkonferenz am Mörike-Gymnasium fand auch eine Podiumsdiskussion statt. Mit Ausnahme von Oberbürgermeister Matthias Klopfer wurden bewusst keine Berufspolitiker eingeladen, sondern Vertreter des Jugendgemeinderats (JGR) und des Parteinachwuchses. Es diskutierten Rosa Mertens und Frida Münch (beide JGR), Simon Hauser (Kreisvorstand Grüne Esslingen, Sprecher und Mitglied JGR Leinfelden-Echterdingen), Jannik Kegler (Co-Vorsitzender Jusos Kreisverband Esslingen), Lukas Schwarz (Vorsitzender Junge Union Kreisverband Esslingen), Yasin Tepe (Beisitzer Junge Liberale Kreisverband Böblingen) und Emilia Werth (Linksjugend Esslingen).