Jürgen Kallergis als Wirt Foto: StN

Es war die Zeit, als die Brillen, Armbanduhren und Hemdenmuster der Herren etwas größer ausfielen.

Es war die Zeit, als die Brillen, Armbanduhren und Hemdenmuster der Herren etwas größer ausfielen. Die Lederjacken der Damen waren dafür um so enger, und viele Dinge waren verboten in der Stadt. Beispielsweise nach Mitternacht in Restaurants und Bars zu sitzen, wenn die Etablissements nicht zum Altstadtmilieu zählten.

In der Hasenbergstraße, Ecke Rotebühlstraße, gab es eine Wirtshaus-Oase. Das Lokal hieß Pireus, es wurde in den sechziger Jahren berühmt und ist unvergessen. Der Grieche Nico Kallergis und seine deutsche Frau Marianne, sie ist heute 86, hatten Stuttgarts erstes griechisches Restaurant 1955 eröffnet. Als unsereins in den Siebzigern das Pireus besuchte, sagte man nicht wie heute, wir gehen "zum Griechen". Wir gingen "zum Kalli".

So nannte man Jürgen Kallergis, den 1946 in Stuttgart geborenen Sohn der Wirtsfamilie. Er hatte, mit seiner griechischen Frau Ritsa, Mitte der sechziger Jahre den Tresen des rustikal gestalteten Restaurants übernommen und die Tradition des Vaters fortgeführt. Nico war ein Fußballnarr, rot vom Scheitel bis zur Sohle. Kallergis jr. schaffte es, die Rolle als VfB-Fan noch eine Spur schärfer auszulegen. Er ging zu allen Spielen, selbstverständlich auch zu den internationalen, und war eine Zeit lang quasi GriechenlandBotschafter des VfB. Das Pireus war die Entspannungsfiliale des VfB-Personals, darunter die Clubchefs und viele Profis.

Als wäre das Lokal selbst ein Verein für Bewegungsspiele, entdeckten auch die Tänzer des Stuttgarter Balletts das Pireus. Seit 1961 war der Südafrikaner John Cranko, ein Griechenland-Liebhaber, Ballett-Direktor der bald weltberühmten Kompanie. Er wurde Stammgast im Pireus, in seinem Gefolge Stars der Kompanie.

Unter diesen Umständen ließ sich die offizielle Sperrstunde um Mitternacht nicht halten. Das wusste auch die Polizei. Mit dem zuständigen Revier wurde ein Friedensvertrag ausgehandelt. Wenn die Beamten nachts auftauchten, hob oder senkte Jürgen unauffällig den Daumen. Dann wusste "die Schmier" (so nannte man die Polizei), ob die Pireus-Gesellschaft aus ehrenwerten Gästen oder aufdringlichen Trittbrettfahren bestand.

Meist waren die Nächte lang, und es gab gutes Essen. Nach griechischem Brauch flogen zum Tanz auch mal Teller, und John Cranko und seine Truppe tanzten auf den Tischen. Die Herrschaften, damals noch nicht Vips genannt, zogen auch Journalisten an. Das Pireus war Treffpunkt von Fernseh- und Zeitungsleuten und der beste Umschlagplatz für Nachrichten aller Art. An Kallis Tresen erfuhr man von einem VfB-Transfer zuverlässiger als von "Bild". Und obwohl fest in roter Hand, richteten sich auch die Blauen, die Stuttgarter Kickers, ihre Pireus-Nische ein. Es wurde viel gefrotzelt. Trotzdem lebten Spieler und Anhänger beider Clubs in der Hasenbergstraße in friedlicher Koexistenz.

Die Symbiose von Sport-, Kultur- und Geschäftsleuten währte lange. VfB-Stars wie Hansi Müller und Bernd Förster, Asgeir Sigurvinsson und Kurt Niedermayer gingen im Pireus ein und aus. Auch Filmgrößen waren präsent. Der Schauspieler Horst Buchholz, in Hollywood zu Ruhm gekommen, verabredete sich mit Kalli zum Skiunterricht in Graubünden.

1986 starb Nico Kallergis; der Seniorchef hatte einst John Cranko auf Griechenland-Reisen als Scout begleitet. 1989 gab die Familie das Lokal auf; Kalli arbeitete in einer Autofirma. Heute ist im ehemaligen Pireus das Wirtshaus Troll.

Jürgen Kallergis ist am 27. Juli nach schwerer Krankheit in Stuttgart gestorben. Seine Frau Ritsa war bei ihm. Er wurde im engsten Familienkreis auf dem Waldfriedhof beigesetzt.