Die Landesmesse Stuttgart ist am nächsten Freitag Schauplatz eines großen jüdischen Musikwettbewerbs. Die 1200 Teilnehmenden müssen allerdings streng geschützt werden. Foto: dpa/Bernd Weißbrod

Am bevorstehenden langen Wochenende treffen sich über 1200 jüdische Jugendliche in Stuttgart zum Musikwettbewerb Jewrovsion. Das erfordert hohe Sicherheitsvorkehrungen.

Das Motto soll Zuversicht verbreiten. „Voices of Hope“, Stimmen der Hoffnung, lautet der Slogan der Jewrovision 2026. Es handelt sich dabei um nichts weniger als den größten jüdischen Gesangs- und Tanzwettbewerb Deutschlands und Europas. Teilnehmen dürfen jüdische Kinder und Jugendliche zwischen zehn und 19 Jahren aus ganz Deutschland, die Mitglied einer jüdischen Gemeinde sind und gemeinsam mit ihrem Jugendzentrum antreten.

 

Gut 1200 Teilnehmende erwartet der Ausrichter, der Zentralrat der Juden, in diesem Jahr. Und zwar in Stuttgart. Grund ist, dass die hiesige jüdische Gemeinde mit ihrer Jugendgruppe HaLev (übersetzt: das Herz) in den vergangenen Jahren bei dem traditionsreichen Wettbewerb sehr erfolgreich gewesen ist. 2024 konnte man die Jewrovision sogar gewinnen.

Für die Show kann jeder Tickets kaufen

Und so macht der Wettbewerb vom 14. bis zum 17. Mai in der Landesmesse am Flughafen Station. Die eigentliche Show steigt am Freitag. Sie steht allen Interessierten offen. Tickets gibt es auf der Internetseite der Veranstalter, sie kosten 15 Euro, ermäßigt 10 Euro. Beginn ist um 14 Uhr. Spätestens um 18 Uhr stehen die Sieger fest. Es handelt sich um eine gewaltige Show, angekündigt als Gast ist Noa Kirel. Die Sängerin, Tänzerin und Schauspielerin ist in Israel ein Superstar.

So weit, so gut. Doch man ahnt es bereits: Wo 1200 jüdische Kinder und Jugendliche zusammenkommen, herrscht heutzutage höchste Alarmstufe. Am Sicherheitskonzept, so ist zu hören, wird bereits seit Monaten gefeilt. Federführend dabei ist der Zentralrat selbst. Dort wird nichts dem Zufall überlassen. Denn es gilt, gleich vier Tage abzudecken - mit Anreise am Donnerstag, Wettbewerb am Freitag, Gottesdiensten, Workshops und Party am Samstag sowie der Abreise am Sonntag.

Eigentlich ein Albtraum für die Sicherheitskräfte. Denn es gilt nicht nur, die Veranstaltungen in der Messe zu schützen. Die Jugendlichen sollen auch etwas von Stuttgart sehen. Eine Stadtbesichtigung mit 1200 Leuten unter hohen Vorkehrungen - das erfordert beste Planung. Und was die Unterkünfte betrifft, sollen die Wege kurz gehalten werden.

Dementsprechend groß ist das Geheimnis, das die wenigen Beteiligten aus den Details machen. Nichts Näheres weiß man zum Beispiel bei der Stadt Stuttgart. Das Ordnungsamt ist nicht in die Planungen eingebunden, obwohl Oberbürgermeister Frank Nopper als Schirmherr der Jewrovision fungiert. Auch die Israelitische Religionsgemeinschaft Württemberg in Stuttgart ist mit Details des Sicherheitskonzepts nicht befasst.

Große Party bei der Jewrovision im vergangenen Jahr in Dortmund. Foto: Jewrovision/Gregor Matthias Zielke

„Wir stehen im engen Austausch mit dem Veranstalter und werden mit einer lageangepassten Anzahl von Beamtinnen und Beamten beim Jewrovision im Einsatz sein. Eine genaue Anzahl von eingesetzten Kollegen nennen wir grundsätzlich nicht“, sagt Tina Rempfer vom Polizeipräsidium Reutlingen. Das ist wegen der Lage der Messe im Landkreis Esslingen federführend bei der Planung des gesamten Einsatzes. Die polizeilichen Schutzmaßnahmen für jüdische Einrichtungen und Veranstaltungen seien seit Jahren auf einem hohen Niveau und orientierten sich an den fortlaufend aktualisierten Gefährdungsbewertungen. Deshalb veröffentliche man gerade bei der Jewrovision keine Informationen „über einsatztaktische sowie sicherheitsrelevante polizeiliche Maßnahmen“.

Das gilt auch für den Veranstalter selbst. „Wir bitten um Verständnis, dass wir zu Sicherheitsvorkehrungen, Unterbringungen oder logistischen Abläufen grundsätzlich keine Auskünfte geben“, sagt ein Sprecher des Zentralrats der Juden in Berlin. Man stehe in stetigem Austausch mit dem Polizeipräsidium Reutlingen.

Bisher keine Proteste angemeldet

Von der Öffentlichkeit unbemerkt bleiben dürfte die Großveranstaltung allerdings nicht. Ist also mit Straßensperrungen, Protesten oder Ähnlichem zu rechnen? Beim Zentralrat geht man davon aus, „dass spürbare Einschränkungen für die Öffentlichkeit am Wochenende nicht zu erwarten sind“. Diese Einschätzung teilt die Polizei. „Von Verkehrseinschränkungen oder sonstigen Beeinträchtigungen für die Allgemeinheit gehen wir nach aktuellem Stand nicht aus“, heißt es dort.

Auch für die Landesmesse bedeutet die erstmalige Ausrichtung der Jewrovision eine Herausforderung. „Die Vorbereitungen sowie die Abstimmungen zwischen dem Veranstalter und allen beteiligten Stellen laufen bereits seit Monaten. Das Sicherheitskonzept wird vom Veranstalter in enger Zusammenarbeit mit den zuständigen Sicherheitsbehörden erarbeitet. Wir als Messe Stuttgart sind dabei eingebunden – etwa bei Fragen zur Nutzung der Hallen, zu Zugangswegen sowie zu den Verkehrsflächen auf dem Gelände“, sagt Messesprecherin Stefanie Kromer.

Nach aktuellem Stand erwarte man „keine Auswirkungen auf die Allgemeinheit, die über das bei Veranstaltungen dieser Größenordnung übliche Maß hinausgehen. Besucherinnen und Besucher müssen aber mit entsprechenden Sicherheits- und Einlasskontrollen rechnen“, sagt Stefanie Kromer. Zu möglichen Protesten lägen derzeit keine Informationen vor.

Sollten entsprechende anti-israelische Demonstrationen angemeldet werden, könnte sich die Einschätzung der Beteiligten allerdings schnell ändern. Dann, davon darf man ausgehen, würde rund um Messe und Flughafen am bevorstehenden langen Wochenende wohl eine Hochsicherheitszone entstehen.

Beim Veranstalter hofft man, dass es so weit nicht kommt. Dort möchte man ohnehin viel lieber über den Wettbewerb sprechen. „Es ist uns ein großes Anliegen, das Event selbst in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stellen: Die Jewrovision ist angesichts des wachsenden Antisemitismus für die jüdische Gemeinschaft ein immens wichtiges Event, um jüdisches Leben und Resilienz zu feiern“, sagt der Sprecher des Zentralrats der Juden. Ganz im Sinne des Mottos „Voices of Hope“.