Der südafrikanische Pianist und Komponist Abdullah Ibrahim hat bei den 36. Theaterhaus Jazztagen in Stuttgart ein denkwürdiges Konzert gegeben.
Abdullah Ibrahim, manchen noch als Dollar Brand in Erinnerung, wird im Rollstuhl auf die Bühne geschoben. Er ist aus seinem Wohnort im Chiemgau angereist. Der legendäre Jazzpianist, der einst von Duke Ellington in Zürich entdeckt wurde, ist inzwischen einundneunzig Jahre alt. Marina Umari, Lebensgefährtin und Ärztin, hilft ihm, auf dem Klavierschemel Platz zu nehmen.
Eine süße Melodie aus der südafrikanischem Heimat
Ibrahim streckt mit gesenktem Haupt die Arme aus, und seine schlanken Finger berühren zögerlich die Tasten aus Elfenbein und Ebenholz. Zurückhaltend und sparsam gespielte Töne auf dem feinen Fazioli-Flügel öffnen nach und nach das Tor der Erinnerungen dieses alten Mannes, der da ganz alleine auf der Bühne des Großen Saals spielt. Eine süße Melodie aus seiner südafrikanischen Heimat blüht auf und strahlt wohltuend warm.
Was mögen das für Erinnerungen sein, die da von der Musik geweckt werden? Bestimmt denkt Abdullah Ibrahim zurück an glückliche Augenblicke, die lange vergangen sind und nun durch die Musik lebendig werden. Auch die Menschen im voll besetzen Saal, die dem Klavierspiel still lauschen, denken vielleicht selbst zurück an besonders schöne Momente in ihrem Leben. Wie werde ich sein, wenn ich selbst einmal so alt werden sollte wie dieser Pianist da oben?
So wie die Erinnerungen zu fließen beginnen, bewegen sich Ibrahims Hände schneller auf den Tasten, um Bildern, die aus dem Gedächtnis auftauchen, mit dahin strömenden Klängen eine Gestalt zu geben. Der Pianist, den Nelson Mandela den „Mozart Südafrikas“ genannt hat, ist ganz bei sich. Seine Musik ist wie ein glückliches Lächeln nach Tränen, manches Mal umhüllt vom Blues wie eine sanfte Umarmung. Ab und zu hört man, während er selbstversunken spielt, einen Laut aus seinem Mund. Ist das ein Seufzen oder ein Singen? Eine hymnische Melodie wie aus fernen Zeiten lebt auf und verklingt.
Er nimmt das Publikum mit
Das Geheimnis Ibrahims wehmütiger Musik scheint aus der Stille zu kommen. Doch wieder beschleunigt er ein wenig das Spiel, nun kommt der Rhythmus leicht und tänzerisch daher. Die Kompositionen fließen ineinander wie leuchtende Farben eines Aquarells. Schönheit, heißt es bei Adalbert Stifter, entstehe durch Bewegung, die anregt, und durch Ruhe, die erfüllt. Es scheint, als sei Ibrahims wohltemperierter Jazz eine Bestätigung dieser Erkenntnis.
Auf den Weg, der ihn vom Offensichtlichen zum Verborgenen, von der Ablenkung zum Wesentlichen geführt hat, nimmt Ibrahim das Publikum mit. Das geht gerne mit und lässt sich berühren. Erst recht, als Abdullah Ibrahim am Ende sich sitzend den Menschen zuwendet und ihren herzlichen Applaus mit geöffneten Händen empfängt wie ein Gefäß.
Zum Dank singt er mit seiner alten brüchigen Stimme ein Lied aus der Heimat. Es ist ein ergreifender Moment bei den 36. Osterjazztagen im Stuttgarter Theaterhaus, ein Moment, der in Erinnerung bleiben wird.