Alexander Gerst erschien auf der Leinwand hinter Kraftwerk bei den Jazz Open im Jahr 2018. Foto: dpa

Der Auftritt von Kraftwerk am Dienstag bei den Jazz Open weckt Erinnerungen. Die Elektro-Pioniere sorgten 2018 auf dem Schlossplatz für Gänsehautmomente – mit Hilfe aus dem All.

Wenn elektronische Musikgeschichte geschrieben wird, ist Kraftwerk meist mittendrin. Die Düsseldorfer Band, die seit den 1970ern als führend bei der innovativen Entwicklung neuer Sounds mit Synthesizern und Drumcomputern gilt, kehrt nach Stuttgart zurück – in die Stadt, in der sie mit Astronaut Alexander Gerst 2018 weltweit für Schlagzeilen gesorgt hat. Die Konzerte von Mitgründer Ralf Hütter, 78, und seinen später hinzugestoßenen Bandkollegen sind multimediale Gesamtkunstwerke: 3D-Grafiken und Roboter-Ästhetik gehören dazu. Bei den Jazz Open vor sieben Jahren passierte freilich noch mehr.

 

Die Idee zum spektakulären Auftritt stammte von Gerst. Der ISS-Astronaut ist ein Fan von Kraftwerk. Lang vor dem Start ins All hatte der heute 49-Jährige mit seinen Idolen den Gastauftritt bei den Jazz Open klargemacht. Dafür nahm Astro-Alex einen mit virtuellen Synthesizern konfigurierten Tablet-Computer an Bord, denn er wollte mit seiner Lieblingsband eine spezielle Version des Tracks „Spacelab“ im Duett spielen. Perfekt hatte Gerst alles vorbereitet, auch die Zeitdifferenz berücksichtigt, die bei einer Liveschaltung zwischen All und Erde besteht: Es sind fünf Sekunden.

Am Dienstag spielt die Band Kraftwerk bei den Jazz Open auf dem Schlossplatz. Foto: dpa

Der Mitspieler des Konzerts aus dem All war ein Geheimkommando. Aus Sicherheitsgründen hatte die Europäische Weltraumorganisation (Esa) verlangt, den Plan auf keinen Fall anzukündigen. Die Befürchtung war, dass Hacker die Verbindung zwischen Erde und Weltraum knacken könnten, sollten sie wissen, wann die Schaltung aufgebaut wird.

Die Nachricht verbreitete sich weltweit

Der Kontakt lief über die Esa. Von dort war die Leitung mithilfe des SWR nach Stuttgart geführt worden. Die Redaktion der „Tagesthemen“ hatte sich überlegt, live von dieser für 22 Uhr geplanten Sensation bei den Jazz Open zu berichten. Das Risiko, dass es nicht klappen könnte, war ihr aber zu hoch. Die Nachricht verbreitete sich online weltweit. „Dies war nicht nur für die Jazz Open eine tolle Werbung“, erinnert sich Promoter Jürgen Schlensog, „sondern auch für Stuttgart.“

Aus 400 Kilometer Höhe hatte Alexander Gerst die Völkerfreundschaft und das Miteinander der Nationen gerühmt: „Hier im europäischen Columbus-Labor, dem Nachfolger des Spacelab, forschen wir von der europäischen Weltraumagentur Esa an Dingen, die das tägliche Leben auf der Erde besser machen werden. Über 100 verschiedene Nationen arbeiten hier friedlich zusammen und erreichen Dinge, die eine einzelne Nation nie erreichen könnte.“

Gerst spielte auf einem Tabletcomputer

Auf der Leinwand wurde hinter der Band der Astronaut zugeschaltet, der auf die Erde rief: „Guten Abend Kraftwerk. Guten Abend Stuttgart!“ Dieses Zusammenspiel zwischen Himmel und Erde bewies eindrucksvoll, dass Kraftwerk als eine der wegweisendsten Popbands der Welt immer neue Ideen für die Musik der Zukunft.

Winfried Kretschmann ehrt Alexander Gerst. Foto: Staatsministerium

Im Mai dieses Jahres hat Ministerpräsident Winfried Kretschmann dem im baden-württembergisches Künzelsau geborenen Alexander Gerst den Ehrentitel Professor für seine Verdienste als Astronaut, Wissenschaftler und Raumfahrtbotschafter verliehen. In seiner Laudatio sagte der Regierungschef: „Sie begeistern für Wissenschaft, für Raumfahrt, für Natur und Technik. Ihre nahbare Art trägt dazu bei, dass junge Menschen das dann auch studieren wollen.“ Dieses Engagement trage dazu bei, dass junge Menschen Wissen erlangten, Verantwortung übernähmen und aktiv an der Weiterentwicklung Baden-Württembergs mitwirkten – und vielleicht auch noch elektronische Musik spielen.