Der Islamverband VIKZ vermittelt Kindern in Deutschland ein ultrakonservatives Weltbild. In Leinfelden-Echterdingen liefert er sich seit Jahren einen harten Rechtsstreit mit der Stadt um einen Moscheebau. Ein Aussteiger schildert seine Erfahrungen.
„Je länger man dabei ist, desto mehr wird man indoktriniert“, meint Erol Ünal ruhig, aber bestimmt und nippt an seiner Tasse Kaffee. Der schmächtige junge Mann mit dem kahl rasierten Kopf und dem akkurat getrimmten Vollbart erzählt, sein Gegenüber hat er dabei mit wachen Augen fest im Blick. Ünal hat seine Teenagerjahre beim erzkonservativen türkischen Verband der Islamischen Kulturzentren (VIKZ), der Süleyman-Gmeinde, in Esslingen verbracht.
Seine Geschichte handelt davon, wie konservative Imame in Moscheen und Schülerwohnheimen – Letztere sind das VIKZ-Markenzeichen – Jugendlichen ein verqueres Weltbild vermitteln: die strikte Trennung von Mann und Frau etwa oder die freie westliche Gesellschaft, die, weil nicht Scharia-konform, verteufelt werde, so Ünal.
Schaden für die Integration?
Eine Moscheegemeinde, der Verein für Kultur, Bildung und Integration (VKBI), just dieses Verbands will in Leinfelden-Echterdingen eine neue Moschee plus Schülerwohnheim bauen. Und hat sich darüber in einem Rechtsstreit mit der Stadt auf den Fildern verhakt. Oberbürgermeister Roland Klenk (CDU) will das Heim verhindern, weil es der Integration in seiner Stadt schade. Der Gemeinderat hatte 2019 entschieden, der Islamverein solle die Moschee fertig bauen, auf alles andere aber – neben dem Heim unter anderem einen Friseur und einen Lebensmittelladen – verzichten. Die Stadt forderte das Baugrundstück zurück und zog vor Gericht.
Das Oberlandesgericht Stuttgart gab beiden Seiten bis Ende Juli Zeit für einen Vergleich. Klenk hält am Vorschlag von 2019 fest: „Nur der erste Bauabschnitt mit der Moschee – mehr nicht.“ Er sieht sich durch das Gericht bestärkt. „Ich will klare und zur Not einklagbare Verhältnisse schaffen“, so Klenk. VKBI-Chef Muhammet Güclü indes bietet dem Vernehmen nach an, dauerhaft auf das Heim zu verzichten, beharrt aber auf weiteren Vereins- und Geschäftsräumen.
Erol Ünal ist auf der Seite der VIKZ-Kritiker. „Die Süleyman-Gemeinde vertritt ultrakonservative, archaische Islamlehren, die freiheitlichen Werten diametral entgegenstehen“, sagt der 31-Jährige. Behörden, die dies nicht zur Kenntnis nähmen, trügen Mitschuld an der „Desintegration“ junger Muslime, meint er entschieden. Ünal möchte, dass die Öffentlichkeit von seiner Zeit beim Esslinger Kulturzentrum zur Integration- und Bildungsförderung (EKIB) erfährt, die ihm Jahre einer unbeschwerten Jugend geraubt haben. Er hat darüber ein eindrückliches Buch geschrieben („Der Abtrünnige“), in dem er auch seine Zeit bei den extremistischen Grauen Wölfen, Milli Görüs, Ditib oder der Gülen-Bewegung thematisiert.
Angstpädagogik pur
Der in Ostfildern geborene Ünal ist 13 Jahre alt, als ihn die Eltern in die Esslinger VIKZ-Moschee schicken, damit er eine religiöse Erziehung erhält. Bis 2009 verbringt er fünf Jahre dort. Zwar übernachtet er nicht, verbringt aber an den Wochenenden und in den Schulferien von morgens bis abends viel Zeit dort. Das Programm: Den VIKZ-Katechismus, den Ilmihal (ein Hilfswerk über die Grundzüge des Islams) sowie Koran-Suren auswendig lernen und Arabisch lesen lernen.
„Es gab immer wieder Momente, in denen er ausgerastet ist“, erinnert sich Ünal. Auch von einem Betreuer setzt es Ohrfeigen. Viele Eltern akzeptierten das oder wagten aus Furcht vor ihrem Ruf in der Community nicht, die Gewalt anzuzeigen. Das Schlimmste ist für Ünal aber, dass er nichts am Islam hinterfragen durfte. Er zeigt eine Stelle in seinem zerfledderten „Ilmihal“, wonach derjenige, der zweifelt, krank wird und in der Hölle landet. Angstpädagogik pur. Kindern und Jugendlichen werde so jede Kritik abgewöhnt. „Das Resultat ist blinder Gehorsam“, meint Ünal.
Auch wird den Jungs jeder Kontakt zu Mädchen verboten. Das sei Sünde. Schon kleine Mädchen müssten Kopftuch tragen. Bei der jährlichen Kirmes, bei der Gäste die Moschee besuchen und türkische Spezialitäten essen, sitzen Männer und Frauen strikt getrennt. Wenn er sich bei den Frauen auch nur Kuchen kaufen wollte, spürte er förmlich die verdächtigenden Blicke der Männer, bevor er sich bei den verhüllten Frauen vor Baklavas und Teigwaren wie ein potenzieller Vergewaltiger vorkam, erzählt Ünal. Diese Distanz überträgt er in dieser Zeit auch auf die Welt jenseits dieser türkischen Gemeinschaft. Ein Händedruck oder eine Umarmung von Mitschülerinnen in seiner regulären Schule erscheinen ihm verwerflich. „So wurde ich, obwohl ursprünglich gar nicht schüchtern, verschlossen“, meint er.
Handabhacken gemäß der Scharia
Auch jungen Frauen werde es so schwer gemacht, Kontakte mit dem anderen Geschlecht aufzubauen, erst recht mit Deutschen. Deren Lebensstil nehme man in diesem strenggläubigen Milieu ohnehin als fremdartig wahr und schotte sich ab.
Einmal besucht Ünal mit seiner Esslinger Gruppe die VIKZ-Gemeinde in Stuttgart. Vor den Koranschülern erzählt der dortige Imam von einem Dieb, dem gemäß der Scharia eine Hand abgehackt wurde. Der Imam führt aus, dass diese grausame Strafe vernünftig sei, weil der Bestrafte keinen weiteren Diebstahl mehr begehen könne und zugleich andere potenzielle Diebe abgeschreckt würden. Ältere Zuhörer nickten zustimmend, die übrigen Koranschüler blieben stumm, erinnert sich Ünal noch genau.
„Nur ich meldete mich und sagte, dass ich diese Art der Bestrafung für nicht zeitgemäß und brutal halte.“ Der Imam widersprach scharf, das Schweigen seiner Mitschüler enttäuschte Ünal und machte ihm einmal mehr klar, dass Widerspruch und Kritik in dieser autoritären Umgebung nicht vorgesehen sind. Heute denkt er: „Bei gehorsamen Frommen wird das Gewissen von religiöser Moral übertrumpft.“
Schläge auf den Hinterkopf in Friedrichshafen
Der VIKZ weist gegenüber unserer Zeitung die Schilderungen zurück: Es handele sich um „Behauptungen“ und „vermeintliche Vorfälle, die sich vor mehr als einem Jahrzehnt ereignet haben sollen“, teilt der VIKZ-Landesvorsizende Yavuz Kazanc mit. VKBI-Chef Güclü, auch im VIKZ-Landesvorstand, verweist ebenfalls darauf, dass die Vorgänge lange zurücklägen. „Bis heute sind uns Schilderungen in der Art, wie behauptet wird, nicht bekannt“, beteuert er mit Blick auf seine Moschee in Leinfelden-Echterdingen. Auf weitere Nachfragen heißt es, bei den Imamen in Esslingen und Stuttgart habe es längst Personalwechsel gegeben.
Um keine vermeintlichen Vorfälle, die lange zurückliegen, geht es bei der Schließung des VIKZ-Schülerwohnheims in Friedrichshafen im Frühjahr 2019. Dort war es laut zuständigem Kommunalverband Jugend und Soziales (KVJS) zu „körperlichen Übergriffen“ von Betreuern auf Kinder und Jugendliche gekommen. „Es gab Schläge auf den Hinterkopf auch bei kleinsten Vergehen, und es herrschte eine rigide Erziehung“, sagt eine Sprecherin. Mitarbeiter seien bei Kontrollen auf Kameras in Schlafräumen und einen Mangel an Betreuern gestoßen. Daraufhin entzog der KVJS dem Heim für zuletzt 19 Jungen die Betriebserlaubnis. Mehr will der Verband unter Hinweis auf den Schutz der Zeugen vor Repression nicht preisgeben.
„Freiheitlicher Islam“ nötig
Ünal glaubt heute an keinen Gott mehr. Von den jahrelang aufgezwungenen Strukturen hat er sich frei gemacht. Nach der Veröffentlichung seines Buches erntete er viel Hass in den sozialen Medien, wurde auch bedroht. Als „Haustürke“ wurde er beschimpft, sein Buch gar mit Hitlers „Mein Kampf“ verglichen. Mutig möchte er dennoch weiter aufklären und verhindern, dass andere junge Leute dieselben Erfahrungen machen müssen wie er. „Moscheegemeinden wie die vom VIKZ sorgen nur dafür, dass der strengkonservative Islam mit seinen archaischen Werten weiterlebt“, sagt er. „Die werden sich nie ändern“, ist er sicher. Dabei wäre es in seinen Augen dringend nötig, der toleranten Mehrheit der in Deutschland lebenden Muslime einen „freiheitlichen Islam“ anzubieten.
Verband der Islamischen Kulturzentren (VIKZ)
Der Verband
wird 1980 in Köln gegründet. Eine Vorläuferorganisation beginnt 1973 mit dem Koranunterricht. In Deutschland umfasst er rund 300 Ortsvereine, darunter 49 in Baden-Württemberg.
Ziel
ist die religiöse Unterweisung junger Menschen in Opposition zur säkularen Schule. Implizit ist man gegen die Trennung von Staat und Religion und orientiert sich für die Rechtssprechung eng an der Scharia. Formal bekennt sich der Verband aber zum Grundgesetz. Im Südwesten betreibt er zehn Schülerheime: Bad Wurzach, Giengen, Herrenberg, Kirchheim/Teck, Lörrach, Mannheim, Neckarsulm, Rastatt und zwei in Stuttgart – für 234 Schülerinnen und Schüler zwischen 12 und 18 Jahren.
Im Koordinationsrat der Muslime (KRM)
kooperiert der Islamverband mit der als extremistisch eingestuften Gruppierung Milli Görüs (IGMG). Er sitzt auch im Beirat des Tübinger Zentrums für islamische Theologie (Zith) und ist in der Stiftung Sunnitischer Schulrat ein Partner der Landesregierung bei der Ausgestaltung des islamischen Religionsunterrichts.