Die Organisation „Islamic Relief“ hilft etwa im Jemen. Foto: dpa/Hani Mohammed

Antisemitische Ausfälle der Führung setzen die Hilfsorganisation Islamic Relief nach Großbritannien auch in Deutschland unter Druck. Andere Helfer beenden die Zusammenarbeit und stoppen den Spendenfluss.

Stuttgart - Die Karikatur zeigt einen zufrieden grinsenden Barack Obama, den damaligen Präsidenten der USA. Auf der Krawatte ein weißes Emblem – der Davidstern. Auf seinem Schoß sitzen drei Figuren: Ayatollah Ali Chamenei, Irans oberster Führer, der syrische Präsident Baschar al-Assad und der jemenitische Rebellenführer Abdul-Malik al-Huthi. In den arabischen Sprechblasen ruft Chamenei „Tod für Amerika...Tod für Israel“; Assad ruft: „Tod...Tod“ und der Rebellenführer „Tod für Amerika“.

 

Als die britische „Times“ Ende August diese Karikatur aus dem Jahr 2015 und weitere antisemitische und terrorverherrlichende Facebook-Einträge von Almoutaz Tayaras veröffentlicht, ist die Empörung in Großbritannien riesengroß. Der Arzt aus Neuss in Nordrhein-Westfalen war frischgebackener Direktor der internationalen Hilfsorganisation Islamic Relief Worldwide (IRW) in Birmingham. Zugleich amtierte er als Vorstandsvorsitzender von Islamic Relief Deutschland (IRD) in Köln. Erst im Juli hatte er in England Heshmat Khalifa ersetzt, ein weiteres Vorstandsmitglied von Islamic Relief Deutschland. Die „Times“ hatte auch dessen antisemitische Posts enthüllt. Khalifa nannte Israeli die „Enkel von Affen und Schweinen“ und Ägyptens Präsident einen „Zuhältersohn der Juden“. Der Islamismus-Forscher Lorenzo Vidino hatte auf die Einträge aufmerksam gemacht.

„Wir bedauern aufrichtig“

Tayara beschrieb auf seiner Facebook-Seite die Führer der palästinensischen Terrororganisation Hamas als „großartige Männer“, die dem „göttlichen und heiligen Ruf der Muslimbruderschaft“ antworteten. Über die Führer von deren militärischer Unterorganisation schrieb er: „Die Helden von al-Kassem haben keinen Abschluss an den Militärakademien Großbritanniens und der USA gemacht, anders als die Herrscher und Könige der arabischen Welt, die dort den Ausländern – Großbritannien und den USA – in Feigheit und Loyalität ergeben waren.“

Ende August musste deshalb in England die Führung der muslimischen Organisation ihren Hut nehmen. Britische Behörden nehmen die Helfer jetzt genauer unter die Lupe. Islamismus-Expertin Sigrid Herrmann-Marschall hatte Tayaras Einträge von 2014 und 2015 schon 2017 veröffentlicht – mit geringem Echo. Das könnte sich nun ändern.

Islamic Relief Deutschland distanzierte sich von den Vorstandsmitgliedern. „Wir bedauern aufrichtig das inakzeptable Fehlverhalten unserer ehemaligen Führungskräfte“, so ein Sprecher. Zuvor beteuerte Geschäftsführer Tarek Abdelalem, schriftlich, die Äußerungen stünden „im klaren Widerspruch zu den Werten“ seiner Organisation. Man beginne einen „nachhaltigen Reformprozess“.

Khalifa war für eine Stellungnahme nicht erreichbar. Tayara reagierte per Mail: Er habe seine Posts nicht selbst geschrieben. Sie seien von einem zeitweise genutzten Account weitergeleitet worden. „Dies war sicher ein großer Fehler.“

Auswärtiges Amt fördert nicht mehr

Für IRD-Vorstandschef Tayara hatten seine Ausfälle lange keine Folgen. Er löschte die Posts, entschuldigte sich, blieb aber Vorstandschef. Vor zwei Wochen schied er nach eigenen Angaben aus dem Vorstand aus. Dann teilte „Aktion Deutschland Hilft“, ein Bündnis deutscher Hilfsorganisationen mit, die Mitgliedschaft von Islamic Relief Deutschland „bis auf weiteres“ auszusetzen Derweil würden keine Spenden an IRD überwiesen, so eine Sprecherin. 2015 bis 2019 seien 6,3 Millionen Euro geflossen.

Islamic Relief Worlwide engagiert sich nach eigenen Angaben gegen Armut und Hunger. Islamic Relief Deutschland, ist organisatorisch unabhängig, auch in Baden-Württemberg aktiv und kooperiert mit IRW. Wiederholt wurden Vorwürfe laut, die Organisation unterstütze Extremismus und Terror. Die Bundesregierung sieht laut einer FDP-Anfrage von 2019 „personelle Verbindungen“ zwischen IR Worldwide und IR Deutschland „zur Muslimbruderschaft oder ihr nahe stehende Organisationen“. Israel zählt IRW zum Finanzierungsapparat der Hamas. Islamic Relief in Birmingham und Köln bestreiten dies.

Im März lief die Förderung der IRD-Aktivitäten in Syrien durch das Auswärtige Amt aus. Von 2016 bis 2020 erhielt die Organisation 9,7 Millionen Euro. Weitere Gelder gebe es nicht, hieß es aus dem Auswärtigen Amt.