Thales-Chef Christoph Ruffner in der Zentrale von Thales Deutschland in Ditzingen. Foto: Thales

Die Verteidigungsindustrie in Baden-Württemberg boomt: Thales Deutschland verzeichnet einen Auftragsboom und plant, die Produktion in Ditzingen massiv auszubauen.

Thales schafft neue Jobs in Deutschland und baut die Produktion aus. Im Interview spricht Deutschland-Chef Christoph Ruffner über den Auftragsboom, Firmen, die Neugeschäft suchen und Quereinsteiger aus der Autoindustrie.

 

Herr Ruffner, wie sehr hat sich der Ruf Ihrer Branche verbessert?

Früher war es nicht opportun, über Verteidigung zu sprechen, da wurde sogar das Thema gewechselt, wenn jemand mitbekommen hat, dass man in der Branche tätig ist. Die Zeiten haben sich geändert. Jetzt kommen sogar Nachfragen, denn das Bewusstsein ist da. Persönlich hat sich also was verändert und auch die Firma wird anders wahrgenommen, als attraktiver Arbeitgeber.

Spüren Sie das auch bei Bewerbungen?

Ja. Dort, wo Automobilexpertise gefragt ist, zum Beispiel bei Engineering, Mechanik und digitaler Elektronik, bekommen wir verstärkt Bewerbungen – viel aus der Region Stuttgart, aber auch überregional. 20 Prozent unserer Neueinstellungen kommen aus der Automobilindustrie. Man spürt schon, dass es bei den Automobilern und Zulieferern schlechter läuft und sich viele Beschäftigte aus der Automobilindustrie umorientieren, weil sie ihren Arbeitsplatz als nicht mehr sicher wahrnehmen.

Dann haben Sie derzeit kein Fachkräfteproblem?

In bestimmten Bereichen schon, etwa in der Radar- oder Hochfrequenztechnologie. Durch den Aufschwung in der Verteidigungsindustrie sind solche Experten rarer geworden. Die suchen wir auch. Beispiel Vertrieb: Da ist eine andere Expertise nötig als beim Autoverkauf. Quereinstieg und Qualifizierung sind schon möglich. Aber wenn sie unter Druck sind, zu liefern, hilft das unseren Projekten nicht, weil es zu lange dauert.

Wie viele Jobs haben Sie geschaffen?

In den letzten zwei Jahren hat Thales in Deutschland rund 30 Prozent Personal aufgebaut, also fast ein Drittel. Wir waren Ende November 2025 bei rund 2200 Beschäftigten, im November 2023 waren es etwa 1700. Die Leute müssen sich auch einarbeiten und ins Unternehmen integriert werden.

Planen Sie weitere Neueinstellungen?

Wir haben ein projektgetriebenes Geschäft und einen sehr hohen Auftragseingang. Darauf reagieren wir und bauen mehr Personal auf, als ursprünglich geplant. In Deutschland hat Thales 110 offene Stellen, 40 davon in Ditzingen, wo rund 850 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt sind.

Was heißt ein sehr hoher Auftragseingang in Zahlen?

Der Auftragseingang ist mehr als doppelt so hoch wie der Umsatz und der lag 2024 bei rund 600 Millionen Euro. Entsprechend werden wir beim Umsatz in den nächsten Jahren wachsen. Von Erfolgen zu sprechen fällt einem trotzdem schwer, denn die Zahlen sind ja dem Umstand geschuldet, dass irgendwo gekämpft wird. Mir wäre es auch recht, wenn das Wachstum kleiner ausfallen würde und wir dafür keinen Krieg in der Ukraine hätten, sondern Frieden.

Inwiefern profitieren Sie vom höheren Verteidigungsbudget und der Aufrüstung der Bundeswehr?

Das Geld kommt in Form von Aufträgen wirklich an und das ist positiv. Man muss aber unterscheiden zwischen dem, was für die Bundeswehr beschafft wird und was der Sonderstab für die Ukraine beschafft. Der hat die Legitimation, noch schneller zu beschaffen. Davon profitiert die Ukraine, aber auch wir. Dadurch kommt bei uns mehr an. Die Bundeswehr will vor allem Material, das schon eingeführt ist – und davon mehr. „More of the same“, wurde uns gesagt. Ein Teil der Aufträge kommt sofort, aber oftmals sind es auch Rahmenverträge mit Option – ob es abgerufen wird und wann, ist dann offen.

Was liefern Sie an die Bundeswehr, was an die Ukraine?

Für die Bundeswehr liefern wir optronische Systeme, also beispielsweise Nachtsichtbrillen für Soldaten, Funkgeräte oder Schießsimulatoren, Informations- und Waffensysteme sowie Kommunikation für Schiffe. Letztere kommen vor allem aus unseren Standorten Kiel und Wilhelmshaven. Die Bundeswehr inklusive Ukraine machen etwa 75 Prozent des Umsatzes von Thales Deutschland aus. Für die Ukraine liefern wir Effektoren, also Raketen, sowie Radarsysteme, die unter anderem zum Schutz gegen Drohnen eingesetzt werden – und die Thales in Ditzingen entwickelt und baut. Dafür trainieren wir Ukrainer auf deutschem Boden. Durch das Training kommt auch die Bundeswehr mit den Produkten in Kontakt und das Feedback ist positiv. Für diese Radare haben wir international Kunden und werden die Produktion in Ditzingen vergrößern.

Ein mobiles Bodenradar zur Drohnenabwehr, das Thales in Ditzingen herstellt. Foto: Thales

Was heißt das konkret?

Bisher hat die Produktion Manufaktur-Charakter mit kleinen Stückzahlen. 2024 haben wir vom Ground Observer GO12 – also dem mobilen Bodenradar zur Drohnenabwehr, das man in einem Rucksack verstauen und schnell aufbauen kann – 80 Stück hergestellt, 2025 sind es 120. Ab dem Jahr 2027 wollen wir 500 Radare pro Jahr in Ditzingen herstellen, also die Produktion mehr als vervierfachen. Verglichen mit der Automobilindustrie sind das freilich kleine Stückzahlen. Aber das Problem haben alle Unternehmen im Verteidigungsbereich. Alle müssen schauen, wie sie die Stückzahlen hochfahren.

Sie bauen die Produktion in Deutschland aus, andere verlassen aus Kostengründen den Standort.

Da spielt natürlich der Souveränitätsgedanke eine wichtige Rolle. Die Souveränität besteht darin, dass man zumindest die Produkte, die zum Einsatz kommen, auch hier warten kann, am besten aber auch hier produziert und eine entsprechende Zulieferstruktur hat. Deutschland wird auch in der Thales-Gruppe als strategisch betrachtet. Thales ist ein europäischer Technologiekonzern, der in Frankreich, Deutschland, den Niederlanden und Großbritannien sehr große Einheiten hat. Im Übrigen gibt es da auch nochmal einen Unterschied zwischen der Automobilindustrie und der Rüstungsindustrie. Wir müssen eine große Anzahl unserer Mitarbeiter sehr, sehr strengen Sicherheitsüberprüfungen unterziehen, die lange dauern. Die haben es ja teils mit eingestuften, geheimen Akten zu tun.

Wie lange kann das dauern?

In der schärfsten Sicherheitsstufe kann das nicht nur Monate, sondern manchmal auch über ein Jahr dauern. Das ist kosten- und zeitintensiv. Da geht auch der Verfassungsschutz auf ihre Kontaktpersonen zu. Da geht es auch um Fragen, ob etwa Abhängigkeiten ins Ausland existieren – finanzieller oder emotionaler Art. Wenn da ein Kollege gerade seine neue chinesische Freundin vorgestellt hat, wird es schwierig. Ist uns auch schon passiert. Sie bekommen den nicht einfach durch eine Sicherheitsüberprüfung.

Apropos Zulieferer, melden sich Firmen bei Ihnen auf der Suche nach neuen Projekten?

Es meldet sich wirklich fast täglich eine Firma, nach dem Motto „ich habe da etwas, was auch im Verteidigungsbereich interessant sein könnte“. Die Bandbreite ist unterschiedlich – vom Autozulieferer bis zu Betrieben, die Mechanikbauteile herstellen. Aber wenn sie täglich eine E-Mail bekommen, werden Sie irgendwann resistent. Da finde ich die Initiative „Verteidigung und Sicherheit Baden-Württemberg“ einen guten Ansatz, bei der sich unterschiedliche Firmen austauschen können, um ein Matchmaking hinzubekommen. Bei den Treffen geht es darum: Wo sind diejenigen, die was in der Verteidigung machen wollen, welche Verteidigungsunternehmen haben welchen Bedarf? Da wird offen diskutiert und man kann sich gegenseitig inspirieren.

Thales-Chef mit Wurzeln in Stuttgart

Der Chef
Christoph Ruffner (48) ist seit 1. Januar 2024 Chef von Thales Deutschland. Der gebürtige Stuttgarter, der in Möhringen aufgewachsen ist, wo sein Vater einen Handwerksbetrieb hatte, studierte an der Uni Stuttgart Softwaretechnik. Seine Berufslaufbahn startete Ruffner 2004 bei der damaligen DaimlerChrysler AG. Er hat vielfältige Erfahrungen in der Verteidigungsbranche – unter anderem bei der Airbus- Gruppe und bei Hensoldt in Ulm, wo er auch wohnt.

Das Unternehmen
Thales Deutschland hat hierzulande neun Standorte und rund 600 Millionen Euro Umsatz (2024). Eines der Vorgängerunternehmen war der Technologiekonzern Standard Elektrik Lorenz (SEL), der unter anderem für seine Expertise in der Eisenbahn- und Verteidigungstechnik bekannt war. Thales ist im militärischen Bereich (Sensoren, Funkgeräte, Radare und Optronik), aber auch im zivilen Bereich (Avionik und Cybersicherheit) tätig. Die Sparte Ground Transportation Systems (GTS), die wesentliche Teile für den digitalen Bahnknoten von Stuttgart 21 lieferte, hat Thales 2024 an Hitachi verkauft. Thales Deutschland gehört zum französischen Thales-Konzern, der weltweit rund 83.000 Beschäftigte und über 20 Milliarden Euro Umsatz hat.

Der Standort
Am Stammsitz von Thales Deutschland in Ditzingen arbeiten rund 850 Beschäftigte. Neben der Entwicklung und Fertigung von Radaren, Nachtsichtbrillen, Wärmebild- und Funkgeräten (Verteidigungsgeschäft) geht es am Standort auch um Avionik (Luft- und Raumfahrt) sowie Cybersicherheit. Für die Bundeswehr generiert Thales die Kryptoschlüssel, also Verschlüsselungscodes für den Schutz militärischer Kommunikation und IT-Systeme. Wichtige Kunden sind auch Banken. Die Verschlüsselungstechnik von Thales schützt täglich rund eine Milliarde Finanztransaktionen weltweit. In Ditzingen werden 2025 rund sieben Millionen Debit- und Kreditkarten hergestellt.