So idyllisch sieht es im Wald in Baden-Württemberg nicht mehr überall aus – der Klimawandel wird spürbar. Foto: IMAGO/imagebroker

Die Forstkammer spricht für die Besitzer von 76 Prozent der Waldfläche im Südwesten – der neue Präsident Adrian Sonder mahnt Eile an und nimmt die neue Landesregierung in die Pflicht.

Borkenkäfer, Trockenheit und Stürme setzen dem Wald im Südwesten zu. Adrian Sonder, OB in Freudenstadt und neuer Präsident der Forstkammer Baden-Württemberg, sieht das Land grundsätzlich auf dem richtigen Weg – aber es gehe zu langsam, und es fehlten die Mittel.

 

Im Harz sind riesige Waldflächen mit Fichten abgestorben – droht das in Baden-Württemberg auch?

Adrian Sonder: Der Klimawandel wird größere Hitze, mehr Dürren und mehr Stürme bringen – es besteht für manche Orte natürlich die Angst, dass wir Zustände wie im Harz bekommen könnten. In den Trockenjahren ab 2018 hat es alle extrem getroffen, vor allem an der Südabdachung des Schwarzwaldes sind wirklich große Kahlflächen entstanden. Gerade deshalb ist es wichtig, dass wir den Waldumbau forcieren.

Heißt das, es geht zu langsam?

Wir müssen beim Tempo zulegen. Hier im nördlichen Schwarzwald, wo es noch mehr regnet und wo es nicht ganz so heiß ist, haben wir ein wenig mehr Zeit. Aber unten im Rheintal, da sterben manche Wälder komplett weg. Dort herrscht teilweise Rätselraten, was man überhaupt noch tun kann, um die Wälder zu erhalten.

Adrian Sonder, der OB von Freudenstadt, ist seit Ende März neuer Präsident der Forstkammer. Foto: Kati Günther

Was tun Sie in Freudenstadt konkret, um schneller zu werden?

Wir hatten zum Beispiel vor, in den nächsten zehn Jahren sechs Hektar Wald neu anzupflanzen. Aber mir ist es ein ganz großes Anliegen, dass wir einen Schritt nach vorne machen, und der Gemeinderat ist meinem Vorschlag dankenswerterweise gefolgt. Jetzt planen wir mit 27 Hektar. Das ist mit erheblichen Kosten verbunden, aber für mich ist der Wald unser Kapital, unser Lebensraum, unsere Zukunft.

Jetzt könnte man defätistisch sagen, selbst 27 Hektar sind bei 3300 Hektar Waldfläche in Freudenstadt vernachlässigenswert.

Es ist fast eine Verfünffachung der Fläche und des finanziellen Aufwands. In diesen schwierigen Haushaltszeiten ist das schon ein Ausrufezeichen.

Wie weit sind Sie insgesamt bei diesem Waldumbau?

In Freudenstadt, wie in vielen Regionen Baden-Württembergs, hat der Waldumbau schon vor Jahrzehnten begonnen. Wir hatten Anfang der 1980er Jahre noch einen Anteil der Fichten von 72 Prozent. Heute sind es 51 Prozent, und wir wollen den Bestand weiter bis auf 29 Prozent senken. Tannen und Buchen sollen dagegen stark zunehmen. Man sieht, der Waldumbau ist kein Kurzstreckenlauf. Aber die Dürrejahre haben gezeigt, wie stark der Klimawandel zuschlagen kann.

Was bedeutet Waldumbau noch?

Es geht vor allem um eine gute Durchmischung im Wald. In unserem Plenterwald am Kienberg haben wir jetzt oft auf kleinen Flächen sechs oder sieben Baumarten: Buche, Fichte, Tanne und Bergahorn sind von selbst gekommen, Douglasie und Vogelkirsche haben wir angepflanzt. Wir setzen darauf, möglichst divers zu werden, möglichst viele Baumarten und klimaresistente Baumarten zu bekommen.

Lohnt sich in Zeiten des Klimawandels die Forstwirtschaft für private und kommunale Waldbesitzer noch?

Es hängt natürlich viel von der Größe des Betriebs und der Struktur des Waldes ab, aber bei uns in Freudenstadt ist der Betrieb noch auskömmlich. Und in den letzten Jahren haben sich die Einnahmen wieder eher positiv entwickelt, denn die letzten beiden Jahre waren feuchter und kühler. Aber wir brauchen die Einnahmen, um den Waldumbau finanziell stemmen zu können.

Wie dürfte der wirtschaftliche Betrieb bei zunehmendem Klimawandel aussehen?

Die ganze Nutzung, das ganze Ökosystem Wald, ist dann gefährdet. Das steht außer Zweifel.

Erwarten Sie also auch mehr Unterstützung von staatlicher Seite?

Der Waldumbau ist eine Aufgabe der gesamten Gesellschaft, die Waldbesitzer können das auf Dauer nicht alleine stemmen. Wir sind deshalb tatsächlich mit der derzeitigen Fördersituation nicht ganz zufrieden und haben dazu zwei Hauptforderungen an die neue Landesregierung.

Welche sind das?

Erstens muss die finanzielle Unterstützung beim Borkenkäfermanagement verstetigt werden, und sie muss sich an den realen Bedarfen orientieren. Wenn es immer heißer wird, nehmen die Probleme mit dem Borkenkäfer zu. Wir müssen deshalb dieses Management intensivieren. Und zweitens müssen wir bei der Jungbestandspflege unterstützt werden – sie ist zentral für das Gelingen des Waldumbaus. Bisher erhalten aber nur Betriebe mit weniger als 200 Hektar Wald eine Förderung, und Kommunen bekommen gar nichts.

Wie sieht die derzeitige Förderung aus?

Die Suche nach befallenen Borkenkäferbäumen wird derzeit mit zwölf bis 15 EUR pro Jahr und Hektar unterstützt. Die Beihilfe für die Aufarbeitung der Käferbäume wurde wegen Geldmangels eingestellt. Kleinwaldbesitzer können bei der Jungbestandspflege einen Teil der Kosten erstattet bekommen, maximal jedoch 50 Prozent.

Von wie viel Geld sprechen wir jetzt zusätzlich?

Mir ist natürlich die finanzielle Lage des Landes bewusst, deshalb will ich keinen Zehn-Punkte-Plan mit unrealistischen Forderungen ins Spiel bringen. Natürlich gibt es noch weitere wichtige Themen wie die Fortführung der Holzbau-Offensive, den Schutz vor Waldbränden, den Bürokratieabbau oder die Finanzierung von Naturschutzmaßnahmen. Aber die beiden genannten Schwerpunkte wären angesichts des Klimawandels wirklich sehr sinnvoll. Zuletzt hat sich etwa der Bund aus der Co-Finanzierung des Borkenkäfermanagements zurückgezogen. Das war eine klare Fehlentscheidung.

Das Gespräch führte Thomas Faltin.

Neuer Präsident der Forstkammer

Adrian Sonder
Seit knapp zwei Jahren hat der 36-jährige Adrian Sonder das Amt des Oberbürgermeisters in Freudenstadt inne. Er trat als unabhängiger Kandidat an, ist aber CDU-Mitglied. Sonder ist in Baden-Baden aufgewachsen , hat in Frankreich, Irland und Schweden studiert und hat in der Bundes- sowie der Landespolitik gearbeitet. Vor Kurzem wurde Adrian Sonder zum Präsidenten der Forstkammer Baden-Württemberg gewählt.

Forstkammer
Die Forstkammer vertritt die Interessen der 260.000 privaten und kommunalen Waldbesitzer im Südwesten – deren Anteil an der Waldfläche liegt bei 76 Prozent. Der Rest ist Staatswald im Besitz des Landes. In Baden-Württemberg sind fast 40 Prozent der Landesfläche bewaldet, das entspricht 1,37 Millionen Hektar. fal