Dietmar Allgaier ist bis zum Frühjahr 2025 Präsident des VfB Stuttgart, dann konzentriert er sich wieder auf seinen Job als Landrat des Kreises Ludwigsburg. Foto: Pressefoto Baumann/Julia Rahn

Noch bis zum Frühjahr 2025 amtiert Dietmar Allgaier als Präsident des VfB Stuttgart. Neuerdings ist er auch Aufsichtsratschef der VfB AG. Welche Ziele hat er in diesen Ämtern noch? Im Exklusiv-Interview spricht er darüber.

Dietmar Allgaier führt den VfB Stuttgart nach der Abwahl von Claus Vogt übergangsweise als Präsident. Dabei agiert der Ludwigsburger Landrat unaufgeregt im Hintergrund. Dennoch tritt 58-Jährige, der beim Fußball-Bundesligisten auf eine finanzielle Vergütung verzichtet, mit klarer Meinung und Zielen in seiner kurzen Amtszeit auf, wie er im Gespräch beweist.

 

Herr Allgaier, als Sie Ende Juli telefonisch gefragt worden sind, ob Sie sich vorstellen könnten, Interimspräsident des VfB zu werden, befanden Sie sich gerade auf einem Konzert der Band Pur. Als das Gespräch zu Ende war, lief der Song „Abenteuerland“. War das Motto der folgenden Monate damit gesetzt?

(Lacht) Ja, tatsächlich fühle ich mich noch immer ein bisschen wie in einem Abenteuerland. Aber in einem schönen. Ich durfte mich einarbeiten, viele neue Menschen kennenlernen, es ging alles sehr rasant. Und: Das Abenteuer geht ja noch weiter.

Mit einer weiteren Aufgabe. Kürzlich haben Sie das Amt des Aufsichtsratschefs der VfB AG von Tanja Gönner übernommen. Diesen Wechsel zugunsten des VfB-Präsidiums herbeizuführen – war das eines Ihrer Hauptanliegen?

Zunächst war es die wichtigste Aufgabe, eine Mitgliederversammlung mit der Neuwahl eines Präsidenten oder einer Präsidentin vorzubereiten – ich bin ja nur bestellt, nicht gewählt und sehe mich daher in der Rolle des Brückenbauers in die Zukunft.

Die Mitgliederversammlung soll nun im Frühjahr stattfinden ...

...und sie ist eine ordentliche, keine außerordentliche. Ich bin nach wie vor überzeugt, dass es so aus vielerlei Gründen am sinnvollsten ist, schon allein wegen der Fristen rund um die Bewerbungen der Kandidatinnen und Kandidaten über einen gänzlich neuen Wahlausschuss. So haben wir nun ein geordnetes Verfahren.

Nach der Versammlung im Frühjahr wird es nicht nur einen neuen Vereinsbeirat geben, sondern auch ein neues Präsidium und einen neuen Clubchef oder eine Clubchefin. Hätte man nicht so lange warten können mit dem Wechsel an der Spitze des AG-Aufsichtsrates? Schließlich wurde jetzt die eine Übergangslösung, Tanja Gönner, von einer anderen abgelöst.

Das ist richtig, und man hätte im Sinne der Kontinuität mit dieser Entscheidung noch warten können. Bei Tanja Gönner war das Amt auch in guten Händen. Andererseits gab es unter den Mitgliedern die klare Erwartung, dass der Vorsitz im AG-Aufsichtsrat wieder an ein Mitglied des Vereinspräsidiums übergeht. Von daher habe ich früh entsprechende Gespräche geführt.

Die innerhalb des Aufsichtsrats womöglich gar nicht so einfach waren?

Ich kann Ihnen versichern: Auch innerhalb des Aufsichtsrats war klar, dass dieser Wechsel vollzogen werden soll, sobald eine Person für geeignet erachtet wird, das Gremium zu führen. Es ging nie um das „Ob“, sondern um das „Wann“. Die Gespräche waren allesamt konstruktiv. Nun waren die Voraussetzungen gegeben – und aus meiner Sicht gibt es einen weiteren Vorteil dieser Entscheidung zum jetzigen Zeitpunkt.

Dietmar Allgaier und Andreas Grupp (re.) bilden derzeit das Präsidium des VfB Stuttgart. Foto: Pressefoto Baumann/Julia Rahn

Welchen?

Das Bewerbungsverfahren für das Präsidentenamt kann durch dieses Thema nun nicht überlagert werden.

Die emotionalen Diskussionen der vergangenen Monate entzündeten sich am vermeintlichen Versprechen, der Präsident des Vereins werde stets Vorsitzender des AG-Aufsichtsrats sein. Dann wurde Claus Vogt als Chef des Kontrollgremiums abgewählt. Wie sehen Sie dieses Thema mit Blick in die Zukunft?

Zunächst muss man festhalten: Rein formalrechtlich entscheidet der Aufsichtsrat der AG immer autonom, wer dessen Vorsitz innehat. Ich halte es aber nach wie vor für richtig, dass der Verein den Vorsitz im Aufsichtsrat der AG stellt – jetzt und in der Zukunft. Ob der Präsident selbst Vorsitzender ist oder ein Präsidiumsmitglied sollte das Präsidium dann entscheiden – wichtig ist, dass diese Person durch die Mitglieder gewählt und legitimiert ist. Ich kenne das aus den Kontrollgremien, in denen ich als Landrat vertreten bin, übrigens genauso.

Was meinen Sie genau?

Der Landkreis Ludwigsburg ist vielerorts Hauptgesellschafter – und in den jeweiligen Kontrollgremien käme man nie auf die Idee, dass jemand anderes als der Hauptgesellschafter den Vorsitzenden oder die Vorsitzende stellt.

Gab es das Ausgliederungsversprechen?

Was ist es denn nun gewesen im Frühjahr 2017 rund um die Ausgliederung der Profisparte? Ein Versprechen? Eine Absichtserklärung?

Ich würde sagen: eine Zielfestlegung. Denn, wie gesagt: Festschreiben kann man in einer Vereinssatzung nicht, dass ein Präsident stets der Vorsitzende des Aufsichtsrats der AG ist.

Sind Sie denn sicher, dass es Kandidatinnen und Kandidaten für das Präsidium gibt, die am Ende sowohl die Mitgliedschaft überzeugen als auch die Vertreter des Aufsichtsrats – und es nicht erneut Diskussionen um den Vorsitz gibt?

Der VfB Stuttgart hat mittlerweile fast 115 000 Mitglieder – und ich bin fest davon überzeugt, dass sich darunter Personen befinden, die diese Ämter gut ausfüllen können. Zumal wir mit dem dreiköpfigen Präsidium ja auch die Chance haben, Menschen mit unterschiedlichen Kompetenzen zu wählen. Am Ende geht es aber darum, ob diese sich ein Amt auch vorstellen können.

Sie selbst haben nicht doch Lust auf mehr bekommen?

Lust definitiv. Aber es ist einfach nicht möglich, den Job eines Landrats dauerhaft mit dem Ehrenamt als VfB-Präsident zu vereinen – zumindest nicht, wenn man beiden Ämtern gerecht werden möchte. Schon allein des Zeitaufwandes wegen.

Die formalen Hürden für eine Bewerbung sind hoch, Sie haben nun den Zeitaufwand angesprochen. Was muss ein künftiger Präsident oder eine Präsidentin aus Ihrer Sicht genau mitbringen?

Vor allem: Leidenschaft für den Verein, für die Vereinsarbeit. Aber auch die Kenntnisse für den anderen, die AG betreffenden Bereich. Ich denke, die entscheidende Frage für potenzielle Bewerberinnen und Bewerber lautet: Befinde ich mich in einer Lebensphase, in der dieses Amt machbar ist.

Da ergibt sich ja fast ein Widerspruch: Wer im Berufsleben steht und die Voraussetzungen erfüllen würde, kann ein solches Engagement kaum stemmen.

Man muss das jedenfalls gut abwägen, zumal man ja auch ein Stück weit in der Öffentlichkeit steht. Es ist leistbar, wenn man die Aufgaben organisieren kann, denn VfB-Präsident ist man nicht nur am Wochenende. Aber aus der jetzigen Erfahrung können Andreas Grupp und ich sagen: Ein Präsidiumsamt hat auch sehr viele schöne Seiten.

Derzeit könnte man sich ja in den sportlichen Erfolgen der Fußball-AG sonnen. Dabei, Sie haben es schon gesagt, sollte der Präsident seit der Ausgliederung ja nicht mehr die entscheidende Position im Tagesgeschäft des Profifußballs sein.

Deshalb sage ich auch klipp und klar: Wenn jemand Präsident oder Präsidentin werden will, um im Rampenlicht zu stehen, dann rate ich von einer Kandidatur ab. Natürlich ist man nicht unwichtig und es gibt Momente, in denen man in der Öffentlichkeit steht. Diese kommen übrigens von ganz allein, die muss man nicht suchen. Aber es geht um den Club, nicht darum, selbst in der ersten Reihe zu stehen. Der Präsident ist nicht der VfB.

Ihre Amtszeit als Interimspräsident und Aufsichtsratschef läuft noch rund ein halbes Jahr. Haben Sie sich weitere Ziele für diese Zeit gesetzt?

Im Aufsichtsrat der AG wollen wir die strategischen Leitplanken weiter diskutieren und entwickeln. Wir leben mit dem VfB ja derzeit in einer traumhaften Zeit und unsere Mitgesellschafter in der AG vertreten auch ehrgeizige Ziele. Zugleich geht es immer um die Frage der Wirtschaftlichkeit und der Ausrichtung unserer Möglichkeiten. Wir können nach den Sternen greifen, müssen aber auch auf dem Boden der Tatsachen bleiben.

Das bedeutet konkret?

Dass wir Strategien und Planungen für verschiedene Szenarien brauchen. Für den besten Fall, aber auch für den Worst Case. Und dass wir gleichzeitig die Gesamtentwicklung so weit wie möglich losgelöst vom sportlichen Geschehen voranbringen.

Dietmar Allgaier zu Besuch in unserer Redaktion Foto: Lichtgut / Ferdinando Iannone

Gehört dazu auch die Suche nach einem weiteren Investor, der die noch verfügbaren AG-Anteile (3,1 Prozent) erwirbt?

Das obliegt zunächst dem Vorstand. Als Aufsichtsrat haben wir potenzielle Optionen zu prüfen und zu bewerten – auch gerade dahingehend, ob ein Unternehmen wirklich zum VfB passt. Die Attraktivität für Unternehmen besitzen wir in jedem Fall. In den vergangenen Monaten hat der Vorstand starke Partnerschaften mit regionalen Topunternehmen geschlossen. Alex Wehrle und Rouven Kasper machen da einen super Job. Alles zusammen sichert uns dann das Kapital, um sportlich weiter erfolgreich zu sein und insgesamt zu wachsen.

Was kann der VfB gegen den politischen Rechtsruck tun?

Kapital und Kurve, beziehungsweise die Mitbestimmung der Mitglieder. Da sahen und sehen viele einen Konflikt.

Ich sehe da keinen Interessenskonflikt. Wir haben, wie gesagt, viele tolle Partner. Und wir haben beim VfB eine einzigartige Mitglieder- und Fankultur. Am Ende wollen alle den Erfolg des VfB. Insofern, finde ich, sollten wir nicht immer über das Trennende sprechen, sondern über das Gemeinsame und zusammen den Weg des VfB definieren.

Teilweise gab es zuletzt nicht einmal innerhalb der VfB-Gremien viele Gemeinsamkeiten. Wir nehmen Sie die Arbeit dort nun wahr?

Als sehr positiv. Ich bin angetan, wie konstruktiv und sachorientiert in und unter den Gremien diskutiert wird. Das gilt im Übrigen genauso für den Austausch mit dem Fanausschuss, den Abteilungen, dem Freundeskreis und mit den Fanclubs.

Ist denn unter Ihrer Führung Ruhe eingekehrt?

Ich würde sagen: ja. Auch, weil uns als Präsidium das so gespiegelt wird, unter anderem von den Abteilungsleitern der einzelnen Sparten unseres Vereins.

Sie haben die beeindruckende Größe des Vereins bereits angesprochen. Welche Verantwortung erwächst daraus aus Ihrer Sicht im gesellschaftlichen Kontext, unter anderem in Bezug auf den Rechtsruck bei den jüngsten Landtagswahlen in Deutschland?

Wir leben tatsächlich in gesellschaftlich schwierigen Zeiten. Der VfB hat dabei nicht nur ein Leitbild, sondern auch eine Vorbildfunktion. Unser Verein steht für Vielfalt, Toleranz und das Miteinander unterschiedlichster Kulturen. Der VfB ist laut Satzung zwar politisch neutral, stellt sich aber gegen jede Form der Radikalität und tritt aktiv für die freiheitlich-demokratische Grundordnung ein. Abgesehen davon ist mir eines wichtig zu sagen: Es gibt aus meiner Sicht keinerlei Rechtfertigung, aus Frust rechtsradikal zu wählen.