Intendant Axel Preuß im Foyer der Komödie im Marquardt Foto: Schauspielbühnen/Martin Siegmund

Die Komödie im Marquardt feiert 2026 ihren 75. Geburtstag. Aber braucht Stuttgart überhaupt ein eigenes Komödienhaus? Der Chef findet: Unbedingt!

Es ist seine achte Spielzeit in Stuttgart: Seit Herbst 2018 verantwortet Axel Preuß als Intendant die Schauspielbühnen Stuttgart. Das Jahr 2026 wird für ihn besonders werden: Die Komödie im Marquardt feiert im Herbst ihren 75. Geburtstag. Im Gespräch verrät Preuß, warum er gerade wegen ihr auch nach Stuttgart gewechselt ist.

 

Herr Preuß, zur Einstimmung auf unser Interview habe ich mir auf einer Ihrer beiden Bühnen, der Komödie im Marquardt, die aktuelle Produktion angesehen: „Barfuß im Park“ von Neil Simon.

Und wie fanden Sie’s?

Ich ging mit einigen Zweifeln hin: Das Stück ist rund 60 Jahre alt, die Verfilmung mit Robert Redford hat nun fast jeder schon mal gesehen, die dort verhandelten Ehekonflikte und Rollenbilder scheinen doch wirklich ein bisschen überholt. Aber zum Schluss stellte ich fest: Regie und Darstellende haben alles richtig gemacht. Ich fühlte mich glänzend unterhalten.

Ach, das freut mich. Das ist ja gerade unser Ziel an diesem Haus.

Theatereingang in der Bolzstraße Foto: Schauspielbühnen

Deswegen sind Sie ernsthaft vor über sieben Jahren vom großen Badischen Staatstheater nach Stuttgart ans Privattheater gewechselt – um hier das Publikum einfach nur zu unterhalten?

Moment einmal, ich habe hier ja zwei Bühnen zu bespielen, das traditionsreiche Alte Schauspielhaus mit seinem gemischten Spielplan und eben die Komödie im Marquardt. Aber Sie werden lachen, tatsächlich war das eines meiner Hauptmotive, nach Stuttgart zu kommen: Dass ich hier die großartige Möglichkeit habe, ein Haus ganz der komischen Literatur zu widmen. Ich wusste damals schon: Die Komödie ist letztlich das dramatische Genre der Stunde, denn wir leben in dystopischen Zeiten, aber in der Komödie scheint die Utopie auf.

Das Theater als Ort der Bespaßung in krisengeschüttelten Zeiten?

Keineswegs. Sondern das Theater als Ort, an dem im Kontrast zum Alltag die Welt als etwas positiv zu Gestaltendes erlebt werden kann. Unsere Besucher erleben die Gegenwart gerade aktuell besonders als Zeit, in der nichts mehr sicher, vieles nicht mehr zu gelingen scheint. Unser Auftrag scheint mir nicht mehr, dieses Misslingen im Realen auf der Bühne noch zu toppen und Julia ihren x-ten Bühnentod erleiden zu lassen. Ich möchte unserem Publikum kleine utopische Botschaften und Lebensmut mitgeben. Dafür gibt es in der Dramatik keine geeignetere Form als die Komödie.

Das hätten Sie aber am Staats- oder Stadttheater auch so betreiben können.

Ja. Aber oft genug ist das dort nur möglich nach schweren, endlosen internen und ideologisch geprägten Debatten, ob das Leichte auch wirklich erlaubt sei oder nicht, ob die Stücke beispielsweise von Yasmina Reza…

…einer der erfolgreichsten Komödienautorinnen unserer Zeit…

…ob deren Komödien nun zu konservativ seien oder nicht, zu sehr Boulevard oder nicht, und so weiter und so fort. An vielen meiner früheren Arbeitsplätze stand das Leichte immer unter Rechtfertigungsdruck. Und nun bin ich in Stuttgart und habe die Komödie im Marquardt. Keine Grundsatzdebatten mehr. Wunderbar.

Sprechen Sie mit alledem vor allem das ältere Publikum an?

Unser Publikum im Alten Schauspielhaus und in der Komödie im Marquardt ist in der Mehrheit zwischen 40 und 60 Jahre alt. Damit sind wir sehr zufrieden.

Und wie versuchen Sie, dieses Publikum an sich zu binden?

Wir wollen auf unseren Bühnen den Zuschauern für zwei Stunden eine Gegenwelt eröffnen. Aber wir vertrauen dabei den Autoren und ihren Stoffen, und wir vertrauen der Neugier unseres Publikums. Für uns ist das Erzählen einer Geschichte – auf neudeutsch: das Storytelling – und die Verständlichkeit der Figuren und ihrer Motive, ihres Charakters bei jeder Inszenierung grundlegend. Unsere Zuschauer sollen in unseren Inszenierungen keineswegs immer nur das sehen, was sie ohnehin schon kennen oder erwartet haben. Aber sie sollen etwas erleben, was mit ihnen zu tun hat und was sie darum beschäftigt. Wir möchten, dass unsere Zuschauer hinterher zufrieden nach Hause gehen – und darum auch gern das nächste Mal wiederkommen.

Muss ein Theater seine Zuschauer nicht auch fordern, herausfordern?

Wir haben im Alten Schauspielhaus in dieser Saison schon Kleists „zerbrochenen Krug“ gespielt. Das ist allein schon durch die Sprache des Autors, die unserer heutigen nun wirklich maximal fern liegt, eine riesige Herausforderung. Aber deswegen haben wir uns bei unserer „Krug“-Inszenierung ganz besonders auf eine exzellente Sprache konzentriert, auf hochklassiges Spiel unseres Ensembles. Wissen Sie, an meinen früheren Arbeitsstationen an den Stadttheatern ging es häufig bei den Proben um die Frage, wie ziehen wir den Zuschauer auf unsere Seite. Ich möchte heute viel mehr mit unseren Stücken auf der Seite der Zuschauer sein.

Apropos, stimmt es, dass Sie Ihre Produktionen konsequent auf zwei Stunden inklusive Pause beschränken?

Zwei Stunden und zehn Minuten sind bei uns das Äußerste, das geben wir jedem Regisseur bei den Proben mit. Das ist die Zeit, die durch heutige Sehgewohnheiten üblich ist. Und es gibt unseren Zuschauern die Möglichkeit, wieder auf dem Heimweg zu sein, bevor die Bahnen und Busse nur noch selten unterwegs sind. Für uns sind diese Bedürfnisse der Zuschauer nicht nebensächlich, sondern berechtigt. Und auch wenn das der Regisseur natürlich bei der Arbeit oft anders sieht: Konzentration hat noch keinem Theaterabend geschadet.

Wie weit sehen Sie Ihre Arbeit bedroht durch die aktuellen Einsparungen im Kulturbudget der Stadt Stuttgart?

Anders als manche Gruppen der freien Szene bedrohen die Einsparungen nicht gleich unsere Existenz. Aber sie schränken unsere Arbeit natürlich spürbar ein. Wenn uns Mitarbeiter fehlen, können wir weniger Veranstaltungen anbieten als bisher. Wenn wir eine Produktion streichen müssen, fehlen uns auch die eigentlich daraus geplanten Einnahmen. Wir müssen aufpassen, dass wir da nicht in eine Abwärtsspirale kommen: weniger Angebot, sinkende Attraktivität, sinkende Nachfrage, weniger Einnahmen, zusätzlicher Spardruck. Und so fort.

Zunächst einmal aber steht dem Jubiläum der Komödie im Marquardt in diesem Jahr nichts im Wege? Oder gibt es jetzt nur noch Selters statt Sekt?

Nein, das wird gefeiert. Wir werden die Saison 2026/27 der Schauspielbühnen dort beginnen mit der Produktion „Der 75. Geburtstag“ – und mit unseren Komödienstars von heute für das Publikum hoffentlich eine große, erfolgreiche Geschichte des Hauses lebendig werden lassen.

Aber nicht länger als zwei Stunden?

Zwei Stunden zehn. Danach gibt’s für alle eine große Geburtstagsparty. Und die ist natürlich open end! Und wie es danach mit dem Feiern weitergeht, ist dann jedem Zuschauer selbst überlassen.

Der Intendant und seine Bühnen

Biografie
 Axel Preuß wurde 1962 in Hamburg geboren. Mit einem Studium der Philosophie, Literatur und Kunstgeschichte musste es wohl in die Kultur gehen – in seinem Fall zum Theater: Er arbeitete als Dramaturg und Regisseur zunächst in der Freien Szene; spätere berufliche Station waren an den Theatern in Rostock, Tübingen, Heidelberg und Braunschweig. 2016 wurde er Schauspieldirektor am Badischen Staatstheater in Karlsruhe, zwei Jahre später übernahm er die Schauspielbühnen in Stuttgart. Preuß hat als Sachkundiger Bürger ein Mandat im Kulturausschuss der Stadt.

Bühnen
 Das Alte Schauspielhaus mit seinen 499 Plätzen bietet einen gemischten Spielplan mit einem Mix aus Klassikern, aktuellen Stücken, Krimis und musikalischen Stücken. Die Komödie im Marquardt verfügt über 378 Plätze. Es gibt Abos getrennt für beide Häuser und im Mix.