Manfred Bornschein wird 90 und spielt seit 20 Jahren leidenschaftlich Tuba – sein „Gesundheitsapparat“. Was ihn im hohen Alter antreibt, erzählt von einem Leben voller Energie.
Redselig, offen, zielstrebig und resolut – und immer mal einen flotten Spruch auf den Lippen: Das ist Manfred Bornschein. Wer mit ihm spricht, vermutet wohl kaum, dass der Freiberger im Sommer seinen 90. Geburtstag feiert. Der Mann sprudelt vor Lebensfreude und Tatkraft.
Mit dieser Haltung verblüfft er auch als Musiker – und sogar seinen Tubalehrer. Bornschein gebe sich selbst mit 90 nicht zufrieden und wolle sich immer weiterentwickeln. Denn er hat sich einem besonderen Projekt verschrieben, dem er bis heute mit großer Leidenschaft nachgeht: dem Spiel auf der B-Tuba. Das tut er mittlerweile seit 20 Jahren. Während andere in diesem Alter ihre Hobbys reduzieren, sattelte Bornschein mit 70 einfach um – von der Trompete auf das tiefe Blech
Akkordeon, Trompete, Tuba
Warum ausgerechnet dieses voluminöse Instrument? Die Antwort zeigt, wes Geistes Kind der Senior ist: „Im Orchester saß ich als Trompeter vor den Tubisten. Und die waren in meinen Ohren so schlecht, dass mich der Ehrgeiz packte, es besser machen zu wollen. Also kaufte ich mir im tschechischen Graslitz, wo der Musikinstrumentenbau traditionell eine große Bedeutung hat, die kleinste Tuba, die es gibt.“
Mit ihren acht Kilogramm und rund 85 Zentimetern sei das Instrument für ihn noch gut zu handhaben. „Mehr kann ich gar nicht mehr tragen, ich bin ja selber nur noch ein kleines Kerlchen“, kokettiert der agile Hochbetagte. Schon in jungen Jahren hatte er sich das Akkordeonspielen selbst beigebracht, Jahrzehnte später – aus einem Geburtstagsscherz heraus – mit dem Trompetespielen begonnen. Damals war er 55 Jahre alt.
„Wenn ich einen Tag nicht spiele, kommen die Nachbarn und fragen, ob ich krank sei.“
Manfred Bornschein, 90-jähriger Tubaspieler
Mit 70 hieß es dann: noch einmal neue Noten lernen. „Die B-Tuba-Noten basieren auf dem Bassschlüssel“, erklärt Bornschein, der sich täglich zwei bis drei Stunden seinem Instrument widmet. „Wenn ich einen Tag nicht spiele, kommen die Nachbarn und fragen, ob ich krank sei.“ Für die Mitbewohner im Sieben-Familienhaus sei die Tuba zudem angenehmer als die „hell trötende Trompete“. Bei dieser habe es früher öfter geheißen: „Geh doch raus in den Wald!“
Für Bornschein ist die Tuba ein wahres Lebenselixier: „Sie hält mein Herz-Kreislaufsystem stabil.“ Genug Puste ist beim Spiel schließlich unverzichtbar. In der Besigheimer Kapelle „Atemlos“, in der er mit anderen Rentnern musiziert, hat er den Vergleich: „Die anderen schnaufen oft viel heftiger als ich“, sagt er augenzwinkernd – als Ältester in der Runde. „Die Tuba ist zu mindestens 50 Prozent mein Gesundheitsapparat.“
Vermutlich aber ist sie noch viel mehr, denn sie fordert auch seinen Ehrgeiz tüchtig heraus. Das attestiert ihm jedenfalls sein Tuba-Lehrer Walter Schiedel, zu dem Bornschein zweimal monatlich nach Bönnigheim fährt, um sich dort als Instrumentalist zu vervollkommnen.
Schiedel ist beeindruckt von seinem Schüler, der „sich musikalisch nicht mit dem Erreichten zufrieden gibt, sondern mit viel Disziplin, Neugierde und Freude weiter an sich arbeitet“. Sein Alter erlebe Bornschein nicht als Grenze. Er zeige stattdessen Leidenschaft, Entwicklung und die Lust, dranzubleiben. „Mit dem klaren Ziel, auf seiner B-Tuba immer besser zu werden. Denn eine B-Tuba spielt man nicht nebenbei“, sagt Musiklehrer Schiedel.
Ehrgeizig und stinkfaul zugleich
Ein wenig Stolz schwingt mit, wenn Bornschein erzählt, dass er rund 50 Töne auf der Tuba spielt und dreieinhalb Oktaven beherrscht. Warum ihm dabei nicht die Luft ausgeht, kann er selbst nicht genau erklären. Sport treibe er kaum noch: „Früher bin ich gejoggt, jetzt bin ich nur noch stinkfaul“, sagt er und schmunzelt – um gleich nachzuschieben, dass er ja seine Fünf-Zimmer-Wohnung in Schuss halten müsse. „Wäsche waschen und Essen kochen inklusive. Meine Frau ist bereits 2001 gestorben. Mich will der Teufel nicht haben, wahrscheinlich bin ich zu schlecht“, sagt der Vater einer Tochter und Großvater eines Enkels und lacht.
Dass er täglich eine Stunde spazieren gehe und zirka zehn bis zwölf Stunden schlafe, ab und zu den Hometrainer benutze – all das dürfte zu Bornscheins Vital-Rezept ebenfalls zählen. Vor allem aber gilt: Bornschein hat sich nie geschont. Der gelernte Dreher war sogar auf hoher See und hat Jahre später, Möbel auf eigene Rechnung verkauft. „Da mussten die alten erst mal ab- und die neuen aufgebaut werden.“ Außerdem war er bis vor zwei Jahren viel gereist – stets mit dem eigenen Wohnmobil. Und natürlich mit seinen Instrumenten. „Das war immer lustig.“