Fußball-Training beim FSV Waldebene Ost in Stuttgart: Mit Abstand – und Begeisterung. Foto: Pressefoto Baumann/Hansjürgen Britsch

In der Coronakrise machen die Kleinsten im Sport die größten Sorgen: Verbände, Vereine und ihre Helfer suchen mit kreativen Lösungen nach Auswegen aus dem Trainingsnotstand.

Stuttgart - Eigentlich ist Nathan (6) VfB-Fan. Mit dem Ball am Fuß fühlt er sich aber wie Bayern-Profi Thomas Müller, manchmal auch wie Manuel Neuer. Und heute ist er einfach nur so gespannt wie vor dem Finale um den Europapokal: Nach drei Monaten darf Nathan endlich wieder ins Training.

 

Neulich, als die Spieler der Bundesliga wieder zu kicken begannen, zupfte er seine Mama am Ärmel und fragte: „Und wann dürfen wir wieder spielen?“ Annegret Reimold hat es Nathan erst am Abend zuvor gesagt. Falls doch noch etwas dazwischen kommt. „Er konnte es kaum mehr erwarten, er wollte so gern seine Freunde aus der Mannschaft wiedersehen“, sagt sie, „ich wollte ihn nicht enttäuschen.“

Jetzt sitzen Nathan, Emil, Beno, Viktor und die anderen zwölf Bambini-Spieler auf dem Rasen des FSV Waldebene Ost. Die Eltern haben den Platz verlassen müssen. Die kleinen Hände sind gewaschen und desinfiziert, Hütchen markieren den Abstand, der eingehalten werden muss, an unterschiedlichen Stationen sind knifflige Aufgaben zu lösen: Dribbeln um kleine Hindernisse, schießen auf das große Tor, um die Wette laufen, den Ball führen, hinter einem Mitspieler, vor ihm – es ist, als hätte es das doofe Corona nie gegeben. Trotzdem ist das Virus irgendwie immer mit im Spiel.

Experiment gelungen

„Geschafft“, sagt Dennis Keifer, Trainer der U 7. Dann stemmt er die Arme in die Hüften und holt tief Luft. „Es war ein Experiment“, sagt er. Und ein Wagnis. Ewig kann er dieses Spiel nicht so treiben. Die Kinder wollen wieder in der Mannschaft spielen. Noch haben sie aber Verständnis für die besondere Situation. Die Übungsstunde lief besser als gedacht. Regelrecht perfekt. Weil die Eltern ihre Fünf- bis Siebenjährigen prima vorbereitet hatten. Aber auch, weil Dennis Keifer und seine Helfer alles so sorgsam planten und in Gedanken durchspielten, dass sie eine Doktorarbeit darüber schreiben könnten.

Es gab eine Flut an E-Mails, Erläuterungen, eine Einverständniserklärung der Eltern und ein Drehbuch für den Ablauf der Trainingsstunde. „Wenn das Training mit den Bambini klappt“, sagte sich FSV-Geschäftsführer Michael Dalaker, „dann klappt es mit allen anderen Mannschaften auch.“ Jetzt blickt er so siegessicher über den Platz wie ein Torjäger vor dem Elfmeter.

Online-Schulungen für Trainer

Es gibt viele Sportvereine im Land, die mit ihren Kleinsten ähnliche Wege aus der Corona-Sackgasse suchen. Etliche von ihnen schildern ihre Pläne im Internet. Der Württembergische Fußballverband (WFV) bietet eigens Online-Schulungen an, um Trainer, Betreuer oder Jugendleiter auf die extreme Situation vorzubereiten. „Schon beim ersten Mal waren 600 Vereine mit am Ball“, sagt WFV-Jugendleiter Michael Supper.

Aber er weiß auch um die Schwierigkeiten vor allem kleinerer Clubs, sich strikt an die behördlichen Auflagen zu halten. Schon in normalen Zeiten sind die Verantwortlichen verzweifelt auf der Suche nach Betreuern und Trainern. Um die Hygienemaßnahmen einzuhalten, sind nun allerdings mehr Helfer als sonst erforderlich. Und nicht jeder Verein verfügt wie der FSV Waldebene Ost über das Glück, vier Bambini-Trainer für 16 Kinder bieten zu können.

Wechselnde Gefühlslagen

„Da hält sich der eine oder andere Jugendleiter lieber noch zurück und wartet ab“, sagt Michael Supper, dessen „Gefühlslage sich von Tag zu Tag ändert“. Es grenzt bisweilen ja auch an ein Zweitstudium, den Überblick über die wechselnden Vorschriften und Auflagen zu behalten.

Ende Juni werden Kitas und Grundschulen wieder öffnen. Dann könnte sich auch der der Sport für die Kleinsten wieder normalisieren. Bisher durften Kleingruppen mit bis zu fünf Kindern auf einer Mindestfläche von 1000 Quadratmeter trainieren, die neue Verordnung erlaubt zehn Kids auf 400 Quadratmetern. Immerhin. Bambini-Trainer Dennis Keifer sagt: „Das Training war für uns alle so etwas wie ein kleines Licht am Ende des Tunnels.“

Das Geld fehlt hinten und vorne

Die Probleme in der Nachwuchsarbeit sind damit aber noch längst nicht gelöst. Allerorten und fast in allen Kontakt- und Hallen-Sportarten fragen sich die Vereinsverantwortlichen, wie ihre Arbeit mit den Kleinsten in Zukunft noch funktionieren soll. Die Handballspielgemeinschaft Cannstatt/Münster/Max-Eyth-See, kurz HSG CaMüMax, konnte sich bis Anfang März vor Nachfrage kaum retten. 30 Minis im Alter von fünf bis acht Jahren tobten pro Gruppe durch die Halle. Vorsichtige Schritte zurück wagt man jetzt während der Pfingstferien – im Freien und ohne Körperkontakt. Die Erlöse aus dem Hallenverkauf an Heimspieltagen der HSG und die Einnahmen aus dem Sommerfest halfen bisher, die Aufbauarbeit zu bezahlen. Alles gestrichen. Das Geld fehlt hinten und vorne. „Der Handballsport, wie wir ihn kennen, ist in der Spitze wie in der Breite in seiner Existenz bedroht“, sagt Nikolai Forstbauer, Gründungsmitglied des Vereins der Freunde und Förderer des Handballs in Württemberg.

Intensive Betreuung

„Die Kleinsten brauchen eine sehr intensive Betreuung“, bestätigt Anne Köhler, Vorsitzende der Württembergischen Sportjugend (WSJ). Auf die Dauer sei das Training in Kleinstgruppen aber wirtschaftlich nicht mehr darstellbar. Sie berichtet von den Sorgen vieler Trainer, dass ihnen Mannschaften wegbrechen, weil die Kinder auf Dauer die Lust verlieren. Die zahlreichen Kindersportschulen (Kiss) im Land versuchen die Krisenzeit noch mit Online-Angeboten oder Live-Kursen via Internet zu überbrücken. „Die Frage ist aber: Wie lange machen das die Eltern noch mit?“, sagt Anne Köhler und fürchtet, „dass uns die finanziellen Folgen dieser Krise noch hart treffen werden“.

Brigitte Lück, Trainerin beim Turnverein Kirchheim/Neckar, bestätigt jedenfalls: „Es ist nichts mehr so, wie es war.“ 450 Kinder lernen in ihrem Verein den Purzelbaum, den Handstand, das Rad zu schlagen. „Im Durchlauf sind es 200 bis 300 pro Woche“, sagt die seit vielen Jahren engagierte Übungsleiterin. Seit dem 13. März ist die Halle geschlossen. „Das war schon krass“, sagt die Leiterin des Eltern-Kind-Turnens. Natürlich toben und turnen die Kleinsten in der Regel trotzdem, aber zehn bis zwölf Wochen ohne motorische Grundausbildung lassen sich nicht so ohne Weiteres nachholen.

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Wachsende Ungeduld der Eltern

100 000 Mitglieder im Alter bis zu sechs Jahren verzeichnet allein der Schwäbische Turnerbund (STB). Die Kontaktbeschränkungen legen aber praktisch den gesamten Kinder- und Jugendsport lahm. Was das bedeutet, erklärt ein Blick auf die Statistik. Nur 30 Prozent der Kinder in Baden-Württemberg bewegen sich täglich mindestens eine Stunde. STB-Präsident Wolfgang Drexler schaut nach den jüngsten Lockerungen zwar „optimistisch in die Zukunft“, fürchtet andererseits jedoch die wachsende Ungeduld der Eltern. „In unseren Vereinen mehren sich die Anrufe nach dem Motto: Wenn nicht bald was passiert, melden wir unsere Kinder wieder ab.“

Brandbrief vom Turner-Präsidenten

Wolfgang Drexler hat sich dieser Tage in einem Brandbrief an die für den Sport zuständige Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) gewandt. Der SPD-Politiker und frühere Vizepräsident im baden-württembergischen Landtag fordert eine weitere Lockerung der Corona-Beschränkungen, um den Sportbetrieb auch mit den Kleinsten wieder zu ermöglichen. „Wir haben lange genug gesessen“, sagt Drexler. Susanne Eisenmann macht Hoffnung, will aber die Erfahrungen aus den Öffnungen der Grundschulen und Kitas Ende des Monats noch abwarten.

Beim FSV Waldebene Ost ruft Dennis Keifer am Ende der Trainingseinheit: „Sollen wir das bald mal wieder machen?“ Die Antwort sind 16 strahlende Gesichter und ein lautes „Jaaa!“.

Das Training mit den Minis ist ein großes Problem. Aber ihr Dank lohnt alle Mühe.