Im „Gewerbehof“ an der Fabrikstraße könnten die Bereiche Wohnen und Arbeiten verbunden werden. Foto: Teleinternetcafé/Treibhaus

Der Rahmenplan samt Mobilitätskonzept fürs rund 17 Hektar große Quartier Backnang-West liegt vor. Plan und Konzept dienen als Leitplanken für den neuen Stadtteil.

Im Westen der Gerberstadt, zwischen Murrtal-Viadukt und Friedrichstraße, soll in den kommenden Jahren bis Jahrzehnten ein neues Quartier entstehen. Architekten, Ingenieure und Landschaftsplaner stellen sich dort eine Mischung aus Gewerbe, Industrie und Handwerk, sozialen und kulturellen Nutzungen sowie Einzelhandel und Wohnungen vor. Bis 2050 könnten dort 1500 Menschen arbeiten und rund 650 Wohnungen für bis zu 1300 Bewohner entstehen.

 

Impuls gab die Internationale Bauausstellung

Den Impuls für diese Planungen gab die Internationale Bauausstellung 2027 Stuttgart-Region (IBA’27). 2020 hatte der örtliche Gemeinderat einen städtebaulich-freiraumplanerischen Wettbewerb ausgelobt. Gewonnen hat ihn die Arbeitsgemeinschaft des Büros Teleinternetcafé Architektur und Urbanismus aus Berlin sowie Treibhaus Landschaftsarchitektur aus Hamburg. Ihr Entwurf sieht in dem rund 17 Hektar großen Areal unter anderem drei dicht bebaute, eigenständige Teilquartiere vor, mit unterschiedlichen Nutzungsschwerpunkten und Charakteristika. Mehrere großzügige Freiräume entlang der Murr sollen die drei Bereiche miteinander verbinden.

In den vergangenen rund zwei Jahren haben die Architekten und Planer der Arbeitsgemeinschaft den Entwurf unter Einbeziehung von Anregungen von Bürgern sowie der Grundstückseigentümer weiter ausgearbeitet und die Ergebnisse in einen Rahmenplan für das Quartier Backnang-West gegossen. Ergänzend wurde vom Büro Happold Berlin ein Mobilitätskonzept entwickelt. Der Rahmenplan und das Konzept dienen künftig als Leitplanken für das weitere Vorgehen, erklärte Erster Bürgermeister Stefan Setzer jüngst in der Sitzung des Technik- und Umweltausschusses Backnang: „Es handelt sich nicht um einen rechtsverbindlichen Plan, der morgen gleich zu Baugenehmigungen führen wird, sondern er ist die Grundlage für uns, um in den kommenden Monaten und Jahren mit Ihnen über dieses Gebiet zu diskutieren“, wandte sich der Erste Bürgermeister an die Stadträte. „Wir diskutieren dann nicht im luftleeren Raum, sondern auf einer fachlich fundierten Basis.“

Nutzungsgemischtes Quartier

Übergeordnetes Ziel des Rahmenplans ist es, ein „nutzungsgemischtes Quartier urbaner Dichte“ zu schaffen. Anknüpfend an bestehende Strukturen der ehemals industriellen Nutzung soll ein Teil der Bestandsgebäude erhalten und umgenutzt werden. Zusätzliche Bereiche für Arbeiten und Wohnen sollen das Areal ergänzen.

Derzeit versiegelte Flächen sollen zu qualitätsvollen privaten und öffentlichen Freiräumen umgewandelt werden. Insbesondere entlang der Murr sollen hochwertige öffentliche Grün- und Freiflächen sowie Wegeverbindungen entstehen. Diese übernehmen zusätzlich die Funktion des Hochwasserschutzes für das Quartier und bieten vielfältige Aufenthaltsorte im öffentlichen Raum. Dieser „ökologische und städtebauliche Hochwasserschutz“ an der Murr ist Voraussetzung für die vollständige Umsetzung des Rahmenplans. Hierfür nötig ist neben Grundstückskäufen ein Planänderungsverfahren, das noch in diesem Jahr beantragt werden soll.

Prägende Gebäude erhalten

Wesentlicher Bestandteil des Rahmenplans sind die drei Teilquartiere: Der „City-Campus“, der zwischen westlicher Wilhelmstraße, Murr, Schöntaler Straße sowie Friedrichstraße und Mühlstraße liegt. Prägend ist dort unter anderem ein Wohnhochhaus mit zwölf Wohnetagen und darunterliegenden Parkdecks. Als wichtiges Element des City-Campus wird die Murrpromenade gesehen, die sich von der Friedrichstraße bis zum neuen Park, der sogenannten „Park Aue“, durch das gesamte Quartier zieht. Ein zentraler Baustein des Quartiers ist ein Parkhaus im östlichen Bereich. Angestrebt wird der Erhalt von stadtprägenden Gebäuden wie das ehemalige Betriebsgebäude der Lederfabrik Hodum und das zentrale Gebäudeensemble der ehemaligen Kaelble-Fabrik.

Rochade beim Lebensmittelmarkt

Das Teilquartier „Stadt-Werk“ umfasst das heutige Stadtwerke-Areal sowie die Flächen des Lebensmittelmarktes. In diesem Bereich entsteht eine neue Brücke über die Murr. Nördlich der Schlachthofstraße sollen die Flächenbedarfe der Stadtwerke Backnang reorganisiert werden sowie ein neuer Standort für den Lebensmittelmarkt entstehen. An seiner jetzigen Stelle sind ein Quartiersparkhaus mit ergänzenden Mobilitätsangeboten sowie Büro- und Produktionsgebäude vorgesehen.

Fertigstellung zum Ende der IBA’27 fraglich

Als „Wohn-Fabrik“ wird der Bereich entlang der Fabrikstraße von der neuen Brücke zur Schlachthofstraße bis zum Viadukt bezeichnet. Entlang der Fabrikstraße sollen drei schmale Baufelder für eine Wohnnutzung in den Obergeschossen und einer flexiblen Erdgeschosszone für Kleingewerbe, Dienstleistungen, soziale Nutzungen und kleinteiligen Einzelhandel entstehen. Auch Sonderwohnformen mit Gemeinschaftsflächen in den Erdgeschossen sind hier vorstellbar. Das T-förmige Hauptgebäude und die Bestandsgebäude südlich und östlich davon sollen saniert und teilweise aufgestockt werden. Auf der bisher an der Unteren Au gelegenen Grünfläche sollen auf dem Sockel einer Sammelgarage sowie auf verschiedener Gewerbeflächen Wohnungen entstehen. Die Umsetzung der Maßnahmen hängt maßgeblich von der Mitwirkungsbereitschaft der Eigentümer ab; allen voran die Unternehmer Marcus Püttmer, Maximilian Räuchle und Wolfgang Kaess. Sie stehen dem Vorhaben generell positiv gegenüber, wie sie in der Sitzung zum Ausdruck brachten. Knackpunkte gibt es freilich. Wolfgang Kaess hält es aus mehreren Gründen für unwahrscheinlich, dass bis zum Ende der IBA’27 das erste Gebäude auf seinem Grundstück an der Fabrikstraße 45 steht. Zunächst müssten ein weiterer Architektenwettbewerb sowie vertiefende Planungen durchgeführt werden. Auch gelte es, Arbeiten mit der Stadt genau zu takten. „Es ist auf jeden Fall ein interessantes Projekt“, sagte er. „Aber es ist schon fast nicht mehr möglich, dass bis 2027 das neue Gebäude steht.“

Lob und Kritik

Aus den Reihen der Stadträte gab es neben Lob für den Rahmenplan und das Mobilitätskonzept auch vereinzelt kritische Anmerkungen zu einzelnen Punkten und Fragestellungen. Am Ende votierten bei einer Enthaltung alle Ausschussmitglieder für die Vorlage. Bürgermeister Setzer machte seinerseits deutlich, dass noch ein weiter Weg zu gehen sei: „Es geht dabei nicht darum, dass wir alle die gleiche Meinung vertreten“, sagte er, „sondern darum, dass wir hoffentlich eine gemeinsame Entwicklungsrichtung vor uns haben, die wir in den nächsten Jahren noch differenziert ausgestalten müssen.“