Hermann-Josef Pelgrim war lange OB in Schwäbisch Hall, seit 2021 leitet er die Aufbaugesellschaft in Bad Neuenahr-Ahrweiler. Dies ist sein Rat für den Hochwasserschutz im Südwesten.
Seine Lebensplanung hat eigentlich ganz anders ausgesehen. Nach 24 Jahren als Oberbürgermeister von Schwäbisch Hall wollte sich Hermann-Josef Pelgrim im Jahr 2021 in der Entwicklungshilfe engagieren – das war die Leidenschaft seiner Jugend gewesen. Doch dann kam kurz vor dem Abschied aus Hall in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2021 die Jahrtausendflut im Ahrtal. Die Stadtwerke Schwäbisch Hall halten Anteile an den Stadtwerken Bad Neuenahr-Ahrweiler, man war also eng verbunden, und so sendete Hall als eine der ersten Städte in Deutschland einen Hilfstrupp ins Flutgebiet.
Kurz darauf hat Pelgrim den Partner mit einem ersten strategischen Papier für den Wiederaufbau unterstützt. Die Antwort seiner Gegenüber habe so gelautet, erinnert er sich heute: „Wenn du so klug daherredest, dann mach’ es doch selber.“ Und so kam es. Im November 2021 wurde Pelgrim der erste und einzige Mitarbeiter der Aufbaugesellschaft Bad Neuenahr-Ahrweiler, heute sind es 65. Es handelt sich dabei um eine hundertprozentige Tochter dieser Kreisstadt mit 28 000 Einwohnern am Nordrand der Eifel. Sie ist für den 8,5 Kilometer langen Flussabschnitt der Ahr auf der Stadtgemarkung zuständig.
Insgesamt muss allein die Kreisstadt 459 Projekte bewältigen
Trotz der recht kurzen Uferlänge ist es eine Mammutaufgabe: Auf der Agenda stehen 459 Projekte – städtische Gebäude wie Schulen müssen neu gebaut oder saniert werden, Parks und Sportanlagen werden wieder angelegt, 16 zerstörte Brücken gilt es über die Ahr zu spannen, 130 Kilometer an Wasserleitungen sind zu erneuern. Dabei kümmert sich die Aufbaugesellschaft ausschließlich um ihre kommunalen Einrichtungen; für die Zerstörungen in Privathäusern oder bei Landes- oder Bundesstraßen oder bei Eisenbahngleisen gibt es andere Verantwortlichkeiten.
Als Dreh- und Angelpunkt aller Planungen, den Schutz vor einem massiven Hochwasser zu erhöhen, sieht der 66-jährige Hermann-Josef Pelgrim die Brücken. Da sich an deren Pfeilern und Bögen Wohnwagen, Bäume und Container verkeilt hätten, habe sich der Fluss zu Seen aufgestaut – als die Brücken brachen, hätten sich viele kleine Tsunamis im Ahrtal ereignet: „Das waren die verheerendsten Ereignisse in jener Nacht.“
Beim Neubau werden deshalb jetzt alle Brücken tief gegründet, damit sie nach menschlichem Ermessen dem Druck des Wassers standhalten: „Die Brücken dürfen keinesfalls unterspült werden“, so Pelgrim. Daneben soll es möglichst keine Pfeiler mehr im Wasser geben, und die Spannbreite der neuen Brücken wird vergrößert – so kann das Wasser ungehinderter weiterfließen. Teilweise können sie im Ernstfall sogar hydraulisch hochgefahren werden.
Die Brücken sollten standsicher gemacht werden
Die Brücken zu prüfen, das rät Pelgrim auch seinem alten Bundesland Baden-Württemberg. Und wo ein Neubau nicht anstehe, könnten die Brückenpfeiler zumindest mit Spundwänden abgeschirmt werden – auch das bringe schon sehr viel.
Bei den Gebäuden hat sich im Ahrtal die Leitlinie durchgesetzt, dass die Haustechnik wie etwa die Heizung unter das Dach wandern muss. Neubauten werden in eine Wanne gelegt oder die Höhe des Erdgeschosses wird so angepasst, dass es möglichst nie unter Wasser steht.
Ein ganz grundlegener Punkt ist auch, alle Dämme so erhöhen, sodass sie künftig einen Durchfluss von 550 Kubikmeter Wasser pro Sekunde ertragen – bisher galt für ein 100-jährliches Hochwasser eine Dammhöhe, die 246 Kubikmeter pro Sekunde aushalten sollte. Allerdings: Für die Jahrtausendflut von 2021 hätte selbst das nicht gereicht. Damals stürzten 800 bis 1100 Kubikmeter pro Sekunde die Ahr hinab. „Aber die Schäden wären nach Abschluss aller Maßnahmen deutlich geringer als 2021“, so Pelgrim.
Eine weitere Maßnahme lässt sich dagegen anderswo kaum umsetzen: In Bad Neuenahr-Ahrweiler wird künftig sehr viel Raum entlang des Ufers unbebaut bleiben. So soll erreicht werden, dass das Wasser in die Breite gehen kann und schnell abfließt. Natürlich gebe es Nutzungskonflikte, räumt Pelgrim ein: Aber der Zusammenhalt der Bevölkerung nach der Katastrophe sei immer noch riesig. Ein vollständiges Bauverbot in Überschwemmungsgebieten ist aber auch im Ahrtal nicht durchsetzbar.
Zudem werden diese neuen Grünflächen touristisch und ökologisch aufgewertet, damit ein Mehrwert entsteht. Zudem baut man unter Plätzen und Parks Rigolen – diese Wasserspeicher können in Hitzephasen zur Bewässerung genutzt werden. Hermann-Josef Pelgrim ist es wichtig, Dürreperioden und Hochwasser zusammenzudenken – beides werde durch den Klimawandel häufiger.
Eine wichtige Rolle spielt auch der Forschungsverbund Klima-Anpassung, Hochwasser, Resilienz, kurz KAHR genannt. Diese Expertengruppe war vom Bund nach dem Hochwasser gegründet worden und hat in diesem März einen Leitfaden für den klimaresilienten Wiederaufbau herausgegeben, der sich vor allem an Kommunen richtet.
Mit Blick auf Baden-Württemberg unterstreicht der Geschäftsführer aber, dass man im Südwesten bundesweit vorbildlich sei, was die Planungen gegen Starkregen anbetreffe. Tatsächlich übernimmt das Land 70 Prozent der Kosten, wenn eine Gemeinde ein Vorsorgekonzept erstellt. 557 Kommunen und damit die Hälfte der Städte und Gemeinden im Land haben das laut Claudia Hailfinger, der Sprecherin des Umweltministeriums, bereits getan.
Zwei Drittel der Vermögenswerte können geschützt werden
Natürlich haben die Verantwortlichen im Südwesten selbst auch schon versucht, Lehren aus der Flut im Ahrtal zu ziehen. So hatte das Land 2022 seine Hochwasserstrategie fortgeschrieben.
Insgesamt seien die meisten Schutzanlagen im Südwesten auf ein bisher 100-jährliches Hochwasser ausgelegt – dadurch könnten zwei Drittel aller Vermögenswerte geschützt werden, sagte der Vorsitzende des Innenausschusses Ulli Hockenberger vor einiger Zeit im Landtag. Zuletzt hatte Hochwasser im Juni 2024 viele Gemeinden im Rems-Murr-Kreis und im Landkreis Göppingen überflutet; die Pegel lagen weit über einem 100-jährlichen Hochwasser. Die Schäden in den beiden Kreisen werden auf mehrere Hundert Millionen Euro geschätzt. Es werde aber bereits seit 20 Jahren bei der Höhe der Dämme ein „Klimazuschlag“ eingerechnet, wenn diese saniert würden, betont Claudia Hailfinger.
Im Jahr 2025 hat das Land laut dem Umweltministerium 137 Millionen Euro für den „technisch-infrastrukturellen“ Hochwasserschutz ausgegeben, also für Rückhaltebecken und Dämme. Umweltministerin Thekla Walker (Grüne) betont aber, dass deutlich mehr notwendig ist: „Dazu gehören neben dem Ausbau des technisch-infrastrukturellen Hochwasserschutzes auch ein ausgearbeitetes Krisenmanagement, die Rückgewinnung früherer Überflutungsflächen, klimaangepasste Bauweisen und nicht zuletzt die Bewusstseinsbildung in der Öffentlichkeit und der Politik.“ Als das passiert schon jetzt im Ahrtal.
Dort steht zumindest viel Geld zur Verfügung. Insgesamt hat der Wiederaufbaufonds, den der Bund nach der Katastrophe in Westdeutschland eingerichtet hat, ein Volumen von 30 Milliarden Euro. Bad Neuenahr-Ahrweiler dürfte daraus 750 Millionen Euro bekommen. Noch sind in der Kreisstadt erst zehn Prozent davon ausgegeben, noch sind erst 22 Projekte abgeschlossen, darunter die Eröffnung der Heppinger Brücke oder die Wiederherstellung des Ahrtorfriedhofs. „In den nächsten fünf Jahren wird man aber viel sehen“, sagt Hermann-Josef Pelgrim. Die Arbeit wird ihm nicht so schnell ausgehen.