Die Größenverhältnisse im Fellbacher Osten sind geklärt: Der am Schwabenlandtower befestigte Riesenkran überragt den Wohnturm um gut 13 Meter. Foto: Gottfried Stoppel

Ein 120 Meter hoher Kran ist Voraussetzung dafür, dass es nach langem Stillstand am fünfthöchsten Wohnturm der Republik weitergeht. Für zusätzliche Wohnungseingänge müssen nun Betonwände aufgestemmt werden.

Schon öfter wurde er in der Vergangenheit als „dauerhafte Landmarke“ bezeichnet, der 107 Meter hohe, seit sechs Jahren allerdings unvollendete Wolkenkratzer ganz im Fellbacher Osten. Der Architekt des Wohnturms, Jörg Wolf, bezeichnete seinen Entwurf ganz zu Anfang gar als „eleganten, schlanken Bleistift“ – eine Assoziation, die beim Anblick des derzeitigen Rohbaus ein wenig schwer fällt. Ohnehin gibt es etliche Kritiker und klare Gegner des Projekts, die bereits vor vielen Jahren eigens die Bürgerinitiative „Fellbach ist nicht Manhattan“ gegründet haben, ohne letztlich nach dem positiven Votum des Gemeinderats die Umsetzung stoppen zu können.

 

Doch immerhin, seit wenigen Tagen steht diese Landmark, so der englische Fachbegriff, nicht mehr ganz allein, sondern hat einen weiteren, sehr schmalen Solitär zur Seite: Der seit vielen Monaten versprochene Baustellenkran hat endlich seine vollständige Höhe erklommen. Damit scheinen die Voraussetzungen für den Weiterbau am Schwabenlandtower 107 erfüllt.

Wotan steht in voller Pracht

In der vergangenen Woche beobachteten mehrere Dutzend Schaulustige, wie die ersten Teile des Megakrans per Tieflader aus dem saarländischen Friedrichsthal in die Fellbacher Friedrich-List-Straße geliefert wurden und die Stahlkonstruktion allmählich an Höhe gewann. Nach wenigen Tagen Aufbau war allerdings bei circa zwei Dritteln vorläufig Schluss. „Wir mussten wegen dem Wetter unterbrechen“, begründete der Geschäftsführer des Kranvermieters, die BBL Baumaschinen GmbH, die Pause. Bei Wind und Regen war die endgültige Montage der Zwischenstücke bis zur endgültigen Höhe offenkundig zu riskant.

Jetzt allerdings steht der Kran aus der firmeneigenen Serie Wotan in voller Pracht und überragt deutlich sichtbar den Tower. In seiner Gesamthöhe kommt der Kran auf gut 120 Meter – die sogenannte Endhakenhöhe, also der höchste Punkt des Auslegers, zu dem die Lasten gehoben werden können, liegt bei 112 Metern. Damit kann Fellbach fast mit der Bundeshauptstadt mithalten: Der aktuell höchste Kran in Berlin kommt auf eine Hakenhöhe von 122 Metern.

Neue Betonstützen und Betondecken

Die weiteren Bauarbeiten am Schwabenlandtower – es wäre, wie Architekturstatistiker herausgefunden haben, das fünfthöchste Wohngebäude Deutschlands – könnten jetzt also zügig fortgesetzt werden. Der Investor, die Adler Group mit Sitz in Berlin, erläutert in ihrer knappen summarischen Antwort auf mehrere Fragen unserer Redaktion, dass der Kran „tatsächlich rund 120 Meter hoch“ ist. Eingesetzt werde er in den kommenden Wochen für den Lastentransport für den Rohbau, „zum Beispiel von Materialien für den Rohbau, Materialien für den Bau der Fassade, Aggregate, die auf dem Dach zum Stehen kommen, Dämmungs- und Dachdeckermaterialien und so weiter“, wie Dobroslawa Pazder von der Corporate Communication, das ist die Kommunikationsabteilung der Adler Group, in ihren schriftlichen Ausführungen erläutert. Derzeit finden Umbauarbeiten im Gebäude sowie umfangreiche Rohbauarbeiten statt – beispielsweise geht es um die Erstellung von neuen Betonstützen und Betondecken.

Die Adler Group scheint demnach entschlossen, das mittlerweile von vielen Verzögerungen begleitete Fellbacher Wohnturm-Projekt tatsächlich zu einem glücklichen Ende zu bringen. Daran sind in den vergangenen Wochen und Monaten immer wieder Zweifel aufgekommen, da bundesweit zahlreiche Medienberichte über „Turbulenzen“ veröffentlicht wurden, in Fachmagazinen von einer „finanzielle Schieflage“ und „Millionenverlusten“ zu lesen war und auch Fernsehreportagen sich mit den Kalamitäten bei Adler beschäftigten.

Die Adler Group und der Eiermann-Campus

Nicht zuletzt die Negativmeldungen über ein weiteres Großprojekt ganz in der Nähe, der einstigen IBM-Hauptverwaltung nahe des Autobahnkreuzes Stuttgart, ließen in der Region aufhorchen. „Stößt die Adler Group auch den Eiermann-Campus ab?“, lautete Anfang September die Frage in der Titelzeile eines Artikels unserer Zeitung. Vier Wochen später konstatierte unsere Redaktion: „Schuldenberg bei Eiermann-Investor Consus!“ – die Consus Real Estate ist eine Tochter der Adler Group.

Hingegen hatten zwei hochrangige Vertreter des Immobilienkonzerns bereits im April im Fellbacher Gemeinderat wieder beteuert, dass man an dem Hochhaus festhalte und es zum Abschluss bringen wolle. Das Duo aus der Chefetage verwies beispielsweise auf „längst abgeschlossenen Verträge in Millionenhöhe“ für die Fassadengestaltung des Hochhauses, für Lüftung, Sanitär und den Elektrobereich. Derartige Ausgaben „würden wir doch nicht tätigen, wenn wir das Projekt nicht realisieren wollten“, erklärte Chief Development Officer Bernd Schade den allerdings weiterhin überwiegend skeptischen Stadträten. Grünen-Sprecher Stephan Illing etwa zitierte in seinem Statement Goethe: „Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube!“

194 Wohnungen statt 65 Appartements

Die jüngste Entwicklung beim SLT 107, wie die Adler Gruppe den Wohnturm offiziell abkürzt, stimmt indes etwas optimistischer. Gabriele Zull, die Fellbacher Oberbürgermeisterin, erklärt dazu: „Der Kran am Schwabenlandtower ist das sichtbare Zeichen, dass die Baustelle weitergeführt wird. Ich werte ihn als Signal, dass jetzt die Umgestaltung auch außen deutlich wird.“

Während die Pläne des ursprünglichen Investors Michael G. Warbanoff – das Projekt firmierte deshalb auch über viele Jahre als Gewa-Tower – 65 Appartements als Eigentumswohnungen im Luxussegment vorsahen, werden von Adler „nunmehr 194 Wohnungen realisiert“, so die Auskunft von Dobroslawa Pazder – und zwar als Mietwohnungen. Diese Neuplanung „erfordert zusätzliche Wohnungseingänge, die in die Betonwände gestemmt werden“.

Hotel wird um eine Etage aufgestockt

Das dem Turm vorgelagerte halbrunde Hotel-Gebäude an der Ecke Liststraße und Schorndorfer Straße wird um eine Etage aufgestockt, bestätigte Adler bereits vor einigen Monaten kursierende Meldungen. „Damit steigt die Kapazität des künftigen Hotels von 124 auf 169 Zimmer.“

Der aktuelle Zeitplan sieht laut Pazder so aus: „Wir haben für die Fertigstellung des Projektes das Jahr 2024 vorgesehen, müssen dies jedoch abhängig machen von der weiteren Entwicklung der Baukapazitäten.“