Das Musical „Der geschenkte Gaul“ an der WLB Esslingen handelt vom Leben der deutschen Ikone Hildegard Knef. Christoph Biermeier und dem Ensemble gelingt eine feine Hommage.
Spielen, singen, schreiben: Hildegard Knef war ein Allroundtalent. Kein Song zeigt die Qualität ihrer Texte so unmittelbar wie ihr Welthit „Rote Rosen“. Ihre eigene Interpretation bleibt unerreicht: „Will alles“ klang aus ihrem Mund wie das Knurren einer Löwin, bevor sie ihre Beute packt. Und dann dieses genussvoll-böskatzige Hineinschnurren ins „Für mich soll’s rote Rosen regnen“. Wenn Knef sang: „Die Welt sollte sich umgestalten“, war klar: bitte ausschließlich in ihrem Sinne. Und dass gleich die ganz Welt „ihre Sorgen für sich behalten“ solle: das unterstrich sie, in dem sie „Sorgen“ mit einem vokalen Schlag ins Genick versah und das „sich“ gefährlich zischen ließ.
Knef hat diesen Text einmal als „hochaggressiv“ bezeichnet. Und dass sie ihn durch ihren kongenialen Komponisten Hans Hammerschmidt in einen ohrwurmigen, langsamen Walzer überführen ließ, macht ihren Eigensarkasmus noch deutlicher.
Musikalisch werden der Löwin Knef die Zähne gezogen
In diesem Dezember hätte die Knef ihren 100. Geburtstag gefeiert. Grund genug für viele deutsche Theater, das Musical „Der geschenkte Gaul“ – uraufgeführt 2003, ein Jahr nach ihrem Tod – auf die Bühne zu bringen. Der Titel bezieht sich auf Knefs autobiografischen Bestseller von 1970. Am Libretto hat sie noch mitgearbeitet. Ob sie die Einbettung ihrer Songs in den weichen Flow des Musicalsounds, den der Komponist Udo Becker ihnen angedeihen ließ, am Ende goutiert hätte? Musikalisch werden der Löwin Zähne gezogen.
„Der geschenkte Gaul“ – alle Rollen aus dem WLB-Ensemble besetzt
Der Württembergischen Landesbühne Esslingen (WLB), an der das Musical jetzt Premiere hatte, ist aber trotzdem ein feiner Hommage-Abend gelungen. Es zeugt von der Qualität des Hauses, dass alle Rollen aus dem Ensemble besetzt werden konnten. Christoph Biermeier hat inszeniert. Auf der engen Bühne der WLB schafft ein breiter Treppenaufgang mit Plateau Bewegungsspielraum, dahinter sichtbar platziert das erstklassige Instrumentalsextett in der Leitung von Johannes Zimmermann am E-Piano. Dass es gegenüber den Singstimmen nicht selten etwas zu laut ausgesteuert ist, sollte man noch ändern.
Das Musical versucht in einem zweistündigen Parforceritt, das bewegte Leben der Knef zu thematisieren: die Flucht aus russischer Gefangenschaft, ihr Neuanfang nach dem Krieg, ihre ersten Erfolge und vielen Skandale, ihr scheiternder Versuch einer Hollywood-Karriere, ihre beinahe tödliche Krebserkrankung. Diese vorgegebene Atemlosigkeit in den Griff zu bekommen, gelingt der Produktion auf bewundernswerte Weise. Knef ist in diesem Musical zweifach besetzt: Einmal als junge Frau, die Eva Dorlaß mit großer Bühnenausstrahlung, toller Stimme, tänzerischer Eleganz und Beweglichkeit spielt. Sie bringt Knefs unerschütterliches Selbstbewusstsein, ihre Wehrhaftigkeit in einer männerdominierten Welt trefflich zum Ausdruck. Dann Kristin Göpfert in weißem Anzug mit Krawatte als die „alte“ Knef: kettenrauchend, als Kommentatorin und Erzählerin daueranwesend auf der Bühne. Sie beginnt den Abend mit „Von nun an ging’s bergab“, fein gesungen und die melancholische Seite der Ikone unterstreichend. Knefs launisch-sprödes Wesen glimmt aber auch in ihrer Darstellung nur ansatzweise auf.
Derweil die anderen sechs des quirligen Ensembles ständig zwischen den Rollen switchen und in diversen Choreos von Sorina Kiefer eine mitreißende Power auf die Bühne bringen. Herrlich etwa „Ich zieh mich an und langsam aus“, Knefs Lied über eine selbstbewusste Stripperin. Elif Veyisoglu und Feline Zimmermann singen und tanzen diesen Song als flotte Reinigungskräfte, ohne dabei ins Karnevaleske oder Laszive abzudriften. Es wird sehr deutlich, welche Vorbildfunktion die Knef für andere Frauen dieser Zeit hatte.
Marilyn Monroe als Gegenbild zur selbstbewussten Knef
Alessandro Scheuerer spielt gleich alle drei Knef-Ehemänner. Oliver Moumouris und Martin Theuer erfreuen als Transvestiten oder als Zeitungsverkäufer, die Knef-Skandal-Schlagzeilen in allen möglichen Dialekten verbreiten. Markus Michalik beweist wieder mal sein Gratwanderungstalent zwischen Slapstick und Melancholie und sorgt außerdem mit Eva Dorlaß für den bewegendsten Moment: die Todesnähe Knefs während ihrer Krebserkrankung. Die Zeit steht plötzlich still. Michalik als Bote aus dem Totenreich umschlingt sie mit den langen Ärmeln seiner Zwangsjacke, ja, erwürgt sie fast. Großartig auch Feline Zimmermann als Marilyn Monroe: als vor männlicher Übergriffigkeit in Angst erstarrendes Gegenbild zur selbstbewusst-wehrhaften Knef.
Eine Glanzleistung in Sachen Kostüme haben die Ausstatterin Claudia Rüll Calame-Rosset und die WLB-Kostümabteilung hingelegt, auch was Knefs Extravaganz angeht. Und wie die Ankleiderinnen hinter der Bühne die rasenden Kostümwechsel wuppen: Hut ab! Als Finale erklingt endlich „Rote Rosen“. Die junge und die alte Knef singen es gemeinsam, das Lied, das auch Knefs ultimative Botschaft enthält: „Nicht allein sein und doch frei sein.“ Frenetischer Jubel im Schauspielhaus!
WLB Esslingen
Termine
Schauspielhaus Esslingen. 16., 20. und 31. Dezember; weitere Vorstellungen bis April