In den Wintermonaten arbeiten die Aktien des Golfclubs Stuttgart Solitude verstärkt mit virtueller Technik – das verändert die Arbeit von Trainer Heiko Burkhard.
Golf-Spieler sind einiges gewohnt: Regen, Kälte, Wind und sonst noch so einiges, was die Witterung an Unannehmlichkeiten zu bieten hat. Doch manchmal, etwa wenn wie kürzlich Schnee liegt, geht auch der Hartgesottenste mit seiner Ausrüstung raus auf den Platz – dann wird im Trockenen trainiert. Die Technik macht’s möglich.
Der Stuttgarter Golfclub Solitude in Mönsheim hat vor drei Jahren für einen siebenstelligen Betrag eine neue Driving-Range in die Nähe des Clubheims hingestellt, aber nicht nur das. Er hat das Gebäude mit einem Fitnessraum sowie einem Raum für Trockenübungen ausgestattet, in dem Highend-Technik vom Feinsten steckt. „Als Bundesliga-Club kommt man nicht mehr ohne aus, das ist ein Muss“, sagt Heiko Burkhard, der die Erstliga-Frauen des Clubs trainiert.
Golf-Messanlage kostet ab 15 000 Euro
Die Zaubermaschine heißt Trackman. Das radar-basierte Messgerät erfasst Video- sowie Radardaten und stellt sie zur Verfügung, es ist extrem genau, aber dennoch recht einfach zu bedienen. Trackman liefert 26 Werte zu jedem Schlag. Es wird beispielsweise der gesamte Ballflug gemessen, die Abschlag-Geschwindigkeit, die Schlagweite in Metern, und noch wichtiger: die Schlägerkopfdaten im Treffmoment des Balles. Einsteiger-Modelle für Freizeit-Golfer für Zuhause kosten ab 15 000 Euro, die Technik, die der GC Solitude verwendet, ist weit teurer.
Es ist ein lebensgroßes Video-Game der Extraklasse. Der GC Solitude hat im etwa 25x15 Meter großen, mit Kunstrasen ausgelegten Raum unter der Driving Range zwei Abschlagplätze vor zwei etwa sechs Quadratmeter großen Leinwänden eingerichtet. Zudem befindet sich dort ein Putting-Green, das ebenfalls virtuell modelliert werden kann, also Geländeneigungen vorgegeben werden können. Eine Kamera und das duale Radar-System erfassen Spielerin, Schläger und Ball, dann rechnet es die Bewegung in Realzahlen um. Beim Putten findet eine Präzisionsvermessung via Laser statt.
An diesem nasskalten Tag hat Heiko Burkhard die Bundesliga-Spielerinnen Alena Oppenheimer, Nele Mattner und Vivienne Bürkle sowie die Golf-Talente Anastasia, Emelie, Thaleia, Ariana und Marleen zu einem kleinen Trainingsturnier an fünf Stationen um sich versammelt, die in Zweier-Teams kämpfen. Emelie und Anastasia stehen virtuell vor einer Par-3-Bahn, Ziel ist, mit einem Schlag den Ball so nah wie möglich ans Loch zu bringen. Anastasia schlägt den Ball auf die extrem strapazierbare Spezialleinwand – virtuell fliegen die Betrachter mit dem Ball mit. 134 km/h Abschlagsgeschwindigkeit, Schlaglänge 196 Meter, steht auf dem kleinen Bildschirm. Fehlen nur 20 Meter zum Loch. Heiko Burkhard nickt.
„Das ist schon praktisch“, findet Anastasia, „man ist im Warmen. Aber draußen hat das Spiel schon mehr Reiz, wenn man das Wetter spürt.“ Doch wenn der Boden der Bahnen in Mönsheim gefroren oder stark aufgeweicht ist oder Nebel die Sicht stark einschränkt, bleibt nur die Möglichkeit, per Trackman sein Spiel zu verbessern. „Das ist alles schon sehr realistisch“, findet auch Emelie, „aber es ist nicht so wie draußen.“ Man könnte mit der Software etwa auch Wind simulieren, um die Ansprüche zu erhöhen. Schön und gut, findet Thaleia, „aber draußen fühlt man den Wind und muss daraus ableiten, wie man spielt.“
Einen Stock höher auf der Outdoor-Driving-Range feilt Profi Yannick Schütz am Abschlag, akribisch beobachtet von drei Hochgeschwindigkeits-Kameras, die ihre 30 Daten-Parameter am Laptop-Bildschirm präsentieren. „Im Winter ist Techniktraining angesagt“, erklärt Heiko Burkhard, „im Frühjahr gilt es, die Erkenntnisse dann auf den Platz zu transferieren.“
Die Arbeit eines Golf-Lehrers ändert sich
Die Technik erleichtert die Arbeit eines Trainers und Spielers ungemein, weil sie mehr sieht als das menschliche Auge. Früher wurde der Abschlag mit V8-Videokameras eingefangen und dann unter die Lupe genommen, „die Analyse brauchte pro Schlag 15 Minuten“, sagt Burkhard, „heute geht das in wenigen Minuten.“ Koppelt man einen Trackman mit einer Künstliche Intelligenz, erkennt sie Defizite und schlägt einem Spieler ein entsprechendes Trainingsprogramm vor. „Der Job eines Golf-Lehrers“, sagt Golf-Lehrer Burkhard, „wird sich massiv ändern. In Zukunft wird meine Arbeit verstärkt auf dem Platz stattfinden.“ Draußen bei Wind und Wetter, im Regen und bei Kälte.