Atakan Karazor (links) und Angelo Stiller gehören beim VfB Stuttgart zu den Führungsspielern. Foto: Imago//Robin Rudel

Atakan Karazor ist jetzt VfB-Kapitän, doch die Hierarchie im Kader des Fußball-Bundesligisten ist breit angelegt. Wir geben Einblick in das Machtzentrum.

Die Kapitänsbinde ist immer auch ein Zeichen. Sie dokumentiert einen besonderen Status im Kader, und den Träger erfüllt es mit Stolz, sie am Arm zu haben. Das war schon 1963 bei Günter Sawitzki so, dem ersten Spielführer des VfB Stuttgart in der Fußball-Bundesliga, und das ist bei Atakan Karazor 61 Jahre später jetzt nicht anders. Eine Ehre sei es, die Mannschaft auf das Feld zu führen, betont der Erbe des legendären Torwarts – und: „Mich einreihen zu dürfen in diese Liste der großen Kapitäne, die der Verein schon hatte, das ist eine große Sache für mich.“

 

Hans Eisele, Buffy Ettmayer, Hermann Ohlicher, Karlheinz Förster, Guido Buchwald, Zvonimir Soldo, Thomas Hitzlsperger, Christian Gentner, um nur einige Spielführer im Trikot mit dem Brustring zu nennen. Karazor wird die VfB-Elf offiziell in neuer Rolle erstmals am Samstag (20.30 Uhr/Sat 1) beim Supercup in Leverkusen anführen. Sollten die Stuttgarter gegen den Doublegewinner gar den Titel gewinnen, wird der 27-jährige Mittelfeldspieler gleich eine Trophäe – erstmals seit Fernando Meira 2007 die Meisterschale erhielt – in den rheinischen Himmel recken und den Jubelgesang anstimmen.

Das sagt Sebastian Hoeneß

Doch nicht nur der Kapitän gibt beim Vizemeister den Ton an. Der VfB verfügt über eine breite Führungsstruktur in der Mannschaft. Außer Karazor gehören zur obersten Hierarchieebene auf dem Rasen Angelo Stiller (23) und Alexander Nübel (27). Schon allein, weil sich Führung im Sport nicht delegieren lässt, sondern sich immer auch über Leistung definiert. Der Mittelfeldstratege und der Torhüter haben sich aufgrund ihrer Persönlichkeiten und ihrer konstanten Klasse rasch zu festen Größen entwickelt.

„Natürlich ist die Führungsstruktur noch nicht voll vorhanden. Das muss sich entwickeln und braucht Zeit“, sagt Hoeneß. Anders kann es nach den Abgängen von Waldemar Anton und Serhou Guirassy nicht sein. Der frühere Abwehrchef und der ehemalige Torjäger, die beide zu Borussia Dortmund gewechselt sind, haben in der außergewöhnlichen Vorsaison erst Spuren und danach Lücken hinterlassen. „Jetzt müssen andere in die Fußstapfen treten, und das werden sie auch“, sagt der Coach.

Doch es gibt beim Blick auf die Führungskräfte nicht nur das Leistungsvermögen, sondern ebenso den Aspekt der Anerkennung im Team und beim Trainer. Diese Spieler müssen nicht immer auf dem Platz stehen, um Gehör zu finden und Einfluss auf die Gruppendynamik zu nehmen. Wie Dan-Axel Zagadou (25), Pascal Stenzel (28) und Fabian Bredlow (29). Trotz einer langwierigen Verletzung ist Zagadou weiter präsent. Hoeneß schätzt die Art des Innenverteidigers, und in der schwäbischen French Connection bildet der Franzose das Bindeglied. Aktuell arbeitet Zagadou an seinem Comeback und will sich wieder als Fels in der Abwehr etablieren.

Stenzel gilt beim VfB als absolut verlässlich. Sportlich wie menschlich. Der Rechtsverteidiger zählte in den vergangenen Jahren häufig zu den Gewinnern der Vorbereitung, musste im Lauf der Saison aber meist für einen schnelleren Konkurrenten seinen Platz räumen. Zu noch weniger Einsätzen kam der Ersatztorhüter Bredlow. Sein Wort hat intern dennoch Gewicht, weil auch der Keeper stark seine Meinung vertritt.

Neue Charaktere

Das Trio gehörte bislang zum Mannschaftsrat, der aus dem Spielerkreis gewählt und nicht wie der Kapitän von Hoeneß bestimmt wird. Und sowohl Zagadou als auch Stenzel und Bredlow bleiben Kandidaten für den neuen Mannschaftsrat, der nun zeitnah verkündet wird. Keine staatstragende Angelegenheit ist das, aber die Namen geben Einblick in den inneren Machtzirkel. „Was uns letztes Jahr ausgezeichnet hat, war die Stärke innerhalb der Kabine. Daraus haben wir viel Energie generiert und sie dann auch auf den Platz gebracht. Das kann dieses Jahr wieder ein Faktor werden“, sagt Karazor.

In die gleiche Richtung zielt Hoeneß, wenn er mit Blick auf den Zusammenhalt ausführt: „Wir haben wieder einen guten Spirit im Team, das ist jetzt schon zu spüren.“ Gute Charaktere seien dazugekommen. In Cheff Chabot und Ermedin Demirovic sind zwei Profis dabei, die bereits Führungsaufgaben übernommen beziehungsweise die Kapitänsbinde getragen haben. Chabot als Abwehrchef, Demirovic als Antreiber.

„Jeff Chabot macht einen guten Eindruck. Das ist das, was wir uns von diesem Transfer erhofft haben: Mentalität, Zweikampfstärke, Präsenz“, sagt der Trainer. Demirovic nimmt ebenfalls Schwung auf. „In der Mannschaft ist er gleich angekommen, weil er ein offener und guter Typ ist“, sagt Hoeneß über die neue Nummer neun, die sich zusammen mit Deniz Undav die Last des Toreschießens teilen soll. Der Publikumsliebling hat ja ebenfalls seine Rolle – als Spaßvogel, der die Laune prägt. Was insgesamt verdeutlicht, dass Karazor zwar die Kapitänsbinde trägt, alle anderen VfB-Profis aber ebenso Verantwortung für das Stuttgarter Spiel tragen sollen.