In der S-Bahn-Haltestelle Rotebühlplatz hätten im Ernstfall 4500 Stuttgarter Platz gefunden. Weitere Bilder aus Stuttgarts größtem Bunker zeigt die Fotostrecke. Foto: Jan Georg Plavec

Zehntausende Fahrgäste rollen täglich durch Stuttgarts größten Bunker. Die Haltestelle Rotebühlplatz / Stadtmitte hätte im Krisenfall 4500 Menschen Schutz geboten. Wer genau hinsieht, kann das zumindest noch erahnen.

Stuttgart - Stuttgarts größtem Bunker nähert man sich am besten von der Wandelhalle her, durch die man von der Stadt- in die S-Bahn umsteigen kann. Wer dann genau hinschaut, erkennt zwischen den Fahrkartenautomaten unter dem Rotebühlplatz einen Türknauf. Hinter der Tür wartet die Atmosphäre des Kalten Kriegs – also einer Zeit, in der man ernsthaft überlegte, wie man die Bürger einer Großstadt nach einem Angriff mit Atom-, biologischen oder chemischen Waffen sicher unterbringen konnte.

François Käufer hat einen Schlüssel für diese Tür, zumindest beim Vor-Ort-Termin. Dahinter befindet sich eine Schleuse, eine von vieren in Stuttgarts größtem Bunker. Die Haltestelle Rotebühlplatz / Stadtmitte ist nicht nur ein wichtiger Knoten im Stuttgarter Nahverkehr, sondern eine Mehrzweckanlage. So bezeichnete man in den siebziger Jahren Verkehrsbauwerke, die auch als Bunker genutzt werden könnten. 4500 Menschen hätten in der Anlage dann Schutz gefunden, so viele wie im Parkhaus unter dem Hauptbahnhof.

Eine Schleuse also. Einzeln wären die Menschen hier hereingekommen, zunächst in eine Art Warteraum. Verseuchte hätte man in die Dekontaminationsdusche geschickt und anschließend wie alle anderen auf die Bahnsteigebene. Auf der 210 Meter langen Fläche wären im Krisenfall 3300 Feldbetten aufgestellt worden, dazu wären auf beiden Seiten S-Bahnzüge eingerollt, in denen weitere 1200 Schutzsuchende hätten schlafen können.

Das 360-Grad-Bild zeigt die Bahnsteigebene in der Haltestelle, wo die Feldbetten aufgebaut worden wären. Bewegen Sie die Maus oder wischen Sie über den Bildschirm, um sich umzuschauen:

Die Eisentore kann man bis heute sehen

Die Haltestelle wäre im Ernstfall hermetisch abgeriegelt worden. Die Eisentore im S-Bahn-Tunnel, einige Meter hinter dem Ende der Bahnsteige, darf man nicht besichtigen. Die Tore kurz vor dem Abgang Richtung S-Bahn sind hingegen gut zu erkennen, wenn man genau hinsieht. Sie hätten die Haltestelle komplett abgedichtet.

Im 360-Grad-Bild sehen Sie den Bereich bei den Rolltreppen in der Wandelhalle unter dem Rotebühlplatz. Bewegen Sie die Maus oder wischen Sie über den Bildschirm, um sich umzuschauen:

Von der langsam Richtung Gleise gleitenden Rolltreppe aus erkennt man denn auch gut die zwei Ebenen, in denen die Sanitäreinrichtungen und die Lüftungsanlagen eingebaut sind. Wer sich lieber ebenerdig bewegt, sieht auf dem Mittelstreifen der darüber verlaufenden Theodor-Heuss-Straße die Lüftungsrohre aus dem Boden wachsen. Auf der Website des Vereins Schutzbauten Stuttgart finden sich einige historische Bilder aus der Anlage, die Forschungsgruppe Untertage hat die Geschichte des Bunkers ausführlich dokumentiert.

Zwei Wochen lang hätten die 4500 Bürger es da unten aushalten sollen. In der Haltestelle wurden auch Proviant, Betten und Trinkwasser gelagert, zwei Liter pro Person und Tag. Allerdings eher hypothetisch, mit dem Ende des Kalten Kriegs verschwand nicht nur gefühlt die Bedrohungslage aus dem Osten. 2014 wurde der Schutzbau formal entwidmet, weil die Bahn die Lüftungsanlagen erneuern musste.

Unser drittes 360-Grad-Bild zeigt den Treppenabgang Richtung Bahnsteigebene. An den beiden Technikgeschossen sind jeweils Werbeplakate angebracht:

Auf den Feldbetten, die einst für die Bürger gedacht waren, übernachtete zum Glück niemals auch nur ein einziger Schutz suchender Stuttgarter. Stattdessen wurden sie 2014 vom THW nach Nordrhein-Westfalen gebracht, wo sie für Flüchtlinge eingesetzt wurden. Und heute dürfte nur noch den wenigsten Fahrgästen bewusst sein, dass sie regelmäßig durch einen Atombunker aus dem Kalten Krieg rollen.

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