Zeugen Jehovas in der Königstraße in Stuttgart Foto: imago/Objektif/ 

Früher wurden sie von den Nazis verfolgt und ermordet und haben mehrfach das Ende der Welt prophezeit. Was macht die Zeugen Jehovas heute noch aus? Für wie gefährlich halten ihre Kritiker die religiöse Gemeinschaft noch? Zu Besuch in einer Versammlung.

Ein dreiminütiges Video reicht, um Kindern Angst vor dem Spielen zu machen. „Willst du, dass Jehova traurig ist?“, wird ein Kind in einer Animation von der Mutter gefragt, weil es mit einem Plastikspielzeug spielt. Nein, das will es nicht, deswegen landet das Spielzeug auch im Mülleimer. Viele ähnliche Erklärvideos sind auf der Homepage der Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas frei zugänglich. In leichter Sprache sollen die Beiträge Kindern beibringen, dass sie nicht an Klassenfahrten teilnehmen müssen, nicht mit Plastikzauberern spielen und sich ihre Freunde nach ihrem Glauben an Gott aussuchen sollen.

 

Freundliches Auftreten ist für die Zeugen Jehovas wichtig

Etwa 1600 Gemeindemitglieder der religiösen Gemeinschaft der Zeugen Jehovas leben in Stuttgart, rund 200 000 in ganz Deutschland. Kritiker erkennen in ihr eine Sekte, Mitglieder verteidigen sich hingegen rigoros gegen eine Stigmatisierung. Wer einen Eindruck ihrer Arbeit erhalten will, der kann den Königreichssaal in Stuttgart-Zuffenhausen besuchen. Kai Scheller steht dort in einem Flur und begrüßt die Gäste kurz vor Beginn des Gottesdienstes um 19 Uhr. Der Mann mit dem freundlichen Gemüt und der bunten Krawatte kann gut mit Menschen. Er umarmt die Gemeindemitglieder unterschiedlichen Alters, Familien und einzelne Personen, macht Witze mit ihnen, spricht sich kurz mit ihnen ab über Aufgaben, die sie in der Gemeinde haben.

Mindestens zweimal pro Woche findet die Versammlung der Zeugen Jehovas dort statt. Scheller wird den Abend über auch weiterhin viele Menschen loben, sie bestätigen und ihnen Mut machen. Er wird den Gottesdienst an diesem Tag leiten.

Das freundliche Auftreten ist für die Zeugen Jehovas ein wichtiges Thema. In ihren Sitzungen probieren sie Dialoge mit Andersgläubigen, arbeiten an ihrer Intonation und üben sich darin, Menschen für ihre Gemeinschaft zu gewinnen. Ein tieferer Einblick in das Wirken der Gemeinde aber weist auf ein ausgrenzendes Menschenbild hin, das sogar Kindern strenge Regeln auflegt. Neuen Mitgliedern gegenüber bleiben die Zeugen Jehovas jedoch aufgeschlossen und freundlich.

Mit der Schattenseite der Gemeinde muss sich die Erziehungspädagogin Sarah Pohl regelmäßig befassen. Die 45-Jährige arbeitet für die Zentrale Beratungsstelle für Weltanschauungsfragen (Zebra-BW) in Baden-Württemberg mit Sitz in Freiburg. Wenn Pohl über religiöse Gruppierungen spricht, bemüht sie gerne das Bild eines Marktes mit verschiedenen Angeboten, auf dem auch die Zeugen Jehovas einen festen Platz haben.

Ausstieg kann einer Verstoßung gleichkommen

Von den etwa 500 Menschen, die sich jährlich bei ihrer Beratungsstelle melden, seien im Schnitt zehn Menschen aus dem Kreis der Zeugen Jehovas dabei. Gerade junge Menschen, die in die Gemeinschaft hineingeboren wurden, hätten oft erhebliche Schwierigkeiten, wenn sie aus der Gemeinschaft austreten würden, sagt sie. Bei manchen sei dies ein schleichender Prozess, wenn die Familie jedoch schon vor dem Austritt dysfunktionale Strukturen aufweise, komme das Lossagen von der Gemeinde für diese jungen Menschen manchmal einer Verstoßung gleich.

Ein Verein, der sich in Deutschland intensiv mit Aussteigern befasst, ist der JZ Help. Auf seiner Homepage sammelt er Aussagen von vielen jungen Menschen, die bei den Zeugen Jehovas ausgestiegen sind. Sie schildern, dass sie danach teilweise den Kontakt zu den Eltern verloren und über Jahre Probleme gehabt hätten.

Die Zeugen Jehovas sind in Baden-Württemberg offiziell anerkannt und gelten als Körperschaft des öffentlichen Rechts. Im Laufe ihrer Geschichte haben zwielichtige Anführer schon mehrfach das Ende der Welt prophezeit. Sie wurden von der NS-Diktatur verfolgt und in Konzentrationslagern ermordet und haben sich trotz enormer Widerstände bis heute über fast 150 Jahre hinweg als eine Glaubensgemeinschaft etabliert, die fest zum Bild einer deutschen Großstadt gehört.

Zeugen Jehovas nehmen nicht an Wahlen teil

Bis heute ist die Glaubensgemeinschaft eine Organisation mit Widersprüchen geblieben. Die Zeugen Jehovas missionieren bis in die Wohnzimmer der Menschen hinein, sie haben Hilfsprojekte auf der ganzen Welt, lehnen Bluttransfusionen ab, feiern keine Feiertage und nehmen nicht an Wahlen teil. Sie sind immer freundlich, rhetorisch trainiert, bibelfest und wollen vor allem eins: das Wort Gottes verkünden.

Auch der Seminarraum im Königreichssaal in Zuffenhausen mit dem grauen Teppichboden ist an diesem Septembertag, an dem der Gottesdienst stattfindet, mit fast 80 Personen gut gefüllt. Die Männer tragen Anzüge und kurzärmlige Hemden, die Frauen Röcke und Kleider mit Blumenmuster.

Auf den ersten Eindruck wirkt der Saal wie der Seminarraum eines modernen Unternehmens, kaum etwas weist auf einen religiösen Hintergrund hin. Unbekannte werden sofort erkannt, angesprochen und freundlich begrüßt. Man braucht keine Bibel dabeizuhaben, sondern kann dem, bis auf die Minute getakteten Abend, auf zwei Bildschirmen oder in der Zeugen-Jehovas-App folgen. Neben den anwesenden Teilnehmern sind Personen online zugeschaltet.

Überzeugungsgespräche werden geübt

Die Ursprünge der Zeugen Jehovas gehen auf den umstrittenen US-amerikanischen Prediger Charles Taze Russel (1852–1916) zurück. In seinem Werk „Apostel und Propheten der Neuzeit“ schreibt der Konfessionskundler Helmut Obst, dass Russel bekannt dafür war, mehrfach das Ende der Welt prophezeit und damit falschgelegen und eine Krise in der Gemeinde ausgelöst zu haben. Er hatte die Gemeinschaft als Aktiengesellschaft gegründet, um religiöse Zeitschriften herauszugeben, die es teilweise bis heute gibt. Bei Weitem einflussreicher war sein Nachfolger Joseph Franklin Rutherford (1869–1942). Unter ihm wuchsen die Zeugen Jehovas zu einem streng hierarchisch geordneten gut organisierten Glaubenssystem.

Obwohl der Prediger Kai Scheller durch den Abend in Zuffenhausen führt, setzt er sich oft ins Publikum und lässt andere übernehmen. Die Atmosphäre ist belebt. Ein Jugendlicher kommt nach vorne und hält eine kurze Predigt, ein Vater mit Sohn trägt eine Art Theaterstück vor, in dem sie den Verlauf eines Gesprächs üben, mit dem man Menschen vom Pfad Gottes überzeugen kann. Kinder werden schon früh in die Gottesdienste eingebunden. „Die Modulation ist ein wichtiger Punkt“, erklärt Scheller einem älteren Herren mit grauem Anzug, der gerade eine Bibelpassage vorgelesen hat. „Wenn wir vorlesen, ist es gut, richtig zu betonen und die verschiedenen Textpassagen rhetorisch einzuleiten“, sagt er. Für das äußere Erscheinungsbild eines Zeugen Jehovas beim Predigerdienst gibt es eine klare Empfehlung: gepflegtes Aussehen und rhetorisch geschulte Sprache.

Mitgliederzahl stagniert

Wegen ihrer rigorosen Missionierung, bei der sie so weit gehen, im Rahmen ihres Predigtdienstes bei Fremden zu klingeln, sind die Zeugen Jehovas immer wieder Ziel von Spott und Häme geworden. Außenstehenden ist es streng verboten, bei diesen Diensten auch nur als Beobachter teilzunehmen. In ihrer Versammlung wird deutlich, dass sie hier auch das Missionieren üben.

Laut Sarah Pohl von Zebra sei die Zahl der Mitglieder trotz aller missionarischen Bemühungen der Zeugen Jehovas seit Jahren in Deutschland stagniert. „Viele Mitglieder sind vermutlich schon in die Zeugen Jehovas hineingeboren worden“, sagt sie. Die Pädagogin hat sich in ihrer Dissertation insbesondere mit der Kindererziehung der Zeugen Jehovas beschäftigt. „Teilweise sind individuelle Öffnungsprozesse zu beobachten, dies kann verschiedene Gründe haben“, sagt Pohl. Auch Kai Scheller erklärt, dass viele Aufgaben, die die Mitglieder bis vor einigen Jahren noch hatten, angepasst wurden. „Wir haben die privaten Bibelrunden abgeschafft“, sagt Scheller.

Männer, die Mikrofone herumreichen

Zu den Aussteigern möchte sich der Stuttgarter Prediger Kai Scheller nicht äußern, doch zu den Tabus in seiner Glaubensgemeinschaft schon. „Bei uns gibt es wie in einer Partei ein Ausschlussverfahren“, sagt er. „Wenn jemand beispielsweise Ehebruch begeht, dann ist das mit unseren Prinzipien nicht vereinbar. Aber wir geben jedem die Möglichkeit, auch wieder zu uns zurückzukehren“, sagt er. Auch das Ende der Erde nehmen sie laut Scheller als Thema nicht mehr so ernst. Finanziert wird die Gemeinschaft über Spenden. Die Zeugen Jehovas betonen aber, dass sie nicht den Klingelbeutel herumreichen oder vorgeben, wie viel man spenden sollte.

Zurück in der Versammlung schimmert nur wenig von den strengen Regeln durch, für die die Zeugen Jehovas so viel kritisiert werden. Ein korpulenter Mann mit Fliege und kurzärmligem Hemd im Publikum lacht während der Vorträge manchmal in sich hinein und dreht sein Gesicht weg, um es zu verstecken. Selbst eine Frau mit einem schlafenden Kind im Arm beteiligt sich rege an den Diskussionen. Sie wirkt, als wäre sie lieber dort in dem vollen Gemeinderaum in Zuffenhausen als sonst irgendwo auf der Welt.