Igor ist in der Kursstufe der Gemeinschaftsschule – und gilt dort als „Mathe-Genie“. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Welche Schulart ist die richtige fürs Kind? Wir lassen Eltern und Schüler zu Wort kommen – heute aus der Schickhardt-Gemeinschaftsschule. Igor und seine Schwester Vanesa hatten beide eine Hauptschulempfehlung, jetzt sind sie auf dem Weg zum Abitur.

Es sind die Wochen der Entscheidung. Da die Grundschulempfehlung verbindlicher wird, lohnt es sich, die anderen Schularten genauer in den Blick zu nehmen. Was macht zum Beispiel eine Gemeinschaftsschule anders? Was sagen Schüler und Eltern, die diese Schulart kennen? Warum haben sie sich für diese Schule entschieden und würden sie es wieder tun? Wir haben uns an der Stuttgarter Schickhardt-Gemeinschaftsschule umgehört, weil diese eine gymnasiale Oberstufe anbietet – und ein neues Lernkonzept in Klasse Fünf eingeführt hat.

 

Allgemein: Generell können auf jeder Gemeinschaftsschule (GMS) die Schülerinnen und Schüler auf allen Niveaus lernen – das ist auch von Fach zu Fach unterschiedlich möglich. Ist ein Kind zum Beispiel stark in Mathematik, aber schwach in Deutsch, kann es in Mathematik Aufgaben auf gymnasialem Niveau (E-Niveau) oder mittlerem Realschulniveau bearbeiten, in Deutsch aber auch auf grundlegendem Niveau, wie es auf der Werkrealschule gelehrt wird. Die Kinder bekommen spät Noten (oft erst am Ende der neunten Klasse), statt eines Zeugnisses erhalten sie Lernentwicklungsberichte, in denen ihre Kompetenzen aufgeführt sind. Auch das Lerncoaching, also regelmäßige motivierende Einzelgespräche mit einer Lehrkraft, führen Gemeinschaftsschulen als Pluspunkt an. Die meisten Kinder auf dieser Schulart haben die Grundschule mit einer Empfehlung für die Realschule oder die Werkrealschule verlassen.

Gemeinschaftsschule will die Stärken jedes Kindes ermitteln

Die Schule: Der Blick aufs Kind ist an einer Gemeinschaftsschule ein anderer– davon ist die Schulleiterin der Schickhardt-GMS, Sandra Vöhringer, überzeugt. Ihnen sei wichtig, dass die Schüler herausfinden, was sie interessiert und sie individuell zu fördern. Wer in einem Bereich Erfolge einfährt, könne das auch auf andere Bereiche übertragen. Manchmal brauche das länger, aber: „Die Türen bleiben bei uns immer offen“, betont sie. Es gebe keinen Schüler ohne Stärke. Diese gelte es zu ermitteln und zu versuchen, aus jedem Kind „das beste“ herauszuholen. Wenn Schüler aus Gymnasien zu ihnen wechselten, frage sie diese nicht etwa, warum es dort schlecht lief, sondern: „Worin bist Du gut? Was macht Dir Spaß?“ Sie glaube nicht, „dass Gymnasien die Potenziale so suchen“, sagt die Schulleiterin. Auch an Gymnasien säßen im übrigen „nicht nur brave Schüler“. Es sei „nicht haltbar“, dass sich nur auf Gemeinschaftsschulen schwierige Kinder befänden. Sie kümmerten sich zudem auch ums „soziale Lernen intensiv“.

So wird in der fünften „Panda“-Klasse gelernt. Foto: Schickhardt-GMS

Voller Begeisterung berichtet sie über das Lernkonzept, das sie dieses Schuljahr in Klasse Fünf eingeführt haben. Hinter dem steckt die Einsicht, dass die Fähigkeiten, selbstständig zu lernen und sich selbst zu strukturieren, zentral sind für den Bildungserfolg. Doch immer mehr Kinder hätten Konzentrationsprobleme und Schwierigkeiten, „über Widerstände hinweg zu lernen“. In der aktuellen Klasse Fünf erproben sie deshalb einen neuen Weg – und orientieren sich dabei an der Arbeit der Alemannenschule Wutöschingen , die den Deutschen Schulpreis gewonnen hat.

Individuelle Lernnachweise statt Arbeiten in der Gemeinschaftsschule

Alle Fünftklässler hätten am Anfang des Schuljahres einen Vertrag unterschrieben, in dem steht, wo und wie sie aktuell lernen. „Wenn ich mich an die Regeln halten kann, steige ich im System auf“, erklärt Vöhringer. Zunächst arbeiten alle an Einzeltischen im „Lernatelier“ (Klassenzimmer) jeweils an ihren individuellen Lernpaketen. Steigen sie auf, dürfen sie auch woanders lernen – und sich immer freier im Schulgebäude bewegen. Im Gegenzug können sie Privilegien aber auch wieder verlieren. Beim wöchentlichen Coaching werden die Verträge besprochen. „Das funktioniert so toll“, berichtet Vöhringer euphorisch. Die Kinder wollten ihren Status nicht verlieren und arbeiteten viel ruhiger. Klassenarbeiten schrieben sie nicht mehr zusammen. Ist ein Schüler bereit für einen Lernnachweis, lege er ihn individuell ab.

Der Schüler: „Ich wäre gerne noch mal Fünftklässler“, sagt Igor, ein Schüler aus der Kursstufe Eins – wegen des neuen Konzepts. Aber auch die „normale“ Gemeinschaftsschule könne er nur empfehlen. „Ich würde sonst kein Abi machen“, ist der 18-Jährige überzeugt. Auch Sandra Vöhringer glaubt, dass Igor woanders aussortiert worden wäre, weil er eine Lese-Rechtschreibschwäche hat. An der Schickhardt-Gemeinschaftsschule hingegen hat er sich zum „Mathe-Genie“ entwickelt.

Dabei war er ein Spätzünder. Wie seine ältere Schwester Vanesa hatte Igor die Grundschule mit Hauptschulempfehlung verlassen. Während es Vanesa zunächst auf dem Gymnasium probierte und nach frustrierenden Jahren in der Siebten an die GMS wechselte – ging der Bruder direkt von der fünften an auf die Schickhardtschule. Inzwischen sind die Geschwister zusammen in der Kursstufe, machen 2026 gemeinsam Abitur. An einer anderen Schule wären sie nicht so weit gekommen, ist Igor sich sicher. Dabei tat er sich zunächst nicht leicht mit dem selbstständigen Lernen, auf das die Gemeinschaftsschule setzt. Er fand es schwer, sich die Lernpakete einzuteilen, arbeitete lange fast durchweg auf dem grundlegenden G-Niveau, in Englisch anfangs sogar nur auf F- also Förderklassenniveau. Nur in Mathe, seinem besten Fach, schwankte er stets zwischen E- und M-Niveau.

Zuerst lief es bei Igor in Mathe, dann auch in den übrigen Fächern

Seine Mutter habe immer an ihn geglaubt. Aber helfen konnte sie ihm nicht in der Schule. Die Alleinerziehende spreche „nicht gut Deutsch“, arbeite in der Gastronomie als Servicekraft. Klick hat es bei Igor erst am Ende der neunten Klasse gemacht, in einem Lerncoaching. „Ich finde diese Gespräche immer toll“, sagt der Zwölftklässler– zu hören, wie man gesehen wird. Seine Lernbegleiterin sprach ihn damals auf sein Zeugnis an: In Englisch und Deutsch hatte er eine Vier, in Mathe eine Drei. „Bist Du damit zufrieden?“, habe sie gefragt. Nein. Igor war nicht zufrieden. Er beschloss, zumindest in Mathe sein Potenzial abrufen zu wollen. „Ich habe mich auf das fokussiert, was ich kann – und plötzlich hat es sehr viel mehr Spaß gemacht“, erzählt er, wie sein „Aufstieg“ begonnen habe. Als es in Mathe lief, sei er plötzlich überall besser geworden. Weil er wusste, was er schaffen kann, wenn er sich wirklich konzentriert.

In der Gemeinschaftsschule gibt es auch Rückzugsräume für Gespräche. Hier sieht man Schulleiterin Sandra Vöhringer mit Vanesa und Igor mit Lehrer Sascha Müller. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Die zehnte Klasse war ein Senkrechtstart. Den Realschulabschluss machte er mit 1,9. Das qualifizierte für die Oberstufe. Dort hat er weiter Erfolg. Mit dem Igor, der noch in Klasse Acht laut seinem Lehrer Sascha Müller „kein Wort rausbekommen“ hat, hat er schon lange nichts mehr zu tun. Selbst in Deutsch läuft es passabel. Dank eines Nachteilsausgleichs bekommt er für Arbeiten länger Zeit. „Ich habe jetzt Bock aufs Abi“, sagt Igor und das Ego habe er auch. Scherzhaft nennt er sich „Egor“. Was er danach machen will? Studieren – „wahrscheinlich ein naturwissenschaftliches Fach“.

In der Grundschule hatte der Sohn noch Schulangst

Die Schülermutter: Caterina Virga bereut ihre Schulwahl nicht: „Ich würde es noch mal machen“, sagt die Mutter eines Neuntklässlers und Elternbeiratsvorsitzende der Schickhardtschule. Auch ihr Sohn hatte eine Hauptschulempfehlung – es sei eine „schwere Zeit“ auf der Grundschule gewesen. Er habe am Ende der vierten Klasse gar nicht mehr hin gewollt und komplett die Motivation zu lernen verloren. An der Grundschule habe sie nur von der Klassenlehrerin gehört, ihr Sohn sei „zu langsam“, aber gefördert worden sei er nie.

Caterina Virga über die Gemeinschaftsschule: „Alle haben die gleiche Chance“. Foto: Privat

Sie selbst habe in ihrem Sohn immer viel Potenzial gesehen – und mit dem Wechsel auf die GMS sei er „komplett aufgeblüht“. Der „respektvolle Umgang auf Augenhöhe“, den die Lehrkräfte pflegten, habe ihm gut getan genauso wie das Lerncoaching mit seinem positiven Blick aufs Kind. Endlich wurden nicht mehr nur seine Defizite gesehen. An der Schule sei es auch komplett egal, welche Nationalität ein Kind habe. „Alle haben die gleiche Chance“, sagt die medizinisch-technische Fachangestellte. Das sei an der Grundschule anders gewesen. Seit der fünften Klasse arbeite ihr Sohn mindestens auf Realschulniveau, zum Teil auch im erweiterten Niveau, darunter in Technik – das Fach interessiere ihn besonders. „Ich habe nur positive Erfahrungen gemacht“, sagt sie. In ihrem Bekanntenkreis habe sie mitbekommen, dass das Kind das Gymnasium wieder verlassen musste. Das trage jetzt schwer an der Erfahrung: „Ich hab’s nicht geschafft.“

Das Unternehmen: Die Schickhardt-Gemeinschaftsschule richtet regelmäßig eine Berufsbildungsmesse aus. Die Referentin für Nachwuchssicherung, Anika Kropff, besucht diese im Auftrag von DB InfraGo, einem Tochterunternehmen der Deutschen Bahn. Das Schöne an einer Gemeinschaftsschule wie der Schickhardtschule sei, dass sie „so vielfältig bei den Schulabschlüssen“ sei. Das passe gut zur Vielfalt der Berufe, die sie als Arbeitgeber anböten: 50 Ausbildungsberufe und 25 duale Studiengänge. Da sei für jeden Abschluss etwas dabei. Ihre Besuche in der Schule habe sie „sehr positiv“ erlebt. „Es bestand ein hohes Interesse an uns als Arbeitgeber und es wurden gute Fragen gestellt“, so Anika Kropff. Insgesamt hätten sie 105 Schulkooperationen im Land Baden-Württemberg, darunter seien inzwischen auch viele Gemeinschaftsschulen.

Acht Gemeinschaftsschulen in Stuttgart

Schulen
In Stuttgart gibt es acht Gemeinschaftsschulen mit unterschiedlichen Profilen, die sich über das Stadtgebiet verteilen – von der Körschtalschule in Plieningen bis zur Elise-von-König-Schule in Münster. Einige sind aus ehemaligen Hauptschulen, andere aus ehemaligen Realschulen hervorgegangen. Alle sind in der Sekundarstufe eine verbindliche Ganztagsschule.

Standorte
Die Schickhardt-Gemeinschaftssschule ist die einzige GMS im Land mit bilingualen Profil (englisch/deutsch) und bisher die einzige Stuttgarter Gemeinschaftsschule mit gymnasialer Oberstufe. Dort hat im Juli 2024 der erste Jahrgang Abitur gemacht. Auch die Weilimdorfer Gemeinschaftsschule würde gerne eine Oberstufe anbieten. Die Schickhardt-Schule ist stark gewachsen und verteilt sich deshalb auf zwei Standorte. Die Hauptstelle befindet sich in der Schickhardtstraße 30 (Stufen 7, 8, 10, 12, 13), die Außenstelle in der Heusteigstraße 97 (Stufen 5, 6, 9, 11). Der Tag der offenen Tür findet am Freitag, 21. Februar, von 15 bis 18 Uhr am Standort Heusteig statt.