Am 24. Dezember feiern etwa 500 Gäste Weihnachten bei eva’s Stall. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Heilig Abend im Haus der Diakonie: Seit 79 Jahren bringt eva’s Stall Menschen, die kein Geld, keine Familie oder kein Dach über dem Kopf haben, im Zeichen der Weihnachtsbotschaft zusammen.

Stimmengemurmel mischt sich mit dem Geräusch von Besteck, das auf Teller trifft. Die Plätze an den Tischen im Großen Saal des Hauses der Diakonie sind an Heiligabend gegen 17 Uhr allesamt besetzt. Emsig eilen die ehrenamtlichen Servicekräfte von eva’s Stall umher, bieten hier einen Nachschlag an, teilen dort Gebäck aus. Rund 80 Helferinnen und Helfer sind in der Büchsenstraße im Einsatz, um geschätzt 500 Gäste zu versorgen. „Ich bin jedes Jahr hier“, erzählt Clemens und lässt sich den schwäbischen Kartoffelsalat schmecken. Der Gottesdienst in der Hospitalkirche und das gemeinsame Essen am 24. und 2. Dezember samt Gastspiel von „Dein Theater“ gehören für ihn seit langem zum Weihnachtsfest. „Ich freue mich sehr, dass es das hier gibt“, zeigt er sich begeistert. „Und Geschenke gibt es ja auch noch.“

 

Sein Nebenmann ist erstmals in eva’s Stall zu Gast. Die geplante Familienfeier habe sich vor wenigen Tagen kurzfristig zerschlagen, berichtet er. „Ich wusste, dass es dieses Angebot gibt, also bin ich hergekommen“, sagt er. Auch früher habe es Heiligabend immer eher ein rustikaleres Gericht gegeben. Saiten und Kartoffelsalat: das sei genau richtig. Was ihm gar nicht passt, ist die Untätigkeit der Stadt angesichts einer steigenden Zahl armer Menschen.

Im Großen Saal des Hauses der Diakonie werden Saiten mit Kartoffelsalat serviert. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Auch Bernd, der am gleichen Tisch sitzt, ist der Ansicht, dass es dringend mehr Angebote wie eva’s Stall, die Wärmestube der Eva oder den Mittagstisch in der Büchsenstraße bräuchte. „Gerade in der kalten Jahreszeit ist es hart für alle, die kein Dach über dem Kopf haben“, betont er. „Ich bin froh, dass ich das hinter mir habe und in einer kleinen Wohnung lebe.“ Zu sehen, wofür Stuttgart Unsummen ausgebe, während die Zahl derer zunehme, die kaum genug zum Leben hätten, werfe Fragen auf.

„Für mich ist das hier wie ein Familienersatz“

Trotz der Ballung bitterer Schicksale, trotz teilweise sichtbarer Spuren der Randständigkeit und trotz unterschiedlichster Charaktere: In eva’s Stall geht es harmonisch zu. „Es ist ein bisschen, als ergreife der Geist der Weihnacht die Menschen“, stellt Birgit Auer, die Leiterin der Stadtmission bei der Evangelischen Gesellschaft, fest. Das Leben auf der Straße oder am Rande der Armutsgrenze bringe Konflikte mit sich, die beim Miteinander am Heiligen Abend erstaunlicherweise nicht zum Tragen kämen. „Für mich ist das hier wie ein Familienersatz“, sagt Bernd. An Weihnachten möchte schließlich kaum jemand allein sein. „Ich stelle fest, dass Einsamkeit auch eines der Motive ist, aus denen sich Menschen ehrenamtlich bei eva’s Stall engagieren“, überlegt Auer. Gutes tun und den Abend in Gesellschaft zu verbringen, spiele eine bedeutende Rolle.

Die Predigt hielt Pfarrer Klaus Käpplinger, der Vorstandsvorsitzende der eva, gemeinsam mit Pfarrerin Laura Helme. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Isolde ist aus anderen Motiven im Team der Stall-Engel. Und das bereits im 18. Jahr. Weihnachten sei für sie immer mit Schwere und Melancholie verbunden gewesen, verrät die 51-Jährige, die bis vor Kurzem als Eventmanagerin Fotoshootings für Models organisiert hat. „Ich bin da von polnischen Traditionen geprägt und ich habe Weihnachten nie gemocht.“ eva’s Stall habe eine neue Perspektive eröffnet, die nichts mit Konsum und dem oberflächlichen Weihnachtsglitzer zu tun hat: „Hier habe ich Kontakt mit dem wirklichen Leben und eine Möglichkeit, die Idee von Weihnachten mit Leben zu füllen“, sagt Isolde. „Solange ich gesund bin, werde ich weiterhin jedes Jahr mitwirken.“ Probleme, genügend Helfer zu versammeln, gibt es beim Stall laut Birgit Auer nicht. Man beginne im September oder Oktober, Kontakte zu sammeln.

Anfang Dezember sei das Team dann immer vollzählig. „Es ist schon ein bisschen familiär, wenn wir zusammenkommen“, beschreibt Isolde die Stimmung. „Wir sind nicht unbedingt befreundet. Ich sehe auch diejenigen, die regelmäßig dabei sind, nur in eva’s Stall. Dann ist es aber jedes Mal sehr schön.“