Äußerliche Ähnlichkeiten gibt es nicht: Links das Bärtierchen „Ramazottius kretschmanni“, rechts der echte Winfried Kretschmann. Foto: imago/Political-Moments/Ralph O. Schill

Sie sind keinen Millimeter groß und verfügen doch über Superkräfte. Bärtierchen finden sich überall in der Natur. Eine neue Art trägt den Namen „kretschmanni“ – gibt es Parallelen?

Ein ein Millimeter großes Lebewesen auf 10 000 Hektar finden? Da hinkt selbst der Vergleich mit der berühmten Nadel im Heuhaufen. Einem Team um den Stuttgarter Biologen Ralph Schill gelang vor einigen Jahren eine Entdeckung in dieser Größenordnung. Auf Moosen aus dem Nationalpark Schwarzwald entdeckte er eine neue Art eines Bärtierchens.

 

Am Donnerstag wurde die knapp ein Millimeter große Art dem Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann (Grüne) vorgestellt. Um ihn für sein Engagement für Biodiversität zu ehren, trägt sie seinen Namen: Ramazottius kretschmanni.

Kretschmann gerührt

Kretschmann zeigte sich gerührt. „Für mich als Biologen ist es natürlich eine große Ehre, in der Nomenklatur biologischer Arten verewigt zu sein“, sagte er am Donnerstag, als er das Modell der Art überreicht bekam. Tatsächlich ist es schon die dritte Art, die nach ihm benannt wird. Nach einem Kaktus (Cylindropuntia imbricata ‚Winfried Kretschmann’) und einer Wespe (Aphanogmus kretschmanni) nun also ein Bärtierchen.

Dem Fachpublikum ist Ramazottius kretschmanni – dessen Gattungsname Ramazottius nichts mit dem Getränk, sondern mit dem Forscher Giuseppe Ramazotti zu tun hat – schon seit 2022 ein Begriff. Damals wurde wissenschaftlich bestätigt und publiziert, dass es sich bei dem winzigen Schwarzwälder um eine bislang unbekannte neue Art handelt. Es ist sogar die erste Art, die überhaupt im Nationalpark entdeckt wurde, bestätigt Charly Ebel, der dort Fachbereichsleiter Besucherinformation ist.

Nationalpark wollte neue Arten finden

Ebel brachte die Suche nach Bärtierchen 2016 ins Rollen. Ihn faszinierten die millimetergroßen Überlebenskünstler, die Temperaturen von 110 bis minus 200 Grad Celsius überstehen, aber auch austrocknen können. Kryptobiose nennt man diese Fähigkeit. Um neue Arten zu finden, die die Biodiversität im Nationalpark widerspiegeln, sprach er den auf Bärtierchen spezialisierten Zoologen Ralph Schill von der Uni Stuttgart an und bat ihn, sich auf die Suche nach solchen Tieren zu machen.

2023 wurde diese Wespe nach Kretschmann benannt. Foto: dpa

Aber wie findet man ein Millimeter große Lebewesen auf 10 000 Hektar? „Man muss gezielt suchen“, sagt Schill. Und so wanderten er und sein Team mehrere Wochen lang durch den Nationalpark und sammelten Moose, das natürliche Habitat der Bärtierchen. Im Labor wurde mikroskopiert. Dann machte das Team die spektakuläre Entdeckung. Fündig wurden sie unter anderem an einer Weißtanne unweit des Besucherzentrums am Ruhestein. Insgesamt fand Schill im Nationalpark 28 Bärtierchen-Arten, bei drei weiteren ist noch nicht final bestätigt, ob es sich um neue Arten handelt. 99 Arten sind in Deutschland bislang insgesamt nachgewiesen, weltweit sind bislang 1500 beschrieben.

Was haben Bärtierchen und Kretschmann nun gemeinsam?

Bärtierchen werden sie aufgrund ihrer besonderen Fähigkeiten weltweit erforscht. „Dieses Konservieren von Leben hat mich fasziniert“, sagt Schill. Wenn man verstehe, wie das funktioniere, könne man das Wissen vielleicht auch für den medizinischen Bereich nutzen. „Klein bedeutet nicht unwichtig“, betonte Kretschmann. Auch ihn fasziniert vor allem die Kryptobiose. „Im Prinzip stellen sie mit dieser Fähigkeit die Definition des Begriffs ,Leben‘ in Frage.“ Und was hat er nun mit dem Bärtierchen gemeinsam? Durch die Fähigkeit seien Bärtierchen sehr krisenfest, sagt Kretschmann. „Diese Krisenfestigkeit haben Bärtierchen und ich ebenfalls gemeinsam.“