Frisch-Auf-Spielmacher Tim Kneule wirft sich in der Handball-Bundesliga kraftvoll ins Getümmel. Foto: /imago/Jan Hübner/Daniel Lakomski

Kapitän Tim Kneule spielt seine 17. Bundesliga-Saison mit Frisch Auf Göppingen, gewann schon viermal den EHF-Pokal und fiebert nun erneut den European-League-Spielen gegen den TBV Lemgo Lippe entgegen. Wie schafft er es, sich mit 36 Jahren so fit zu halten?

Das jüngste 25:25 bei der HSG Wetzlar? „Ein Schritt in die richtige Richtung“, sagt Tim Kneule, „jetzt heißt es, Kopf frei bekommen und Vollgas geben in der European League. Wir freuen uns riesig.“ Der Kapitän von Frisch Auf Göppingen ist mit seinem Club mit 3:7 Punkten alles andere als optimal in die neue Saison der Handball-Bundesliga gestartet. Da kommt ein anderer Wettbewerb eigentlich ganz gelegen.

 

Wenn da nur nicht der Gegner wäre: Gegen den TBV Lemgo Lippe geht es an diesem Dienstag daheim in der EWS-Arena und am 4. Oktober auswärts (jeweils 18.45 Uhr) um den Einzug in die Gruppenphase der European League. „Natürlich hätten wir uns einen internationalen Gegner gewünscht, aber jetzt müssen wir uns eben erst einmal gegen einen Bundesliga-Rivalen durchsetzen“, nimmt’s Kneule pragmatisch.

Der abwehrstarke Spielmacher kennt sich wie kein anderer im Frisch-Auf-Dress in diesem Wettbewerb aus. An den vier Titelgewinnen 2011, 2012, 2016 und 2017 im EHF-Pokal (bis 2020 Vorläufer der European League) war er auf dem Spielfeld direkt beteiligt. „Das waren die absoluten Höhepunkte meiner Laufbahn“, sagt Kneule.

Seit 2006 bei Frisch Auf

Eine Laufbahn, wie sie im aktuellen Profisport nur noch ganz selten vorkommt. Denn diese treue Seele spielt nun schon seit 2006 ununterbrochen für einen Verein: für Frisch Auf Göppingen. Und das nicht nur als Mitläufer – sondern auch in seiner 17. Bundesliga-Saison als absoluter Führungsspieler auf ganz zentraler Position in Abwehr und Angriff, wo seine Spezialität die kraftvollen Durchbrüche sind, bei denen er sich mit unglaublicher Dynamik in Eins-gegen-eins-Situationen durchsetzt.

„Tim ist ein Phänomen, auf ihn ist immer Verlass, ihn kannst du um 3 Uhr nachts wecken, und er ist voll da. So einen Spieler will jeder in seiner Mannschaft haben“, schwärmt Trainer Hartmut Mayerhoffer von seinem Spielführer. Wie Kneule das mit 36 Jahren immer noch schafft? Die körperliche Robustheit des 1,90 Meter großen Kraftpakets kommt nicht von ungefähr. Er schiebt zusätzliche Einheiten im Kraftraum, arbeitet viel im prophylaktischen Bereich mit Athletiktrainer Dieter Bubeck, doch auch die Pflegetermine bei Frisch-Auf-Physiotherapeut Sebastian Daebel haben zugenommen. Seine einzigen beiden größeren Verletzungen – ein Kreuzbandriss 2011 und ein Riss des Syndesmosebandes 2016 – hat er sehr gut weggesteckt. „Die Professionalisierung in der Trainingssteuerung hat rasant zugenommen. Zudem entwickelt man im Laufe der Karriere eine bessere Sensibilität für regenerative Maßnahmen“, sagt Kneule. Zumal bei dem Mann mit den 448 Bundesliga-Spielen (935 Tore) und den 30 Länderspielen auch der theoretische Hintergrund gegeben ist.

Gesunde Ernährung wichtig

Sein Sportwissenschaftsstudium hat er 2015 abgeschlossen, sein aktuelles Fernstudium Gesundheitsmanagement befindet sich auf der Zielgeraden. Da verwundert es nicht, dass der Modellathlet sehr auf gesunde Ernährung achtet, größtenteils hat er diese auch auf Low Carb (Kohlenhydratreduzierung) umgestellt. Aber, damit kein falscher Verdacht aufkommt: Der Familienvater lässt auch mal fünfe gerade sein. „Mit den Kindern geht’s gemeinsam schon einmal in einen Fast-Food-Laden zum Eis- oder Pommesessen“, sagt er.

Familienvater mit drei Kindern

Seine Frau Julia, die Kinder Ida (9), Emil (7) und Lotta (2) sind auch der Hauptgrund, dass es den bodenständigen Schwaben, der in Dettingen/Erms wohnt, nach menschlichem Ermessen nicht mehr aus der Region wegzieht. Sein Vertrag bei Frisch Auf läuft am Saisonende aus. „Wenn der Verein möchte und sagt ,wir brauchen dich‘, kann ich mir schon noch ein bis zwei Jahre Bundesliga-Handball vorstellen, ich fühle mich jedenfalls noch topfit.“

Was nach der Karriere kommt? Dem Sport will er verbunden bleiben, aber nicht als Trainer. „Ich werde mich nach freien Wochenenden sehnen, an denen ich auch meine Kinder auf Wettkämpfe begleiten kann“, sagt Kneule. Doch das ist Zukunftsmusik. Zunächst zählt nur die aktuelle Saison mit Frisch Auf, in der neben dem Ligaalltag die europäische Bühne wartet. Der fünfte Titel für Kneule wäre zwar eine Überraschung, aber er sagt auch: „Wir haben oft bewiesen, dass wir international über uns hinauswachsen können.“ Am nimmermüden Dauerbrenner dürfte es jedenfalls nicht scheitern.

Sechs Europapokal-Titel für den Traditionsclub Frisch Auf

Landesmeister
 Der Handball-Bundesligist Frisch Auf Göppingen gewann zweimal den Europapokal der Landesmeister: 1960 gegen GF Aarhus/Dänemark und 1962 gegen Partizan Bjelovar/Kroatien jeweils in den Endspielen in Paris.

EHF-Pokal
49 Jahre nach dem letzten internationalen Titel sicherte sich Frisch Auf 2011 im unter der Champions League angesiedelten EHF-Cup den Sieg. In zwei Endspielen setzte sich das Team von Trainer Velimir Petkovic gegen den TV Großwallstadt durch. 2012 folgte die Titelverteidigung gegen Dunkerque/Frankreich. 2016 gelang im Final-Four-Format der Triumph in Nantes, der wurde 2017 unter Coach Magnus Andersson in heimischer Arena gegen die Füchse Berlin wiederholt. (jüf)