Die Teilnehmer des Bietigheimer Waldyogas haben ganz unterschiedliche Gründe, warum sie sich Samstagmorgen aus dem Bett quälen. Foto: Simon Granville

Frische Luft, Stille und achtsame Bewegung: Waldyoga liegt im Trend. Die Teilnehmer in Bietigheim-Bissingen berichten, warum sie dabei zur Ruhe kommen.

Es ist ein knackig frischer Samstagmorgen im November. Kleine Duftwölkchen bilden sich beim Ausatmen. Der Wald liegt im zart-feuchten Dunst. Julia Andrea Land-Schäfer begrüßt ihre acht weiblichen und einen männlichen Teilnehmer am Parkplatz des Bietigheimer Forsts – direkt gegenüber vom großen Zelt des Weihnachtscircus, das bald mit lauter Unterhaltung die Massen anziehen wird.

 

Wenige Meter vom Zelt und der pulsierenden Durchgangsstraße entfernt beginnt der Wald: Wohltuend dringt facettenreiches Grün ins Auge. Die Blätter an den Bäumen leuchten in Gelb und Rot, Vögel zwitschern, Hundebesitzer gehen mit ihren Vierbeinern spazieren. Für die Gruppe steht Waldbaden für alle Sinne auf dem Programm – der Aufenthalt im Wald soll als gebuchte Wald-Yoga-Stunde das persönliche Wohlbefinden steigern.

Der Wald bietet Kraft für den Alltag. Foto: Simon Granville

Schweigend in den Wald

Julia Andrea Land-Schäfer ist Trainerin im Bereich Stressmanagement und Resilienztraining sowie zertifizierte Yogalehrerin. Sie versteht sich als Impulsgeberin für mentale Balance und innere Stärke. Weil der Wald für sie ein wertvoller Partner des Menschen ist, möchte sie ihn das ganze Jahr über nutzbar machen. Deshalb bietet sie ihre Outdoor-Yoga-Kurse ganzjährig im Bietigheimer Forst an.

Die Gruppe bewegt sich schweigend vom Parkplatz weg, tiefer in den Wald hinein. Meditatives Gehen nennt die Leiterin das. „Für manche anfangs sicher ungewohnt, sich nicht zu unterhalten“, weiß Land-Schäfer. „Aber es ist eine hervorragende Methode, den Fokus auf sich zu legen und aus der Dauerbeschallung herauszutreten.“

Dass das Stresslevel der Menschen immer weiter steige, erfahre sie täglich in ihrer beruflichen Praxis. Immer anspruchsvollere Berufe, unzählige Möglichkeiten, die Freizeit zu gestalten, und die ständige Beschallung übers Handy, die wiederum Unsicherheiten und Ängste auslöst – all das braucht ein Gegengewicht.

Julia Andrea Land-Schäfer leitet die Übungen an – mit dem Ziel, mehr Resilienz für den Alltag aufzubauen. Foto: Simon Granville

Die Resilienz – also die psychische Widerstandskraft – ihrer Mitmenschen zu stärken, ist ihr Anliegen auch beim Angebot Wald-Yoga. Bei sich ankommen, die Sinne schärfen, sehen, hören, fühlen – all das sind Bestandteile der nächsten Stunde, die mit bewussten Atemübungen beginnt. Sie lehrt, verbrauchte Luft rauszulassen und gegen frische, kühle Waldluft einzutauschen. Die Idee, Gedanken und Sorgen „wie kleine Wölkchen abziehen zu lassen“, tut ebenfalls gut.

Ob Rückwärtslaufen, Asanas oder Gleichgewichts- und Achtsamkeitsübungen: Geübt wird ausschließlich im Stehen. Ein zusätzlich positiver Effekt des Waldbadens sind die Terpene, erklärt Land-Schäfer. Diese Duftstoffe, die den typischen Geruch des Waldes ausmachen, tragen zur gesundheitsfördernden Wirkung bei. Wissenschaftlich anerkannt ist, dass das Einatmen von Terpenen das Immunsystem stärkt, Stress reduziert und den Puls senken kann. Ganz nebenbei hebt der Aufenthalt im Wald die Stimmung.

Beim Wladyoga wird es auch anstrengend. Foto: Simon Granville

Was steckt hinter Waldyoga?

Waldyoga ist Teil eines wachsenden Trends, der klassische Yoga-Übungen mit den Effekten der Natur verbindet. Inspiriert ist die Bewegung vom japanischen „Shinrin-yoku“, dem sogenannten Waldbaden, das seit den 1980er Jahren als Methode zur Stressreduktion gilt. In Deutschland hat sich Waldyoga vor allem im vergangenen Jahrzehnt verbreitet. Immer mehr Yogalehrer verlagern ihre Kurse in die Natur – Lichtungen, Vögel und der Duft von Erde anstatt Studio, Parkett und künstliches Licht. Waldyoga ist also die Verbindung von der Achtsamkeit und der Bewegung des Yogas sowie das Naturerlebnis des Waldbadens.

Dass dies Wirkung zeigt, ergibt auch die Rückmeldung der Teilnehmenden. Ingrid etwa ist neu dabei. Obwohl sie täglich mit ihrem Hund unterwegs ist, wurde sie von zwei anderen Hundebesitzern zu dem Kurs motiviert. Ihr Fazit: „Es tut der Psyche total gut.“ Birgit macht seit über 20 Jahren Yoga und ist Erzieherin im Waldkindergarten. Trotzdem lässt sie sich die monatlich stattfindende Stunde im Wald nicht nehmen: „Das ist Zeit allein für mich, und ich empfinde sie als Kraftquelle. Es ist toll, dass der Kurs das ganze Jahr über angeboten wird und nicht nur im Sommer. So kann jeder die Veränderungen in der Natur miterleben.“

Quatschend aus dem Wald hinaus

Für Marion hingegen ist das Eintauchen in den Wald im Winter etwas zu kalt. „Aber ich komme im Frühjahr gern wieder“, sagt sie. Für Kirsten ist das Wald-Yoga die perfekte Methode, „mit anderen zusammenzukommen, aber auch zu mir zu kommen“. Auf dem Rückweg zum Parkplatz darf dann wieder gesprochen werden. Ingeborg tut die Schweigsamkeit während der Stunde besonders gut. „Außerdem gefällt mir die Art der Anleitung.“

Für den 62-jährigen Robert, den einzigen Mann in der Yoga-Gruppe, ist der Wald ohnehin sein Lieblingsort. „Seit drei Monaten mache ich Yoga im Studio, beim Outdoor-Angebot nehme ich aber den Wald gern noch mit.“