Das Frauenhaus in Herrenberg wird nicht im Geheimen gebaut. Das ist genau richtig so, schreibt Melissa Schaich.
Ein Frauenhaus, dessen Adresse bekannt ist? Auf den ersten Blick mutet das komisch an. Sollten Frauenhäuser nicht anonym und irgendwo versteckt betrieben werden?
In extremen Fällen ist diese Vorgehensweise nötig, doch bei genauerer Überlegung ist das Konzept des „Open House“ mit bekannter Adresse, das in Herrenberg zum Zuge kommt, genau richtig. Denn Gewalt, die Männer Frauen antun, geschieht oft im Verborgenen. Und auch wenn manche Männer bestürzt sind von den Dingen, die Frauen angetan werden, müssen sie die Folgen doch nicht tragen. Das müssen Frauen. Und sie tragen sie meist still. Sie gehen zur Arbeit, sie kümmern sich um die Kinder, sind Freundinnen, Ehefrauen, Bekannte, Geschäftsführerinnen und tragen still und heimlich tagein, tagaus die Folgen mit sich herum, die männliche Gewalt und Erniedrigung mit sich bringen.
Die Scham muss die Seite wechseln
Auf diese Weise ist die allgegenwärtige Wucht dieser Gewalt leicht zu vergessen und leicht totzuschweigen. Ein Haus, mitten in der Stadt gelegen, setzt ein anderes Zeichen. Es sagt: Hier, schaut her, was nötig ist, damit Frauen sicher leben können. Es macht das Leid sichtbar. Und das ist gut so. Denn es ist genau so, wie Gisèle Pelicot es formuliert: Die Scham muss die Seite wechseln.