Tiny Houses liegen im Trend. Doch wie nachhaltig das Wohnen in so einem Mikrohaus ist, untersuchen jetzt Hochschulen in Stuttgart und Coburg in einem Forschungsprojekt.
Die Wohnungsnot ist beträchtlich, und gute Ideen für neue Wohnformen sind gefragt. Jeder vierte Mensch in Deutschland wird 2040 voraussichtlich alleine wohnen, prognostiziert das Statistische Bundesamt. Tiny Houses, Mikrohäuser, die auf kleinen Grundstücken auf- und abgebaut werden können, liegen im Trend. Hochschulen untersuchen wissenschaftlich, wie nachhaltig so eine Wohnform sein kann.
Wie groß etwa so ein kleines Haus ist, ist nicht genau definiert, weiß Rainer Hirth, Professor für Entwerfen und Konstruieren im Studiengang Architektur an der Hochschule Coburg. „Rund 50 Quadratmeter werden heute oft angegeben, vermutlich weil die durchschnittliche Wohnfläche pro Mensch in Deutschland 2022 rund 49 Quadratmeter beträgt. Und das ist zu viel. Wir müssen wieder kleiner wohnen.“
Warum – auch das erklärt der Professor. „Die Gebäude werden immer besser, aber aller technischer Fortschritt, alle Vorteile durch bessere Dämmung, superisolierte Fenster etc. gehen durch größere Wohnflächen und Komfortansprüche verloren.“ Die Wissenschaft nennt dies den Rebound-Effekt. Hirth und seine 20 Studierenden haben das Tiny House „Circular Tiny House CTH*1“ mit 19 Quadratmetern auf zwei Ebenen entwickelt, das auf einem Parkplatz des Campus steht.
Der Gebäudesektor ist wesentlich für den Verbrauch von Ressourcen und Energie verantwortlich und ein großer CO2-Emittent. „Da setzt das Projekt an“ sagt Hirth. Das Gebäude ist aus Abfallholz gebaut, mit Stroh gedämmt, innen mit Lehm verputzt. Die Fenster wurden bei einem nahe gelegenen Abbruch geborgen. Es wurde kein Beton verwendet, keinerlei CO2 erzeugenden Bindemittel verwendet.
Das Tiny House kann komplett wieder verwendet werden
Rainer Hirth: „Der ganze Ansatz ist zirkulär.“ Beim Rückbau entsteht kein Bauschutt. Das Besondere an dem Haus ist außerdem, dass es autark funktioniert – zumindest für die Monate, in denen nicht geheizt wird. Es kommt ohne Anschlüsse für Wasser und Abwasser aus. Das Uni-Mikrohaus verfügt über einen Tank für Frischwasser, einen, der Regenwasser sammelt fürs Duschen und Schwarzwasser (also Abwasser) für die WC-Anlage – Strom kommt über die Photovoltaikanlage.
Die Benutzer sollten sich ganz normal bewegen. „Wir haben ein Messgerät mit einem Bewegungssensor, der merkt, ob eine oder mehrere Personen im Haus sind, wie die Temperatur dann ansteigt, auch den CO2-Wert kann man messen“, sagt Rainer Hirth. „Licht wird über Sprachsteuerung gesteuert.“ Wenn es demnächst in Betrieb geht, können Gäste der Fakultät jeweils für zwei Wochen dort wohnen, ihre Erfahrungsdaten münden ins fünf Jahre dauernde Forschungsprojekt. Danach bekommt der Bauer sein Stroh zurück.
Mobile Wohnmodule in Stuttgart
Wie sich das Wohnen in Zukunft gestalten wird, untersucht auch die Duale Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) mit Unterstützung der Stadt Stuttgart. Auf einer rund 5600 Quadratmeter großen Brachfläche zwischen der Universität Stuttgart und der Steuerberaterkammer und angrenzenden Wohnhäusern, auf der in einigen Jahren ein weiteres Fakultätsgebäude für die DHBW entstehen soll, wird ein „Reallabor“ namens „MoCLi“ gebaut. Offiziell keine Tiny Houses, aber 24 artverwandte „mobile Wohnmodule“, wie Klaus Homann, Professor und Studiengangleiter Wirtschaftsingenieurwesen Facility Management der DHBW, betont.
Bewohnt werden sie, wenn die Finanzierung steht, voraussichtlich ab 2023 von Studierenden. Die Module werden jeweils zu zweit genutzt, und das sieben bis zehn Jahre lang, bis der Neubau kommt. Danach kann man die 30 bis 50 Quadratmeter großen Module anderswo verwenden. „Die Wohnmodule sollen einzeln funktionieren, stapelbar oder kombinierbar sein.“
Sie können sich je nach Bedarf an ein neues Grundstück anpassen. „Das Konzept ist für die verschiedensten Nutzer geeignet, bis hin zur kurzfristigen Wohnraumbereitstellung für Geflüchtete oder als Übergangslösung für Menschen, die ihr Heim durch eine Naturkatastrophe verloren haben.“
Die Nachbarn werden ins Projekt einbezogen
Die Häuser sollen 2023 stehen. Erforscht wird dann „die Lebensrealität der Bewohner, die Einbindung in die Nachbarschaft“, sagt Klaus Homann. „Wir wollen herausfinden, ob solche zeitlich begrenzten Zwischenlösungen nachhaltig und universell übertragbar sind.“ Freiflächen sollen zu einer „kleinen grünen Lunge werden“ und auch von den angrenzenden Bewohnern genutzt werden können. Geplant ist „Begrünung, Beschattung und ein Wanderwald (Tiny Forest), der später mit den Häusern umziehen könnte“. Teil des Projekts ist auch, die Öffentlichkeit teilhaben zu lassen mit einem mobilen Info-Point auf dem Campus und anderen Orten in der Stadt. Wenn die Anfangsfinanzierung steht, könnten im Herbst 2023 die Module aufgestellt werden.
Mit VR-Brille kann man sich bis dahin dann sozusagen auf dem Grundstück und in den Häusern bewegen – so lange, bis die Kräne stehen und die ja stets besonders unter der schlechten Wohnsituation leidenden Studierenden einziehen können.
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Architektur und Wohnen
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