Im Championship Game treffen die Footballer von Stuttgart Surge am Sonntag in der MHP-Arena auf die Vienna Vikings. Der Gegner ist stark, doch das Vertrauen in die eigene Stärke groß.
Der Sportpark Unterhaching ist auch deshalb so beliebt, weil sich direkt neben dem in die Jahre gekommenen, großen Stadion das Hachinger Wirtshaus befindet, zu welchem ein schöner Biergarten gehört – in dem sich am Sonntag, nach dem 27:13-Erfolg im Halbfinale der European League of Football (ELF) bei den Munich Ravens, der Tross von Stuttgart Surge breitmachte. Die Mannschaft zeigte an den unter herrlichen Kastanien stehenden Holztischen und -bänken eine ähnlich starke Präsenz wie zuvor auf dem Spielfeld. Und vereinzelt wurden sogar Gesänge angestimmt: „Finaaaale, oho! Finaaaaale, ohohoohooo!“
Das Gastspiel im Biergarten war Ausdruck der Freude über die starke Vorstellung, die das Team zuvor auf dem Rasen gezeigt hatte. Und zudem gedeckt durch eine Regel, die sich die Stuttgarter Footballer vor der Saison selbst auferlegt haben: 24 Stunden lang dürfen sie sich nach Spielen mit dem Ergebnis und ihrem Auftritt beschäftigen, sich ärgern oder zufrieden sein, jubeln oder hadern, die eigene Leistung hinterfragen oder sich bestätigt fühlen – doch nach dieser Zeitspanne gilt der volle Fokus dem nächsten Spiel, dem nächsten Gegner, der nächsten Herausforderung. Erst recht in dieser Woche.
Erstes Heimspiel für einen Finalisten
Bisher hat es in der fünfjährigen ELF-Geschichte noch kein Team geschafft, ein Finale zu erreichen, das in der eigenen Stadt ausgetragen wird. „Wir können nach Hause fahren“ überschrieb dazu passend das Surge-Medienteam seinen Spielbericht aus München. Und Cheftrainer Jordan Neuman rief seinen Jungs nach dem Einzug ins Endspiel an diesem Sonntag (15 Uhr) in der MHP-Arena zu: „Bring it home!“
Am Tag danach, als die Emotionen dem Realitätssinn gewichen waren, sagte Neuman: „Wir haben uns mit großer Leidenschaft und harter Arbeit akribisch auf das Halbfinale vorbereitet. Vor der selben Aufgabe stehen wir nun wieder.“ Mit einem Unterschied. Der Coach ist froh, dass nun nicht mehr das alles beherrschende Thema ist, die einmalige Chance, ein Finale in Stuttgart spielen zu können, unbedingt nutzen zu müssen. „Jetzt“, sagte Neuman, „geht es nur noch um Football.“ Auch das entspricht den Qualitäten von Stuttgart Surge .
Großes Spiel von Ben Wenzler
Die Verteidigung zeigte in Unterhaching erneut, dass sie die wohl beste der Liga ist. Diesmal ragte Ben Wenzler heraus. Der Defensive Back kam auf vier Tackles und verhinderte viermal, dass ein Ravens-Angreifer den Ball fängt. Zudem gelang Wenzler, der zum Spieler des Spiels ernannt wurde, zu Beginn des letzten Viertels bei einer 20:13-Führung eine Interception. Danach ließ sich das Surge-Team das Momentum nicht mehr nehmen, auch dank seiner zwei überragenden Offensiv-Akteure.
Das Zusammenspiel zwischen Reilly Hennessey und Mike Harley Jr. war nahezu perfekt. Immer wieder fanden Pässe des Quarterbacks den Wide Receiver, der auf 144 Yards Raumgewinn und einen Touchdown kam. Mitentscheidend war eine Situation kurz vor der Pause. Hennessey musste nach einem Schlag kurz vom Feld, kehrte dann zurück und bediente, kurz bevor ihn ein Verteidiger niederstreckte, seinen Kumpel Harley Jr., der das Ei in einer spektakulären Aktion an der Seitenauslinie herunterpflückte und in der nächsten Situation nach einem weiteren starken Pass den Touchdown zur 14:7-Führung erzielte. „Die beiden haben Vollgas gegeben, immer wieder Auswege aus schwierigen Situationen gefunden“, sagte Jordan Neuman, „da waren einige große Momente dabei – es ist ein überragendes Spiel von ihnen gewesen.“ Passend zur These des Trainers.
Stuttgart Surge geht in Topform ins Finale
Neuman hatte schon nach dem 41:17-Erfolg in der Wildcard-Runde gegen die Madrid Bravos erklärt, dass sein Team derzeit seinen besten Football spielt. Nach dem Sieg bei den Ravens wiederholte er diese Aussage – in der Hoffnung, dass der Höhenflug noch eine Woche anhält. „Wir sind im richtigen Moment heißgelaufen“, sagte der Surge-Coach, „deshalb können wir absolut selbstbewusst ins Finale gehen.“ Auch wenn der Gegner nicht zu unterschätzen ist.
Am Montagmorgen begann Jordan Neuman damit, die Kollegen abzutelefonieren, die in dieser Saison mit ihren Teams schon gegen Wien gespielt haben. Ein Wort bekam er bei der Frage, was die Vikings ausmacht, immer wieder zu hören: „Talent“. Entsprechend beeindruckt zeigte er sich. „Die Vikings haben bei der Zusammenstellung ihres Kaders einen Top-Job gemacht“, erklärte Neuman, „da sind viele große Namen und viele gute Athleten dabei.“ Doch auch sie werden auf ein voll motiviertes Surge-Team treffen.
Den Kampfansagen seiner Kollegen schloss sich am Sonntag in Unterhaching auch Mike Harley Jr. an. „Viele unserer Jungs sind in der Nähe der MHP-Arena aufgewachsen oder haben in Stuttgart begonnen, Football zu spielen. Dieses Finale bedeutet ihnen sehr viel“, meinte der US-Amerikaner, „deshalb werde ich alles opfern, um den Titel nach Hause zu bringen.“ Und ein Biergarten für die anschließende Feier wird sich sicherlich auch in Stuttgart finden lassen.