Das Team des Akkordeon- und Handharmonika-Clubs Sielmingen freut sich schon aufs traditionelle Backhausfest, von links: Jessica Ott, Jasmin Halbächs, Florian Schweizer, Hans Arnold und Roland Ernst, der Vorsitzende. Foto: Caroline Holowiecki

Der Akkordeon- und Handharmonika-Club richtet in Sielmingen wieder sein Backhausfest aus. Warum wird diese Tradition auf den Fildern noch gelebt?

Das Holz liegt schon Tage zuvor im Ofen, sauber aufgeschichtet, und in Brand gesetzt wird es auch schon einen Tag vor dem eigentlichen Backtermin. Gut Ding will Weile haben im Backhaus in Sielmingen. Dort wird dieser Tage wieder das Backhausfest gefeiert, ausgerichtet vom AHC, dem Akkordeon- und Handharmonika-Club. Hans Arnold ist so was wie der Brandmeister. Er ist fürs Feuer zuständig und weiß: Der Steinbackofen braucht Zeit, um sich durch und durch zu erhitzen. „Es ist ein gewisser Aufwand. Man kann nicht einfach einen Schalter umdrehen“, sagt er. Backen im Backhaus erfordert eine gewisse Kenntnis, „das ist alles Wissen, das weitergegeben wird“, sagt Florian Schweizer. Wie gut, dass schon die Jungen aus dem Verein mitmischen beim Backhausfest.

 

Drei Backhäuser

In Filderstadt gibt es drei Backhäuser, wenngleich das Sielminger ein Nachbau ist. Das Original von 1813, ausgestattet mit Backofen, Waschkessel und Obstdarre, steht im Freilichtmuseum Beuren. 1990 wurde es in Sielmingen neu errichtet, seither gibt es auch das Fest. Anfangs war es im Drei-Jahres-Rhythmus von den drei musiktreibenden Vereinen, dem AHC, dem Musikverein und dem Sängerbund, veranstaltet worden, spätestens seit Corona ist nur noch der AHC am Drücker. Während das Sielminger Backhaus in Privathand ist, gehören die beiden anderen in Filderstadt, das in Plattenhardt und das in Bonlanden – beide von 1844 –, der Stadt. Das Plattenhardter Gebäude wurde 1982 vom örtlichen Vereinsring renoviert. In Bonlanden wiederum wurde der Ofen schon vor etwa 70 Jahren ausgebaut. Heute dient es dem Stadtmuseum als Veranstaltungsort.

Auch anderswo auf der Filderebene wird die Fahne für die Tradition hochgehalten. In Ostfildern beispielsweise gibt es den Backhäusle-Verein, in den 80ern entstanden aus einer Projektgruppe der Volkshochschule. Durch ihn wurde das ehemalige Waschhaus im Klosterhof Nellingen umgebaut. Seither wird es durch den Verein betrieben. Das erinnert an die Struktur in Stuttgart-Heumaden. Ende der 1990er übernahm der Verein Backhaus Heumaden das 1773 als Wasch- und Backhaus für den Pfarrer der Kirche nebenan errichtete Gebäude von der Stadt und betreibt es seither.

Das Backhaus in Echterdingen, erbaut 1841 und 1842 als Gemeindebackhaus, hat sogar einen eigenen Instagram-Account. Es ist eines von zwei verbliebenen in ganz Leinfelden-Echterdingen. Das zweite ist das Backhäusle von 1897 in Oberaichen. „Die ebenfalls im 19. Jahrhundert erbauten Gemeindebackhäuser in Musberg (erbaut ca. 1837) und Stetten (erbaut 1877) sind mittlerweile abgerissen“, teilt Tim Heilbronner, der Leiter des Stadtarchivs, schriftlich mit, Unteraichen wiederum habe nie einen eigenständigen Backhaus-Bau gehabt, sondern lediglich einen Gemeindebackofen im Schulhaus von 1843. Nur das Echterdinger Backhaus ist heute noch bei Veranstaltungen in Betrieb, erklärt er, etwa beim Filderkrautfest zum Deien-Backen. „Neben den Landfrauen ist zum Beispiel auch der Verein Echterdinger Tracht bei diversen Back-Events aktiv.“

Was macht diese Tradition aus, wo es heutzutage doch an jeder Ecke Backwaren zu kaufen gibt? „Es schmeckt einfach anders“, sagt Jasmin Halbächs vom AHC. Der Rahm für die Kuchen werde drei Tage vorher angesetzt, das Holz, das Feuer und der Stein täten ihr Übriges. „Das ist ein Holzofen, der ganz andere Sachen zustande bringt“, sagt Hans Arnold. Die Hitze sei enorm. Und der Erfolg gibt dem Ganzen recht. In Echterdingen etwa bilden sich stets lange Schlangen, wenn im Backhaus gebacken wird. Das Abstehen lohnt sich, heißt es in einer Google-Rezension. „Ich habe noch nie eine bessere Deie gegessen. Dadurch, dass es das nicht jeden Tag gibt, war das jedes Mal ein Highlight und etwas ganz Besonderes in unserer modernen, schnelllebigen Zeit“, liest man dort.

Auch in Sielmingen herrscht stets Andrang. Gut 120 Kuchen bringt der AHC beim Backhausfest unter die Leute. „Das ist etwas Besonderes, das gibt es nur einmal im Jahr“, sagt Roland Ernst, der Vorsitzende. 1990 habe der Verein lediglich eine Möglichkeit gesucht, um Geld zu verdienen, so sei das Fest entstanden. „Doch der Grund hat sich gewandelt. Wir wollen hier ein schönes Fest machen mitten im Zentrum“, sagt er; Gemütlichkeit mit etwas Leckerem verbinden. „Ein Treffpunkt für die Leute“, sagt auch Jasmin Halbächs.

Wenn einmal mehr im Amtsblatt steht, dass bei Qualm nicht die Feuerwehr gerufen werden soll, und wenn der Duft von Frischgebackenem über Sielmingen liegt, kommen die Leute von allein – und lassen sich mitunter ganze Kuchen einpacken für daheim.

Backhausfest
In Sielmingen findet das Backhausfest des AHC am 26. Juli statt. Ab 16 Uhr gibt es bei der Hocketse süße und deftige Rahmkuchen, Getränke, Eis und Musik des AHC-Jugendorchesters und des AC Bonlanden, zudem eine Kinderbetreuung. Zu diesem Anlass werden die Straßen Bei der Kirche sowie die Hindenburgstraße ab etwa 9 Uhr teils gesperrt. Fahrzeuge müssen rechtzeitig entfernt werden.

Krautfest
Frisches aus dem Backhaus in Echterdingen gibt es traditionell beispielsweise beim Krautfest, am 8. November werden vom Verein Echterdinger Tracht zudem die beliebten Deien während der Marktzeit gebacken und serviert. Im Backhäusle in Nellingen finden regelmäßig Backkurse über die Volkshochschule Ostfildern statt. Der nächste ist am 20. September.