Im Wohnheim an der Türlenstraße wurde Maha D. umgebracht. Foto: i

Ein Femizid an einer Kollegin erschüttert die Mitarbeitenden des Stuttgarter Klinikums. Wer war Maha D.? Bei einer Trauerfeier wird an ihr Leben erinnert.

Zum Abschied haben sie noch einmal ihre Stimme hören dürfen. Bei der Trauerfeier für die Pflegehelferin Maha D. am Stuttgarter Klinikum haben ihre Kolleginnen und Kollegen die Aufnahme eines tunesischen Lieds eingespielt, die Maha D. auf ihre Facebookseite gestellt hatte. „Das war natürlich sehr emotional für alle, die sie kannten“, sagte Jan Steffen Jürgensen, der Medizinische Vorstand des Klinikums Stuttgart, nach der Feier. Trotz der Trauer und der vielen Tränen habe er den Eindruck gehabt, der feierliche Rahmen und die gegenseitige Unterstützung hätten allen geholfen. Die interne Feier fand am Donnerstag statt. Die Mitarbeitenden trafen sich im „Raum der Stille“ des Klinikums am Standort Bad Cannstatt.

 

Die Kolleginnen und Kollegen mussten eine Woche zuvor vom gewaltsamen Tod der 31-jährigen Pflegehelferin Maha D. erfahren. Sie wurde in ihrer Wohnung in einem Wohnheim an der Türlenstraße umgebracht. „Es war sehr bewegend. Sie war lebhaft und beliebt. Ihre Praxisanleiterin sprach liebevoll von ihren zerzausten Haaren“, eine Art Markenzeichen der jungen Frau, berichtet Jan Steffen Jürgensen.

Maha D. stammte aus Tunesien. Sie wurde nicht aktiv angeworben, sondern suchte auf eigene Faust ihr Glück in Deutschland. „Ich habe in ihren Bewerbungsunterlagen nachgeschaut. Als Eigenschaften hat sie Offenheit, Selbstbewusstsein, Entschlossenheit und Lernbereitschaft eingetragen, so war sie auch“, sagt der Vorstand. In seiner Würdigung der ermordeten jungen Frau zitierte er den Arzt und Sozialmediziner Rudolf Virchow: „Freiheit hat zwei Töchter: Bildung und Gesundheit.“ Diesen Satz habe Maha gelebt. „Sie hat gelernt, sich qualifiziert, Verantwortung übernommen. Sie hat gearbeitet in einem Beruf mit Menschen, für Menschen, fürsorglich, human, lebensbejahend“, sagte Jürgensen, „viele Tribute einer selbstbewussten jungen Frau“.

Maha D.: Vom tunesischen Gafsa zur Pflegehelferin in Deutschland

Ihr Heimatort in Tunesien, die Stadt Gafsa, hat eine sehr hohe Jugendarbeitslosigkeit. Maha habe gelernt und sich mit ihrem Fleiß eine Freiheit erarbeitet. Sie sprach Arabisch, Französisch und Englisch. In Gafsa arbeitete sie in chirurgischen Abteilungen. Mit 25 Jahren zog sie nach Sousse an die Küste und schloss ein Studium der Pflegewissenschaften ab. Maha lernte Deutsch und wollte in Deutschland arbeiten – vergangenes Jahr kam sie hierher. Sie musste ihren Abschluss aus Tunesien noch anerkennen lassen, deswegen war sie noch Pflegehelferin.

Bei der Trauerfeier ist ein Foto der Ermordeten aufgestellt worden. Foto: Klinikum

Ihre Kolleginnen und Kollegen mochten die Tunesierin sehr, wegen ihrer Offenheit und Fröhlichkeit. Maha liebte Musik, immer wieder stellte sie selbst gesungene Aufnahmen auf ihre Social-Media-Accounts, zeigte sich in coolen Outfits: Langer Stoffmantel, weite Hose, Lagenlook, schicke Tasche: Ausgefallen und stilvoll trat sie auf, mit großen Kopfhörern auf dem Wuschelkopf, den ihre Chefin bei der Trauerfeier beschrieb.

Ihre Social-Media-Auftritte verraten noch mehr. Immer wieder sind darin Texte zu lesen, die auf einen tiefen Glauben der Muslimin schließen lassen. Auch politisch war Maha D. engagiert. Sie ging auf Demos, forderte „Freiheit für Palästina“, dessen Umrisse sie als silbernen Anhänger an einer Halskette trug.

Klinik-Chef: „Die Freiheit wurde ihr gewaltsam genommen“

Durch ihre Bildung und die Suche eines Lebenswegs mit Job in Deutschland habe sich Maha eine Freiheit erarbeitet, „ein eigenes Leben, soziale Teilhabe, wirtschaftliche Sicherheit, Würde“, sagte Jürgensen über die lebhafte 31-Jährige. „Die Freiheit wurde ihr gewaltsam genommen. Eine Frau wurde ermordet, weil sie eine Frau war – und weil sie ein selbstbestimmtes Leben führte“, fügte er hinzu. „Nach allem, was wir wissen, sprechen wir bewusst von einem Femizid“, so der Klinikvorstand.

Femizid ist der Begriff für einen Mord, bei dem eine Frau aufgrund ihres Geschlechts umgebracht wird. Die Polizei hat den Partner der 31-Jährigen als Tatverdächtigen festgenommen. Er sitzt nach wie vor in Untersuchungshaft. Maha D. war am Dienstag, 27. Januar, nicht zur Arbeit erschienen, in der Sportorthopädie in Bad Cannstatt. Ihre Chefin meldete sie deswegen bei der Polizei als vermisst. Einsatzkräfte fuhren zu dem Wohnheim an der Türlenstraße, in dem sie lebte. Sie öffneten die Tür und fanden die junge Frau tot vor. Der Partner wurde wenig später festgenommen. Am Mittwoch wurde Maha D. obduziert und konnte noch in der gleichen Woche in ihre Heimat überführt und dort beigesetzt werden.

Der Fall hat auch deswegen für viel Aufsehen gesorgt, weil dort vor zwei Jahren bereits ein Femizid geschehen war, an einer Pflegeschülerin. Sie wurde von ihrem Ex-Partner erstochen, nachdem sie ihm gesagt hatte, dass sie schwanger sei. Der Mann wurde vergangenes Jahr zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt.