Martin Schaal präsentiert die aus Tausenden Legosteinen zusammengebaute Lutherkirche vor der Lutherkirche. Foto: Dirk Herrmann

30.000 Legosteine, ein Fellbacher Wahrzeichen und viel Geduld: Martin Schaal baut die Lutherkirche detailgetreu nach. Im Rathausfoyer wartet ein Miniatur-Highlight.

Wer das Fellbacher Rathaus aufsucht, absolviert dies nicht zwingend in der Hoffnung auf allerhöchstes Vergnügen – vielmehr ist es meist eher ein Pflichttermin. Anlass könnte beispielsweise die Verlängerung eines Passdokuments sein oder der Besuch des einen Stock höher gelegenen Sitzungssaals, um einer Entscheidung des Lokalparlaments über die nächste Erhöhung der Kita-Gebühren beizuwohnen. Oder es geht um die Einreichung eines wichtigen Bauantrags.

 

Ein Bauantrag war für die neueste Attraktion im Rathausfoyer allerdings nicht erforderlich. Jedoch war es durchaus ein Bauauftrag: ein Wunsch des Fellbacher Kulturamts, zu dem Martin Schaal nicht Nein sagen konnte. Der 70-Jährige aus Renningen im Landkreis Böblingen ist dafür verantwortlich, dass man in den kommenden Monaten im Foyer ein Projekt in Miniatur begutachten kann, das im Original direkt neben dem Rathaus steht: Es ist die Fellbacher Lutherkirche, das Wahrzeichen der Stadt – nachgebaut aus fast 30 000 Legosteinen.

Lego-Lese-Café als Highlight des Europäischen Kultursommers

Der Grund für diesen Auftrag: In Fellbach findet derzeit der Europäische Kultursommer statt, die drei Gastländer sind die skandinavischen Königreiche Norwegen, Schweden und Dänemark. Hauptanlaufpunkt des Festivals und auch Ruhepol ist das in der Galerie der Stadt im Ostflügel des Rathauses eingerichtete Lego-Lese-Café – denn der Klemmbaustein kommt eben aus Dänemark. Passend zu dem Café kamen die Organisatoren des Festivals auf die Idee, als ergänzende Attraktion doch ein beliebtes Fellbacher Gebäude aus Lego errichten zu lassen.

Bei der Recherche nach einem solchen Lego-Fachmann stieß das Team um Kulturamtsleiterin Maja Heidenreich und Galerieleiter Heribert Sautter schnell auf Martin Schaal. Der Renninger Rentner hat sich mit seinen Werken aus den Klemmbausteinen in den vergangenen Jahren in der Region Stuttgart durchaus einen Namen gemacht. Beispielsweise ebenfalls mit dem Nachbau eines Gotteshauses, nämlich der Esslinger Stadtkirche St. Dionys mit 34 900 Legosteinen. Weitere anspruchsvolle Projekte waren der Nachbau des Ortskerns und des Viadukts der englischen Gemeinde Knaresborough mit 95 000 Klemmbausteinen, der Schaal fast ein Jahr intensiver Arbeit abverlangte, oder der Bahnhof im hessischen Bebra mit 60 000 Legosteinen.

So viele waren es nun für Fellbach nicht, eher etwa so die Hälfte. Aber eine filigrane Arbeit war es allemal. Das Kulturamt kontaktierte Schaal irgendwann im vergangenen Jahr. „Im November war ich dann das erste Mal in meinem Leben überhaupt in Fellbach“, sagt er gegenüber unserer Redaktion.

Auf welchen Fellbacher Lego-Nachbau es hinauslaufen sollte, ergab sich aus einer Umfrage, die Schaal und das Kulturamt über die sozialen Netzwerke starteten. Es war ein Dreikampf zwischen dem altem Rathaus, in dem jetzt das Fellbacher Polizeirevier sein Domizil hat, dem neuen Rathaus sowie eben der Lutherkirche. „Und diese hat sich sehr schnell als unangefochtenes Fellbacher Wahrzeichen herauskristallisiert und ist prompt als eindeutiger Sieger aus der Umfrage hervorgegangen“, berichtet Schaal.

Und jetzt noch das Dach für den Turm: Martin Schaal präsentiert den Zuschauern sein Lego-Modell. Foto: Peter Hartung (cf)

Er machte sich alsbald ans arbeitsintensive Werk für eine maßstabsgetreue Nachbildung. Als Erstes studierte er den vom Kulturamt geschickten Plan der Lutherkirche und beschäftigte sich mit Querschnitt und Grundriss. Dann hat er die Kirche mithilfe von an die 300 Fotos quasi in Einzelteile zerlegt und mit einer Software rechtwinklig gemacht. Ein Problem war das Dach – zum einen, weil die Lutherkirche verschiedene Dachneigungen hat, was mit den Legosteinen gar nicht so einfach umzusetzen ist. Überdies war eine Vielzahl an roten Dachziegeln erforderlich – „am Ende fehlten 2000 Steine, die musste ich für drei Cent das Stück nachkaufen“.

Perfektion in Miniatur: Schaals akribisches Lego-Meisterwerk

Die Grundmaße seines Modells inklusive des Außenbereichs rund um die Lutherkirche liegen bei 60 Zentimetern in der Breite und 1,60 Metern in der Länge. Auf höchste Genauigkeit legt Schaal großen Wert. So hat er wie bei den im Original verschiedenen braunen Tönen der Steine der Seitenwände des Chors der Kirche auch in seinem Modell genau an der richtigen Stelle die Legosteine mit der gleichen Farbgebung platziert.

Und die Blindenspur auf der Westseite des Kirchturms, die Sehbehinderte in Richtung Rathauseingang leitet, ist auf dem Pflaster seines Modells zu sehen. „Wobei ich allerdings zunächst dachte, dass diese Steine im Boden Hinweise auf den Verlauf der einstigen Stadtmauer wären.“

Wie akribisch Schaal arbeitet und dass er zu Recht den Ruf eines Perfektionisten genießt, hängt womöglich auch mit seinem früheren Beruf zusammen: Der studierte Physiker entwickelte Softwareprojekte für Bahnbetriebe in aller Herren Länder.

„Ich zahle euch 15 Euro pro Kilo“ – Schaals Lego-Leidenschaft entfacht

Doch wieso hat er überhaupt seit zwölf Jahren diese Leidenschaft für die dänischen Klemmbausteine? Auslöser war, dass seine beiden großgewordenen Kinder ihre Lego-Sammlung nicht mehr ins eigene Erwachsenenleben mitnehmen und sie stattdessen dem Vater überlassen wollten – allerdings nicht kostenlos. Eher aus Spaß bot er diese Offerte an: „Ich zahle euch 15 Euro pro Kilo“ – nicht ahnend, dass sie 500 Kilo angesammelt hatten. Mittlerweile hat Schaal rund 300 000 Legosteine in seinem Fundus.

Inzwischen ist der rüstige Rentner auch in den sozialen Medien unterwegs, unter der ironischen Überschrift: „Der alte Mann und der Stein“. Insgesamt 170 Stunden Planung sowie 150 Stunden für den Zusammenbau hat Schaal in die Fellbacher Lego-Lutherkirche investiert.

Beim Aufbau des Gotteshauses im Rahmenprogramm zur Eröffnung des Lego-Lese-Cafés ist er auf dem Fellbacher Marktplatz von mehreren Dutzend Neugierigen umringt. Mit Blickrichtung auf die echte Lutherkirche behilft er sich mit seinen bereits vorgebauten größeren Modulen für den Chor, das Kirchenschiff und den Kirchturm – er hätte ja schlecht mehrere Tage dort unter freiem Himmel zubringen können, um die Tausenden von Steinchen erneut zusammenzuklemmen.

Stattdessen ist die Lego-Kirche nach circa 20 Minuten vollendet. Applaus brandet auf, als das Werk vollbracht ist. Aber es gibt auch mitfühlende Nachfragen: „Blutet Ihnen nicht das Herz, wenn Sie es irgendwann wieder abreißen müssen?“, möchte eine Frau von Martin Schaal wissen. Nun, bis zum Ende des Kultursommers kurz vor den Sommerferien 2026 soll die Lego-Kirche im Rathausfoyer zu sehen sein. Danach, so ist der aktuelle Stand, darf er alle Steinchen wieder auseinander pfriemeln.

Kein Platz für Ewigkeit: Schaals Lego-Kunstwerk ohne Zukunft?

Ein Kunstwerk für die Ewigkeit ist die kleine Lutherkirche also eher nicht. Seine ganzen Kreationen zu Hause in Renningen aufzubewahren, dafür hat Schaal nicht den Platz. Ein Ankauf durch die Stadt? Eher unwahrscheinlich. Fellbach muss derzeit ohnehin jeden Cent dreimal umdrehen.

Außerdem liegt allein der Materialwert nach Schaals Angaben bei 3000 Euro. Bleibt also nur der Appell an alle Interessenten: Auf ins Rathausfoyer, die Lego-Kirche anschauen, bewundern, aus allen Blickwinkeln fotografieren, im Gedächtnis speichern. Am 25. Juli ist die letzte Gelegenheit dafür.