Stuttgart möchte sich dauerhaft „Kinderfreundliche Kommune“ nennen dürfen. Dafür müssen gewisse Standards eingehalten werden. Wo steht die Stadt aktuell?
Kinder haben Rechte. Sie umfassen unter anderem den Schutz vor Gewalt, das Recht auf Bildung und Beteiligung sowie das Recht auf eine gesunde Entwicklung. Festgelegt sind sie in der Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen (UN).
Bereits seit 2018 setzen sich Politik und Verwaltung in Stuttgart systematisch für die Verwirklichung dieser Kinderrechte auf kommunaler Ebene ein. Konkrete Maßnahmen sind mittlerweile in zwei Aktionsplänen festgelegt. Das Ziel ist es, sich dauerhaft „Kinderfreundliche Kommune“ nennen zu dürfen. Dafür müssen bestimmte Standards erreicht und gesichert werden. Das Siegel wird vom gleichnamigen Verein verliehen, Träger sind Unicef Deutschland und das Deutsche Kinderhilfswerk.
Wie weit die Stadt auf ihrem Weg zur kinderfreundlichen Kommune gekommen ist, zeigt der Zwischenbericht, den die Stuttgarter Kinderbeauftragte Maria Haller-Kindler vor der Sommerpause unter anderem im Jugendhilfeausschuss präsentiert hat. Demnach ist die Stadt bei 19 der insgesamt 33 Punkte auf einem guten Weg, bei 14 Maßnahmen hapert es allerdings noch. Fünf der wichtigsten noch offenen Handlungsfelder im Überblick:
Erstens: Gewaltprävention und Medienkompetenz
Um Kinder vor Gewalt zu schützen, braucht es Präventionsangebote. Flächendeckende Aufklärung ist vor allem in den Schulen möglich. Dank einer Erhöhung des Budgets auf 30 000 Euro konnten die Programme „Stark ohne Gewalt“ und „Wehr Dich mit Köpfchen“ doppelt so oft an Schulen angeboten werden. Aber das reicht noch nicht aus. Um alle versorgen zu können und um Präventionsprojekte zum Thema „Digitale Medien“ voranzutreiben, braucht es mehr Personalkapazitäten bei der Stabsstelle Sicherheitspartnerschaft in der Kommunalen Kriminalprävention.
Zweitens: Physische und psychische Gesundheit
In Stuttgart sind etwa 14 000 Kinder und Jugendliche übergewichtig oder sogar stark übergewichtig. Ihnen soll im geschützten Rahmen eine niederschwellige Teilnahme an Spiel- und Sportangeboten ermöglicht und so die Freude an der Bewegung vermittelt werden. Das Ziel ist es, so das Risiko für Folgeerkrankungen zu minimieren sowie Wohlbefinden und Teilhabe zu stärken. Für die Fortführung der speziellen Sportangebote sind ab 2027 weitere finanzielle Mittel erforderlich.
Zudem geht es um das Thema psychische Gesundheit. Dass dieses auch bei jungen Menschen sehr präsent ist, zeigen unter anderem die Ergebnisse der Jugendbefragung 2024. Mädchen und Jungen wünschen sich mehr Informationen und mehr Beratungsangebote. Doch dafür braucht es mehr Geld und mehr Personal.
Drittens: Attraktive Spielflächen und Treffpunkte
Im dicht bebauten Stuttgart sind attraktive Spielplätze zuweilen knapp. Die Stadt will unter anderem mit temporären Spielstraßen gegensteuern. Dazu werden Straßen einen halben Tag lang für den Autoverkehr gesperrt, stattdessen gibt es Angebote für Kinder. Auch ältere Menschen begrüßen diese temporären Spielstraßen, da es für sie eine Möglichkeit ist, ihre Nachbarschaft besser kennen zu lernen. 2024 gab es in Stuttgart 41 dieser Aktionen. Um sie auch künftig umsetzen zu können, braucht das Tiefbauamt Geld für die Straßensperrungen und die Straßenverkehrsplanung Personalressourcen für die Bearbeitung des Themas.
Jugendliche mahnen immer wieder an, dass nichtkommerzielle Treffpunkte für sie fehlen. Im Aktionsplan wird das Ziel formuliert, dass entsprechende Begegnungsorte im öffentlichen Raum unter Beteiligung von Jugendlichen entwickelt und langfristig gesichert werden. Dafür hat der Gemeinderat 20 000 Euro jährlich bereitgestellt und eine 50-Prozent-Stelle bewilligt – allerdings bisher befristet bis Ende 2026. Die Stadt versucht in diesem Zusammenhang auch, die Öffnung von Schulhöfen für Jugendliche ab 14 Jahren in der schulfreien Zeit voranzutreiben – bisher aber mit wenig Erfolg, weil die rechtlichen Hürden hoch sind.
Viertens: Verkehrssicherheit und Mobilität
Kinder sollen sich in einer Stadt gut und sicher bewegen und die Wege zu für sie wichtigen Ziele wie Schule, Sportverein oder Spielplatz selbständig zurücklegen können. Um diesem Anspruch näher zu kommen, hat die Stadt die Kampagne „Für uns Kinder“ initiiert, um mit verschiedenen Aktionen insbesondere Autofahrende zu mehr Rücksichtnahme gegenüber Kindern aufzufordern. Doch diese Kampagne konnte zuletzt wegen eines zu geringen Budgets nicht mehr umgesetzt werden.
Auch bei den Radschulwegeplänen hapert es noch. Bis 2030 sollen für alle 23 Stuttgarter Bezirke Karten vorliegen, die zeigen, wie Kinder und Jugendliche mit dem Fahrrad am besten zur weiterführenden Schule kommen. Momentan gibt es diese aber lediglich für
- Weilimdorf
- Bad Cannstatt
- Vaihingen
- Plieningen (ist in Arbeit)
- Wangen, Untertürkheim und Möhringen (sollen folgen)
Fünftens: Stadtpläne speziell für Kinder
Um sich dauerhaft „Kinderfreundliche Kommune“ nennen zu dürfen, sind sogenannte Kinderstadtpläne erforderlich. Diese sind zusammen mit Kindern zu erarbeiten. In kindgerechter Gestaltung zeigen sie, wo sich für die Mädchen und Jungen wichtige Orte befinden. Bisher gibt es eine solche Karte nur für Münster; Botnang und Stuttgart-Mitte sollen folgen. Die Stuttgarter Kinderbeauftragte möchte das Projekt auf alle Stadtbezirke ausweiten, aber dafür muss der Gemeinderat Geld zur Verfügung stellen.