Weniger Egoismus, keine Schwalben und keine Hooligans: Familie Nagel liebt Handball und nennt ihre Argumente, warum sie nie dem Fußball verfallen ist.
In diesen Tagen dreht sich bei Familie Nagel aus Feuerbach alles nur um Handball. Wenn die deutsche Mannschaft spielt, dann kommen die Eltern mit den Söhnen Mika (16) und Matti (11) im Wohnzimmer vor dem Fernseher zusammen. „Optimalerweise in Trikots“, sagt Mika, aber meistens ohne die Freunde. Denn Handball ist eine ernste Sache – und vor allem ein schnelles Spiel. „Da kann man nicht wie beim Fußball zwischendurch ein Pläuschchen halten“, sagt Mika. Was aber nicht bedeute, dass es während der EM-Spiele leise sei. Ganz im Gegenteil, das Spiel wird interfamiliär heiß diskutiert und „die Jungs hält es dann nicht auf dem Sofa“, sagt ihre Mutter Meri-Lena und lacht.
Selbstverständlich spielen die beiden Jungen auch im Verein Handball, und zwar bei der Hbi Weilimdorf/Feuerbach. „Eigentlich, seitdem ich denken kann“, sagt Mika und sein Bruder nickt zustimmend. Kein Wunder, schließlich waren auch die Eltern einst im Verein aktiv. „Wir haben unsere Kinder schon früh an den Sport herangeführt“, sagt Vater Thomas und fügt hinzu: „Weil wir das in unserer Jugend positiv erlebt haben. Handball ist eine echte Mannschaftssportart, da gibt es nicht so viel Egoismus wie anderswo, sondern viel Teamgeist, jeder feuert jeden an.“ Diese Erfahrung wollten er und seine Frau an den Nachwuchs weitergeben.
Matti bestätigt: „Mir hat es von Anfang an viel Spaß gemacht“. Für Kinder biete Handball einige Vorteile. In den Vereinen gehe es zwar auch um Leistung. „Aber ich habe noch nie gehört, dass jemand nicht aufgenommen wird oder aus der Mannschaft fliegt, weil er nicht gut genug spielt“, sagt die Mutter. Der Sport sei viel inklusiver, zum Beispiel, weil man in einem Spiel so oft wechseln könne, wie man wolle. „So kommen auch vermeintlich schlechtere Spieler zum Zug.“
Thomas Nagel ergänzt: „Bei Fußballspielen müssen die Kinder oft weit und lange fahren, und dann sitzen sie 87 Minuten nur auf der Ersatzbank. Das gibt es beim Handball nicht.“ Zudem gibt es für jüngere Sportler bis zur E-Jugend eine besondere Regel. In diesem Bereich wird für die Wertung in der Liga die Zahl der Tore multipliziert mit der Zahl der Kinder, die Tore geschossen haben. So ist der Anreiz, dass jeder Mal den Ball bekommt, viel höher.
Es gehe um die Leistung und nicht so sehr um das Ergebnis
Und bei den älteren Kindern? „Beim Fußball wird immer nur auf das Ergebnis geschaut und nicht auf die Leistung der Mannschaft“, findet Mika. Er habe über viele Jahre eine Trainerin gehabt, die nie geschimpft habe, wenn jemand das Tor verpasst habe. Denn ihr sei es vor allem darum gegangen, dass Chancen herausgespielt werden. Das ist dem 16-Jährigen, der mittlerweile selbst eine E-Jugend-Mannschaft trainiert, bis heute in Erinnerung geblieben.
Dennoch ist Handball ein harter Sport. „Körperlich ist es deutlich anstrengender und anspruchsvoller als Fußball und es geht auch mal richtig zur Sache“, sagt Mika. Trotzdem seien die Spiele immer fair. „Hinterher klatschen sich alle ab. Es gibt kein Aufeinander-Rumhacken. Das Freundschaftliche steht immer im Vordergrund“, sagt der 16-Jährige. Und Schwalben, wie im Fußball, gebe es im Handball überhaupt nicht, ergänzt Matti.
So erlebt es die Familie auch derzeit während der Handball-Europameisterschaft der Männer in Dänemark, Schweden und Norwegen. „Ich habe während des gesamten Wettbewerbs noch keine Tätlichkeiten gesehen“, sagt Thomas Nagel. Manchmal geht die Familie auch für ein Profi-Handballspiel in die Arena. Und auch dort sei die Stimmung anders als im Fußballstadion. „Die gegnerische Mannschaft wird nie ausgebuht“, sagt Mika. „Und es gibt keine Betrunkenen und keine Hooligans“, ergänzt sein Vater und fügt noch hinzu: „Bier und Handball passen einfach nicht so gut zusammen, weil man dann dem Spiel nicht mehr folgen kann. Beim Handball wollen aber immer alle bei der Sache bleiben.“