Fahrlehrerin Jennifer Spazier von Charlys Fahrschule in Stuttgart mit Fahrschülerin Lenja Harms am Steuer Foto: Ferdinando Iannone

Die geplante Führerscheinreform sorgt auch in Stuttgart für Kritik. Fahrlehrer zweifeln an Kostensenkungen und warnen vor möglichen Folgen. Was steckt dahinter?

Der Führerschein ist eine kostspielige Sache. Dass er bald günstiger wird, da hat Jochen Klima, Vorsitzender des Fahrlehrerverbands Baden-Württemberg, gehörige Zweifel. Er spricht gar von einer „Luftnummer“.

 

Die Reformpläne, die Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) angekündigt hat, um die Kosten für den Führerschein zu senken, sieht Klima kritisch. „Ein Schnellschuss“ sei das, mit dem man im Landtagswahljahr junge Wähler ködern wolle, sagt er und kann über manche Punkte nur den Kopf schütteln. Einen wesentlichen Denkfehler sieht er darin, dass der Theorieunterricht künftig nicht mehr in Präsenz, sondern nur noch digital und mit einer Lern-App stattfinden solle, damit die Fahrschulen keine Räume mehr benötigten.

Fahrschulen kritisieren reinen Online-Unterricht für Theorieprüfung

Schnieder verkenne, dass der Theorieunterricht die Fahrschülerinnen und Fahrschüler nicht nur auf die Theorieprüfung vorbereite, sondern im hohen Maß auch auf den praktischen Fahrunterricht. Es gehe nicht um das Auswendiglernen von Verkehrsregeln, sondern um das Verstehen. Im Unterricht könnten die Fahrschüler jederzeit nachfragen. Wenn der Fahrlehrer solche Fragen während der Fahrstunde beantworten müsse, laufe die Zeit – egal ob man fahre oder erkläre. Das treibe eher die Kosten.

Auch Stefan Halanke von der gleichnamigen Fahrschule in Herrenberg, der mehrere Fahrschulstandorte und insgesamt 48 Fahrlehrer hat, hält nichts von reinem Onlineunterricht und erinnert in dem Zusammenhang an die Coronazeit. Es gehe auch um das Zwischenmenschliche und dass man sich austauschen könne.

Stefan Halanke am Fahrsimulator in seiner Fahrschule Foto: Tina Kayser

Die Verunsicherung ist groß, bei Fahrschulen gehen derzeit teils weniger Anmeldungen ein. Das habe zwar auch wirtschaftliche Gründe, sagt Jennifer Spazier, Inhaberin von Charlys Fahrschule in Stuttgart, doch die Führerscheinreform sei in aller Munde, viele Eltern und potenzielle Fahrschüler warteten ab. „Manche Kollegen befürchten schon, dass jetzt eine Saure-Gurken-Zeit kommt“, sagt sie.

Wie viel ein Führerschein kostet, hängt vor allem von der Zahl der Fahrstunden ab, aber auch davon, ob man auf dem Land oder in der Stadt lebt. Vielen Jugendlichen fehle die Verkehrserfahrung als Fußgänger und Radfahrer, weil sie von den Eltern überall hingefahren würden, sagt Klima. Auch hätten Assistenzsysteme wie Einparkhilfe oder Abstandsregeltempomat in der Praxis zu mehr Fahrstunden geführt, weil man das üben müsse, damit es die Schüler in der Prüfung abrufen könnten. Hinzu kommt, dass in Großstädten viel Zeit im Stau verloren geht. Fahrstunden seien in Stuttgart oft Stehstunden, sind sich Fahrlehrer wie Halanke und Spazier einig. Für Fahrschüler bedeutet das weniger Kilometer Fahrpraxis in einer Fahrstunde mit 45 Minuten.

Bis zu 4500 Euro: Große Preisspanne beim Führerschein

In Baden-Württemberg sind laut Fahrlehrerverband im Schnitt 3500 bis 4000 Euro für den Führerschein realistisch. Nach Berechnungen des ADAC liegen die Ausgaben zwischen rund 2500 und 4500 Euro. Die große Preisspanne ergibt sich, weil es in Deutschland keinen Pauschalpreis gibt. Je nach Anzahl und Preis der Übungsstunden (15 à 55 Euro oder 25 à 77 Euro) beziehungsweise Sonderfahrten (12 à 60 Euro oder 12 à 95 Euro) sind, ergeben sich laut ADAC unterschiedlich hohe Kosten für den Führerschein (Pkw-Klasse B). Diese setzen sich wie folgt zusammen:

  • Grundbetrag 350-565 Euro
  • Übungsstunden 825-1925 Euro
  • 12 Sonderfahrten 720-1140 Euro
  • Lernmaterial 88-119 Euro
  • Vorstellung zur theoretischen Prüfung 60-137 Euro
  • Vorstellung zur praktischen Prüfung 160-289 Euro
  • Gebühren theoretische Prüfung 25 Euro
  • Gebühren praktische Prüfung 130 Euro
  • Erste-Hilfe-Kurs 60 Euro
  • Sehtest 0-6 Euro
  • Passfoto 10 Euro
  • Gebühren für den Führerscheinantrag 38-70 Euro.

Das sind Gesamtkosten von 2466 bis 4476 Euro.

Viel hängt auch vom Schüler ab. Heute lassen sich viele deutlich mehr Zeit, was letztlich auch zu höheren Kosten führt, denn Pausen ziehen meist eine Lernzeitverlängerung und oft zusätzliche Fahrstunden nach sich. Die Durchfallquoten sind hoch. „Wer dranbleibt und sich reinhängt, kommt günstiger weg“, sagt Halanke aus Erfahrung.

Können Fahrsimulatoren die Kosten für den Führerschein senken?

Auch plädiert der Bundesverkehrsminister für den stärkeren Einsatz von Fahrsimulatoren – vor allem, um das Schalten zu üben, damit Fahrschulen auf Schaltautos verzichten können. Dass dies Kosten für den Führerschein maßgeblich senken könne, mag keiner so richtig glauben. In vielen Fahrschulen werden solche Geräte eingesetzt, offensichtlich hat das bislang nicht zu riesigen Kostenreduzierungen geführt. Auch bei Halanke gibt es die Möglichkeit, Stunden am Fahrsimulator zu machen. Gerade für Anfänger hält er das für sinnvoll, damit sie ein Gefühl fürs Fahren bekommen und Automatismen üben können.

Stresssituationen, die schnelle Entscheidungen erfordern, könne der Simulator nicht nachbilden, sagt Klima und nennt ein Beispiel: Noch Gas geben oder Abbremsen beim Einfädeln auf die Autobahn, wenn fünf Lastwagen mit unterschiedlichem Abstand kommen? Es gehe doch um die Verkehrssicherheit, sagt er. Vor diesem Hintergrund sieht er auch den Vorschlag kritisch, dass Eltern mit dem Fahrschüler auf der Straße üben können, damit der mehr Praxis hinterm Lenkrad hat. „Wer auf Laienausbildung setzt, erntet Laienkenntnisse – so wie manche Eltern fahren, entspricht das nicht dem, wie es an der Prüfung richtig ist.“

Doch für manchen Vorschlag ist Klima auch offen. Die knapp 1200 Theoriefragen zu entrümpeln und sprachlich zu vereinfachen, hält er für sinnvoll. Was der Minister allerdings mit der Verkürzung der Prüfungszeit auf 25 Minuten meint, gibt ihm und den Fahrlehrern Rätsel auf. Meint Schnieder damit die 35 Minuten Mindestfahrzeit oder die 55 Minuten Gesamtprüfungszeit zu der etwa Abfahrtskontrolle oder das Abschlussgespräch mit dem Prüfer gehören?

Viele Fragen sind noch zu klären, so dass der Führerschein erst einmal teuer bleibt. Erst vor wenigen Tagen hat Bundesverkehrsminister Schnieder in einem Interview eingeräumt, dass man zwar Eckpunkte für einen bezahlbaren Führerschein vorgelegt habe, doch selbst bei reibungslosem Ablauf – wenn in Abstimmung mit den Bundesländern alles rund laufe – werde das geplante Gesetz frühestens Anfang 2027 in Kraft treten. „Dann wird es aber nicht unmittelbar billiger“, sagte er.