Timo Baumgartl wurde beim VfB Stuttgart zum Profi – mittlerweile spielt er bei St. Louis City in den USA. Foto: IMAGO/Imagn Images

Timo Baumgartl erlebte beim VfB Stuttgart meist schwierige Zeiten. Nach weiteren Stationen steht er nun in den USA unter Vertrag – und spricht im Interview über sein neues Leben.

Mit dem VfB wurde Timo Baumgartl einst deutscher B-Jugend-Meister und danach in Stuttgart zum Fußballprofi. Seit einem halben Jahr ist der Innenverteidiger in der Major League Soccer (MLS) aktiv – den VfB hat er aber nach wie vor im Blick.

 

Herr Baumgartl, seit rund einem halben Jahr leben und spielen Sie nun schon in den USA. Wie fällt denn Ihr Zwischenfazit aus?

Sehr positiv. Ich habe bislang eine gute Zeit in einer coolen Mannschaft. Und auch privat fühlen wir uns hier in St. Louis sehr wohl. Wir leben in einem Haus mit großem Garten nicht weit weg vom Trainingsgelände – und haben vor einigen Tagen hier in den USA auch geheiratet.

Dazu herzlichen Glückwunsch. Beim Blick auf das Sportliche fällt aber auf, dass Ihr Team nicht gerade weit oben steht in der Tabelle.

Das ist richtig, aber wir hatten in den vergangenen Monaten auch immer wieder Verletzungspech. Allein unser Schweizer Keeper Roman Bürki, den viele sicher noch aus der Bundesliga kennen, fehlte mehrere Wochen lang.

Er ist nicht der einzige in Deutschland bekannte Name im Kader des St. Louis City SC. Da gibt es noch Marcel Hartel, Cedric Teuchert, Eduard Löwen, Jannes Horn . . .

. . . und auch Tomas Ostrak hat schon in der Bundesliga gespielt und spricht Deutsch. Das alles hat es mir tatsächlich leicht gemacht, mich schnell zu integrieren. Aber ich muss sagen: Ich hatte auch schnell einen guten Draht zu den amerikanischen Jungs. Mittlerweile bin ich so eine Art Bindeglied zwischen den Gruppen innerhalb der Mannschaft.

Ist diese Häufung deutschsprachiger Spieler denn Zufall?

Nein, bei uns hat das sicher mit dem Einfluss unseres Sportdirektors Lutz Pfannenstiel zu tun. Aber auch generell spielen mittlerweile sehr viele Deutsche in der MLS. Ich denke dabei, zum Beispiel, an Los Angeles Galaxy mit Marco Reus oder Sporting Kansas City. Dort stehen in Erik Thommy und Tim Leibold ja sogar zwei ehemalige Stuttgarter im Kader.

Was sagt das über die MLS aus?

Aus meiner Sicht steigt die Attraktivität der Liga hier mehr und mehr, ebenso das sportliche Niveau. Weil viele Clubs darüber hinaus noch recht jung sind, gibt es auch viele hochmoderne Trainingsstätten. Das gilt auch für uns in St. Louis.

2017 feierte Timo Baumgartl mit dem VfB die Rückkehr in die Bundesliga. Foto: Pressefoto Baumann

Wieso haben Sie sich für die USA entschieden?

Lutz Pfannenstiel hatte mich bereits im April 2024 erstmals angesprochen, damals stand ich noch beim FC Schalke 04 unter Vertrag. Nach jener Saison habe ich mir bewusst eine Auszeit gegönnt, wollte in Ruhe sehen, was mich noch reizen könnte. Ich habe in meiner bisherigen Karriere in Deutschland und Europa schon einiges gesehen, hatte einfach Lust, mal was Neues zu machen. Ich war dann zweimal in St. Louis, danach war klar: Das will ich.

Diese halbjährige Auszeit – war die nötig nach dem nicht ganz reibungslos verlaufenen Jahr auf Schalke?

Die Zeit auf Schalke hat mich als Person noch einmal sehr geprägt. Es war kein einfaches Jahr, es ist viel auf mich eingeprasselt, am Ende aber war ich dankbar, dass wir uns einigermaßen versöhnlich haben einigen können. Dass es darüber hinaus ein, zwei Personen gab, mit denen ich einfach unterschiedlicher Meinung war, muss ich so akzeptieren. Ich hege deshalb aber keinen Groll gegenüber dem Verein. Schalke 04 ist generell ein cooler Club, eine echte Marke.

War es dennoch ein Fehler, dorthin zu wechseln?

Vielleicht war es tatsächlich die falsche Entscheidung, 2023 zum FC Schalke 04 zu gehen. Aber: Das ist die heutige Sicht, aus der damaligen würde ich es wieder so machen.

In St. Louis ist Ihre persönliche Bilanz eine bessere . . .

. . . wobei ich durch die Zeit, in der ich nicht gespielt habe, etwas gebraucht habe, um reinzukommen. Ich habe in der Anfangszeit auch mal in der zweiten Mannschaft gespielt, was aber auch genau so abgesprochen war. Wenig später hatte ich mir dann aber einen Stammplatz erarbeitet. Nun bin ich guter Dinge, dass wir uns in den restlichen Spielen bis Oktober noch für die Play-offs qualifizieren können.

Kein Abstiegskampf in der MLS

Selbst, wenn es nicht klappen sollte: Einen nervenaufreibenden Abstiegskampf, wie Sie ihn mit dem VfB einige Jahre erlebt haben, müssen Sie hier nicht fürchten.

Nein, es gibt keinen Abstieg und damit auch nicht diesen sportlichen Existenzdruck. Das hat natürlich was, denn man kann im Grunde in jeder Saison aufs Neue immer nur etwas gewinnen. Und man weiß: Wenn es in einem Jahr mal nicht gut läuft, kann man im nächsten trotz allem wieder voll angreifen. Wie in allen anderen amerikanischen Sportarten starten immer alle Teams mit dem gleichen Ziel in die Saison: Sie wollen Meister werden. Entsprechend schnell verändern sich dann auch tatsächlich die Kräfteverhältnisse. Los Angeles Galaxy wurde im vergangenen Jahr Meister, derzeit stehen sie in unserer Division am Tabellenende.

Wie blicken Sie mit einigen Jahren Abstand denn auf Ihre Zeit als Profi beim VfB?

Für einen jungen Spieler, wie ich damals einer war, ist es sicherlich keine einfache Zeit gewesen. Aber diese Zeit hat mich als Person schon früh geprägt und weitergebracht. Ich habe schon damals gelernt, trotz des Drucks mental gesund zu bleiben. Habe gelernt, abzuschalten, negative Dinge nicht mit nach Hause zu nehmen. Ich will also nichts missen – auch, wenn die Abstiege 2016 und 2019 natürlich nicht schön waren.

Zuletzt erlebte der VfB wieder bessere Zeiten . . .

. . . und das freut mich vor allem für alle diejenigen, die ich noch von damals kenne. Sie haben auch die schwierigen Zeiten mitgemacht, umso mehr gönne ich es ihnen, dass sie nun diese erfolgreiche Phase miterleben dürfen. Jetzt geht es darum, dass sich der Verein in der oberen Tabellenregion etablieren kann.

Trauen Sie es dem VfB zu?

Mein langjähriger Weggefährte Christian Gentner ist ja mittlerweile Sportdirektor. Er wird schon dafür sorgen (lacht).

Der muss nun erst einmal Nick Woltemade für 100 Millionen Euro nach München verkaufen.

Wenn er das zu diesem Preis schafft, müsste man ihm ja fast schon eine Statue bauen.

Wieso?

Keine Frage: Nick ist ein super Spieler, der eine außergewöhnliche Entwicklung genommen hat. Aber: Er hat jetzt eben gerade einmal ein halbes, dreiviertel Jahr solche Leistungen gezeigt. Dafür sind die Summen, die jetzt genannt werden, schon Wahnsinn.

Der FC Schalke 04 war die bisher letzte Station in Deutschland von Timo Baumgartl. Foto: IMAGO/pmk

Täte es Nick Woltemade nicht so oder so gut, noch mindestens ein Jahr in Stuttgart zu bleiben?

Es ist ja immer die Frage, was einem Spieler vom FC Bayern vorgelegt und aufgezeigt wird. Und ob sich ein junger Profi dafür bereit fühlt. Wenn das so ist, dann darf man sich sicher auch für den FC Bayern entscheiden. Zumal es eben nach wie vor DER Club in Deutschland ist. Da abzusagen fällt einem sicher nach wie vor schwer.

Außer, man heißt Florian Wirtz.

Stimmt. Aber der hatte ja auch eine Top-Alternative (lacht). Aber im Ernst: Dass es für den VfB besser wäre, Nick Woltemade würde in Stuttgart bleiben, ist ja auch klar.

Sie selbst sind mittlerweile nicht mehr nur der Fußballer Timo Baumgartl, sondern gehen vielen Leidenschaften nach, sind Unternehmer, Fotograf und einer, der sich sozial engagiert . . .

. . . und erst kürzlich habe ich meine Bachelor-Arbeit im Studienfach Psychologie abgegeben. Auch das ist etwas, was mich sehr interessiert. Mir war schon immer wichtig, dass man mich als Mensch sieht, nicht nur als Fußballer. Und dass ich andererseits die Aufmerksamkeit, die ich als Fußballer habe, für andere Dinge nutzen kann. Daher habe ich verschiedene Dinge unternommen, um mich breiter aufzustellen. Ich will zwar noch ein paar Jahre Fußball spielen, dann aber auch etwas haben, was ich danach machen kann.

Welche Rolle hat dabei Ihre Krebserkrankung vor einigen Jahren gespielt?

Wenn man solch eine Diagnose bekommt, verändert das so ein bisschen das Leben, man sieht es aus einem anderen Blickwinkel. Aber, wie gesagt: Mir schon vorher immer wichtig, auch andere Dinge zu sehen.