Halbzeit für Matthias Klopfer: Der Esslinger OB blickt nach den ersten vier Jahren seiner Amtszeit zurück und sieht die Stadt vor großen Herausforderungen.
Die Kommunalpolitik steht im neuen Jahr vor vielen Herausforderungen: Die Konjunktur schwächelt, die Finanzlage ist schwierig, der Wohnungsbau stagniert, die Stimmung im Land war schon besser. Und keiner weiß, wie sich die Welt weiterentwickeln wird. Der Esslinger Oberbürgermeister Matthias Klopfer blickt im Gespräch mit unserer Zeitung auf das vergangene Jahr zurück, und er wagt einen Ausblick auf 2026.
Herr Klopfer, Sie haben nach vier Jahren bereits die Halbzeit Ihrer Amtszeit. Welche Bilanz ziehen Sie?
Es fühlt sich sehr gut an in Esslingen. Die Aufgabe ist anspruchsvoll, aber ich konnte auf vielem aufbauen, was mein Vorgänger und der Gemeinderat bereits auf den Weg gebracht hatten. Und es ist gelungen, manchen alten Knoten zu zerschlagen – etwa mit der Bebauung des Karstadt-Areals. Die großen Themen bekommen wir gut miteinander hin. Es sind eher kleine Dinge, über die wir uns im Gemeinderat auch mal streiten.
Wo hätten Sie gerne mehr erreicht?
Die Versorgung mit Haus- und Fachärzten treibt viele Menschen um. Dafür brauchen wir ganz neue Ideen. Beim Wohnungsbau wäre ich gerne weitergekommen. Aber dieser Bereich ist in der Region Stuttgart generell zum Erliegen gekommen. Unsere Möglichkeiten sind begrenzt, da auch wir unter den hohen Grundstücks- und Baupreisen leiden. Gerade bei der Flandernhöhe müssen wir Gas geben. Bei der Expo Real im Herbst wollen wir zeigen, was wir auf dem Hochschulgelände vorhaben. Wir rechnen Ende 2027 mit der Übergabe durch das Land, vor 2028 können wir nicht anfangen. Generell werden wir einfacher, kleiner, kompakter und günstiger bauen müssen. Die Esslinger Wohnungsbau hat die Aufgabe, zu zeigen, wie man so bauen kann, dass die Miete deutlich unter 20 Euro pro Quadratmeter liegt.
Die finanzielle Situation ist nicht rosig. Müssen wir uns Sorgen machen?
Den neuen Doppelhaushalt haben wir mit breiter Mehrheit verabschiedet. Die Fraktionen haben verstanden, dass die Zeiten vorbei sind, in denen wir große Wünsche formulieren und alles finanzieren können. Wir konnten auf Rücklagen zurückgreifen, und es war richtig, bei den Gewerbesteuereinnahmen den Durchschnitt der letzten zehn Jahre zu nehmen. Klar ist, dass dieser Durchschnitt beim nächsten Mal niedriger ausfallen wird, während die Kosten weiter steigen. Das heißt, dass wir strukturell noch mehr sparen müssen – etwa fünf bis sechs Millionen Euro im Jahr. Sorgen mache ich mir eher, wenn ich an den Doppelhaushalt 2028/2029 denke.
Wie wollen Sie den Haushalt entlasten?
Wir wollen möglichst in allen Bereichen sparen, ohne Strukturen dauerhaft zu zerstören. Wenn wir zum Beispiel die Villa Merkel oder das Stadtmuseum an besucherschwachen Tagen nicht öffnen, spart das Personal. Wir wollen und müssen die Württembergische Landesbühne sanieren und das Qualitätsniveau halten. Aber vielleicht kann man mit zwei, drei Premieren weniger auskommen. Wir müssen überlegen, ob wir das Sportangebot weiter ausbauen und ob dieser dichte S-Bahn-Takt in Randzeiten nötig ist. Wenn wir unsere Belegschaft wie geplant reduzieren, werden wir so viele Mitarbeitende haben wie 2018. Damals konnte man in Esslingen auch gut leben. Leider müssen wir auch bei den Kitas sparen. Es schmerzt, dass wir Betreuungszeiten reduzieren mussten, weil wir nicht genügend Personal fanden. Wir haben dadurch aber die Wartelisten massiv abbauen können. Nun müssen wir uns leider auch aus Kostengründen den Umfang der Betreuung nochmals kritisch anschauen.
Als OB will man gestalten. Gibt es dafür in diesen Zeiten noch Spielräume?
Da bin ich ganz entspannt, weil wir schon einiges auf den Weg gebracht haben – wie die Schaffung von drei neuen Pflegestandorten. Ende 2028 werden wir eine topmoderne Klinik haben. Die Stadtwerke investieren jedes Jahr zehn Millionen Euro in die Fernwärme. Was Bund und Land beschließen, können wir nicht beeinflussen. Aber wir wollen das tun, was in unserer Macht steht.
Die Innenstadt ist für viele ein Sorgenkind. Was kann und muss die Stadt tun?
Wenn Gäste nach Esslingen kommen, sind sie begeistert. Das zu erhalten, ist unsere Aufgabe. Es gibt ja positive Zeichen: Es ist ein großes Glück, dass ein dreistelliger Millionenbetrag auf dem Karstadt-Areal investiert wird. Esslingen bekommt einen neuen Marktplatz. Und mit unseren Plänen für die Ritterstraße gehen wir im Frühjahr in den Gemeinderat, um 2028 weiterzumachen. Wir können nicht die ganze Stadt zum Stadtjubiläum in eine Baustelle verwandeln. Systematisch wollen wir Esslingen jedes Jahr ein bisschen lebenswerter machen.
Wo sehen Sie für 2026 die größten Herausforderungen?
Wenn wir uns gegenseitig in einen Abwärtsstrudel reden und den Kopf in den Sand stecken, wird es nicht besser. Die Rahmenbedingungen sind schwieriger, aber ich bin überzeugt, dass wir es schaffen können. Alle Entscheidungen müssen sich jetzt daran messen lassen, ob sie der Zukunftsfähigkeit unserer Stadt nützen und ob sie im guten Verhältnis von Aufwand und Ertrag finanzierbar sind. Wir leben in einer der reichsten Regionen Deutschlands. Da muss es doch gelingen, die Zukunft positiv zu gestalten. Das ist auch eine Frage der Boomer-Generation, die aus dem Berufsleben ausscheidet und glaubt, sie habe alles richtig gemacht und müsse den Jüngeren die Welt erklären. Die müssen ihre eigenen Antworten finden. Dafür müssen wir ihnen Perspektiven bieten.
Seit den 90er-Jahren wird über die Zukunft der Stadtbücherei diskutiert, konkret passiert ist noch nicht viel. Geht es nach dem Bürgerentscheid endlich los – ganz egal, ob sich die Bürgerschaft für den bisherigen Standort im Pfleghof oder einen Umzug zu Kögel entscheidet?
Ich bin gespannt, wie sich die Bürgerinnen und Bürger entscheiden und wünsche mir, dass alle hinterher das Ergebnis akzeptieren – so oder so. Wenn es nach mir geht, geht es dann sofort los. Konkrete Maßnahmen wird man 2026 noch nicht sehen, aber wir werden Planungen und Ausschreibungen vorantreiben und wollen 2028 fertig sein.
Wie wollen Sie zusätzlich ein Kulturquartier im Pfleghof finanzieren?
Im Pfleghof hätten wir dann die Möglichkeit, das Stadtmuseum, das Schwörhaus, das Schreiber-Museum, einen Teil des Stadtarchivs und vieles mehr neu zu denken – und gleichzeitig im bisherigen Museum im Schwörhaus den dringend benötigten Raum für die Erweiterung der Waisenhof-Grundschule zu schaffen. Wenn ich sehe, wie finanziell viel schwächer aufgestellte Städte im Ruhrgebiet solche Projekte umsetzen, sollte ein Kulturquartier, das 15 bis 20 Millionen Euro kostet, für eine Stadt wie Esslingen immer finanzierbar sein. Realistischerweise kann ein Kulturquartier aber erst im Haushalt 2030/31 finanziert werden.
Was macht Sie zuversichtlich, dass Sie in zwölf Monaten eine positive Bilanz für 2026 ziehen können?
Eine große Mehrheit im Gemeinderat trägt die wesentlichen Projekte mit, die Verwaltung krempelt die Ärmel hoch, das bürgerschaftliche Engagement ist groß, bei Unternehmen spüre ich den Willen, die Probleme zu meistern. Ich werde auch weiterhin meinen Beitrag zum guten Miteinander im Gemeinderat leisten. Die Bürgerinnen und Bürger wollen starke Vertreter. Ich wünsche mir jedoch, dass wir weniger Energie bei kleinen Themen lassen.