Seit fünf Jahrzehnten macht Erich Koslowski Kabarett in Esslingen – in Zukunft ohne seinen langjährigen Duo-Partner Herbert Häfele. Koslowski macht alleine weiter.
Wenn er in seiner Paraderolle als oller Kowalschinski auf der Bühne steht und über die Irrungen und Wirrungen des Pflegealltags spöttelt, ist Erich Koslowski ganz in seinem Element. Seit nahezu 50 Jahren macht er Kabarett – sein Galgenstricke-Keller in der Esslinger Webergasse ist seit 40 Jahren eine Institution, die weit über Esslingen hinaus Anerkennung findet. Und das soll auch so bleiben.
Auch wenn sich sein langjähriger Kollege Herbert Häfele inzwischen in den Ruhestand verabschiedet hat, denkt Koslowski noch lange nicht ans Aufhören. „Das Publikum und die Künstler-Kolleginnen und -Kollegen, die uns teils schon seit Jahrzehnten verbunden sind, liegen mir viel zu sehr am Herzen“, sagt der 70-Jährige. Weil er noch immer vor Ideen sprüht, will er sich demnächst für ein neues Soloprogramm an die Arbeit machen.
Einem Kabarettisten, der seine Programme selbst schreibt und ein eigenes Theater leitet, verlangt die Arbeit an einem neuen Programm jedes Mal einen Spagat ab. Denn der Gastspielbetrieb muss weiterlaufen, und für Erich Koslowski gehört es ganz selbstverständlich dazu, an der Kasse zu sitzen und in der Pause hinter der Theke zu stehen – von den vielfältigen Verwaltungsaufgaben, die ein Theaterbetrieb mit sich bringt, ganz zu schweigen. Der Galgenstrick bekommt zwar Unterstützung etwa bei der Betreuung der Webseite oder der Organisation des Online-Kartenvorverkaufs – trotzdem bleibt vieles an ihm hängen. Da ist es nicht immer einfach, sich auf die Arbeit an neuen Kabarett-Nummern zu fokussieren.
Mit dem Publikum auf Augenhöhe
„Wenn man sich voll und ganz aufs Künstlerische konzentrieren kann, geht die Arbeit an neuen Nummern leichter von der Hand“, erklärt Koslowski. Trotzdem mag er den Kontakt zum Publikum nicht missen, auch wenn er an einem Abend selbst nicht auf der Bühne steht: „Wenn man den Leuten an der Kasse oder in der Pause im Café begegnet, ist der Kontakt ein ganz anderer, auch wenn das Erlebnis in einem kleinen Theater wie diesem auch sonst viel unmittelbarer ist als in einem großen Haus“, sagt der Galgenstrick. „Die Leute wissen es zu schätzen, wenn sie auch außerhalb der Vorstellung mit mir ins Gespräch kommen.“ Und vielleicht fließt ja der eine oder andere Gedanke am Ende auch in eine von Koslowskis Kabarettnummern ein.
An Themen wird es ihm wohl nie mangeln. „Wenn man sich anschaut, was in der Welt passiert, könnte man eine Nummer nach der anderen raushauen“, sagt der Galgenstrick. Und auch wenn engagiertes politisches Kabarett, für das Koslowski steht, den Anspruch hat, stets aktuell zu sein, ist er immer wieder überrascht, wie zeitlos viele Nummern sind. Davon durfte sich das Publikum zuletzt beim Best-of-Programm „Zu zweit das Allerletzte“ überzeugen, mit dem sich Herbert Häfele von der gemeinsamen Bühnenarbeit verabschiedet hat.
Während Koslowski an einem neuen Bühnenprogramm arbeiten will, geben sich bis zur Sommerpause honorige Gäste im Galgenstricke-Keller die Ehre. „Viele Kolleginnen und Kollegen schätzen die besondere Atmosphäre in unserem Theater“, weiß Koslowski, der wieder bekannte Gesichter präsentiert. Nur einige von vielen, die sich in den nächsten Wochen bei den Galgenstricken angesagt haben: Gerhard Polacek liest am 26. April wieder „im letzten Literaturcafé vor der Autobahn“, am 2. Mai spielt er sein Kabinettstück „Der Herr Karl“, den Monolog eines notorischen Wendehalses.
Anette Heiter feiert am 16. Mai die Vorpremiere ihres neuen Soloprogramms „Heiter weiter“, und am 5. Juli empfehlt sie ihrem Publikum „Sing Dich glücklich“. Anna Breitenbach, Gerhard Polacek und Reiner Hiby locken am 12. Juni mit „Wein und anderen Kraftstoffen“, Link Michel serviert am 13. Juni „Schampus für alle!“, und der internationale Pantomime-Star Carlos Martinez ist vom 19. bis 21. Juni zu Gast. Tina Häussermann sorgt am 26. Juni mit „Happy Konfetti“ für Vergnügen, Klaus Birk findet es am 27. Juni „Ganz schön schön hier!“, und Fräulein Wommy Wonder erschüttert am 28. Juni die Zwerchfelle des Publikums mit „Aber hallo!“.
Immer für eine Überraschung gut
Viele seiner Gäste aus der großen Welt der Kleinkunst sind dem Galgenstricke-Publikum längst vertraut, andere sind noch für eine Überraschung gut: Toby Rudolph ist am 17. April mit seiner Zaubershow zu Gast, Murzarellas Music-Puppet-Show überrascht am 1. Mai mit „Bauchgesängen und andere Ungereimtheiten“. Die Bräschtling-Sisters spielen am 23. Mai „Kamasutrai on Muggafugg“, und am 30. Mai gibt sich das Duo die Untiere mit den „Memoiren einer Spottdrossel“ die Ehre: Der versierte Kabarettautor Wolfgang Marschall, dessen Texte von Größen wie Reiner Kröhnert geschätzt werden, erinnert sich zusammen mit der Sängerin Marina Tamássy wehmütig an sein Wachsen und Werden im analogen Zeitalter des ausklingenden Wirtschaftswunders.
Koslowski und die Galgenstricke
Die Anfänge
30 Studentinnen und Studenten und zwei Dozenten der damaligen Pädagogischen Hochschule Esslingen machten Mitte der 70er-Jahre Kabarett. Älteren ist ihr Auftritt beim Stadtjubiläum 1977 unvergessen: Die Esslinger hatten sich zum 1200-jährigen Bestehen ihrer Stadt mit einer renovierten Burganlage beschenkt. Zur Einweihung entwickelten die Studentenkabarettisten das Theaterstück „Der Ritter von Zwieblingen“. Erich Koslowski war damals als fiktiver Fürst von Esslingen mit Goggomobil und Go-Go-Girls zu sehen – ein Riesenspaß.
Die Galgenstricke
Was damals als Studentenprojekt begonnen hat, wurde für Erich Koslowski, Herbert Häfele und Dieter Trieß zum Beginn einer kabarettistischen Karriere. Erst spielten sie als „Galgenstricke“ im Vier Peh, 1985 gründeten sie in der Webergasse eine Kabarettbühne, die Koslowski und Häfele nach Trieß’ Abschied alleine weiterführten. Gemeinsam haben Häfele und Koslowski seit 1988 zahlreiche Produktionen als Galgenstricke-Duo präsentiert – zuletzt das Best-of-Programm „Zu zweit das Allerletzte”, mit dem sie an ihre besten Nummern erinnerten und zeigten, wie zeitlos aktuell Autorenkabarett sein kann.