Mehr als 100 Menschen leben aktuell in der Erstaufnahmeeinrichtung des Landes in Kornwestheim (Kreis Ludwigsburg). Wie sieht ihr Alltag zwischen Flucht und Ankommen aus?
Seit etwa einem Jahr ist die Erstaufnahmeeinrichtung (EA) des Landes in Kornwestheim in Betrieb. Unweit der Baustelle der Großen Pflugfelder Brücke wohnen derzeit mehr als 100 Geflüchtete im ehemaligen Eisenbahnerwohnheim. Mit Zaun und Sicherheitsschleuse hebt sich das Gebäude von der Wohnbebauung in der Umgebung ab.
„Der Zaun ist zum Schutz der Bewohner da“, sagt Kathrin Jagiella, die Leiterin der EA. Das Haus ist groß und das Regierungspräsidium Stuttgart als Hausherr will sichergehen, dass sich dort nur Leute aufhalten, die das auch dürfen. Die gut 100 Menschen in der Einrichtung warten dort darauf, irgendwo anzukommen.
Maximal sechs Monate, im Schnitt etwa halb so lange, wohnen Geflüchtete in einer EA. Es ist ihr erstes Zuhause auf Zeit in Deutschland. Sie warten auf die Ergebnisse ihres Asylverfahrens und auf die Zuweisung in die jeweiligen Landkreise. Sie befinden sich irgendwo zwischen einer entbehrungsreichen Flucht und dem Ankommen an ihrem Wunschziel.
Ruhe trotz voller Belegung
Wie sieht der Alltag in einer solchen Warteschleife aus? „Der unterscheidet sich oft gar nicht so sehr von dem anderer Menschen“, sagt Jagiella bei einem Rundgang durch das Gebäude. Es ist Freitagmorgen und obwohl 80 Prozent der Bewohner im Haus sind, herrscht eine große Ruhe. Bewohner grüßen freundlich auf dem Weg von oder zu ihrem Zimmer.
„Laut wird es eigentlich nur, wenn die Kinder mal auf den Fluren spielen“, erklärt Jagiella. Kinder gibt es in der Einrichtung nämlich auch – 22 unter zwölf Jahren und zwölf Teenager. Sie wohnen in der Einrichtung mit ihren Eltern. Im Bemühen, den Kindern den Einstieg in Kindergarten und Schule in ihrem Ziellandkreis zu vereinfachen, gibt es in der EA Angebote für sie.
Spielerisches Lernen für Kinder
Kleinkinder und ältere Kinder können in die Kinderbetreuung gebracht werden. Die beiden großen Räume dort haben Spielzeug, bunte Wände und Betreuerinnen. Die Kinder spielen, basteln und haben regelmäßig auch „Schule“. Bei den Einheiten geht es laut Jagiella darum, den Kindern den Schulalltag näherzubringen, ohne große inhaltliche Tiefe.
Auch für Jugendliche gibt es die Möglichkeit sich auszutauschen und erste Erfahrungen mit dem Alltag in Deutschland zu machen. Überhaupt geht es in der EA viel um Struktur. In der Kantine gibt es dreimal täglich Essen, die Bewohner dürfen auf ihren Zimmern nicht selbst kochen. Das Essen wird vor Ort zubereitet und bietet immer mehrere Alternativen, auch fleischlose Gerichte.
VHS-Kurse und Kinderbetreuung
Nach dem Frühstück steht für Familien dann zum einen die Kinderbetreuung zur Verfügung und für Erwachsene ein VHS-Kurs zum Alltag in Deutschland. Die Kurse sind sehr begehrt und haben eine Warteliste. In sechs Wochen sollen die Geflüchteten das Leben in Deutschland kennenlernen. Dazu gehen die Kursteilnehmer auch schon mal gemeinsam zum Einkaufen.
Generell dürfen die Geflüchteten selbst über ihren Tagesablauf bestimmen und auch die Einrichtung nach Belieben verlassen. „Das hier ist ja kein Gefängnis“, sagt Jagiella. Begrenzt sind die Bewohner dennoch in ihrer Bewegungsfreiheit, weil sie zum einen nur ein kleines Taschengeld erhalten und zum anderen die Grenzen des Landkreises nicht verlassen dürfen.
Begegnungscafés als Ausflugsziele
Ein Ausflug nach Stuttgart ist also selbst im Nachbarort Kornwestheim nicht erlaubt. „Es gibt auch im Landkreis genug Orte, die man besuchen kann. Wir sind ja auch ganz nahe an Ludwigsburg dran“, so Jagiella. Vor allem Begegnungscafés, wo die Menschen Gelegenheit haben, die Sprache im Alltag zu erlernen, seien beliebte Ausflugsziele.
Dass jemand nicht mehr zurückkommt, komme sehr selten vor, zumal Wünsche für den Ziellandkreis auch im laufenden Verfahren möglichst berücksichtigt werden. Für dieses Verfahren und bei anderen Fragen rund um Behörden und die Abläufe in Deutschland gibt es in der EA eine spezielle Beratungsstelle, die Ann-Katrin Fischer leitet. Es gibt auch eine Krankenstation. Für diese Angebote zeichnen Caritas und Malteser verantwortlich.
„Kornwestheim ist oft das erste deutsche Wort, das die Bewohner lernen.“
Jennifer Haag, Sozialarbeiterin in der EA
„Kornwestheim ist oft das erste deutsche Wort, das die Bewohner lernen“, sagt Sozialarbeiterin Jennifer Haag. Hunderte Gespräche führen sie und ihre Kolleginnen in der Sozialberatung und in der Asylberatung. Die meisten Menschen wollen einfach ankommen, sagt sie.
Die Flucht dauere oft sehr lange und bis die Menschen aus Syrien, Afghanistan oder anderen Ländern nach Kornwestheim gelangen, sind sie nicht selten schon Jahre unterwegs.
Türkisch verstehen die meisten
Für Alltagsfragen gibt es einen Infopunkt am Eingang des Gebäudes. Hier wird den Bewohnern der Weg zum nächsten Supermarkt oder Fußballplatz erklärt. Meist klappt die Verständigung, weil die Mitarbeiter mehrere Sprachen sprechen. Türkisch ist dabei meist der gemeinsame Nenner, eine Sprache, die viele sprechen. Auch wenn sie nicht aus der Türkei stammen.
Wenn einer der Bewohner krank ist, ist Aida Jakupovic die erste Ansprechpartnerin. Sie organisiert die Krankenstation in der EA. Mehrmals die Woche ist ein Arzt da, einmal die Woche auch ein Psychologe. Jakupovic ist eine der Malteser-Kräfte in der EA und examinierte Altenpflegerin. Die Krankenstation im Haus ist wichtig, weil das Regierungspräsidium für die Gesundheitsversorgung der Bewohner zuständig ist und Arztrechnungen übernehmen muss.
Facharzttermine zu bekommen, ist da kein leichtes Unterfangen, sagt Jakupovic. Man baue sich aber gerade ein Netzwerk auf. Vor allem Gynäkologen seien gefragt. Groß ist der Andrang auch beim Psychologen. Mehr als die drei Stunden wöchentlich wären angesichts der traumatischen Erlebnisse vieler Geflüchteter toll, aber es sei schwer, überhaupt Psychologen zu bekommen, sagt Thomas Deines. Er leitet das Referat Flüchtlingsaufnahme und Integrationsförderung beim RP.
Bis auf solche Verbesserungswünsche ist man beim RP aber zufrieden mit dem ersten Jahr der Einrichtung in Kornwestheim. „Wir sind hier von Anfang an wohlwollend aufgenommen worden“, sagt Jagiella. Die Bewohner täten ihr Übriges dazu und böten keinen Anlass für Beschwerden der Nachbarn. „Es gab noch keinen wirklichen Polizeieinsatz hier. Wenn es mal zu kleinen Streitigkeiten kommt, kann das der Sicherheitsdienst regeln“, erklärt die Einrichtungsleiterin.