Nur Harry Kane und Luis Diaz sind besser: Der VfB profitiert von dem Sturmduo, das trotz Verletzungen 31 Ligatore erzielt. Warum für Coach Hoeneß aber auch die Balance im Angriff zählt.
Dreht es sich in Lifestyle-Fragen um die Fortbewegung mit dem Auto, dann geht es bei Ermedin Demirovic und Deniz Undav auch mal weniger PS-explosiv, sondern vielmehr luxuriös und gediegen gemütlich zu. Schließlich besitzt jeder der beiden VfB-Toptorjäger einen Wagen der Marke Rolls-Royce, den zwar keiner der beiden auf dem Spielerparkplatz abstellen darf, weil der nach Sponsoren-Regeln unter einem guten Stern steht. Doch man gönnt sich ja sonst nicht’s. Kostenpunkt der Luxuskarossen: rund 400 000 Euro pro Stück, integrierter Champagner-Kühler inklusive. Was auch beweist, dass sich Toreschießen im Zeichen des roten Brustrings finanziell sehr gut bezahlt macht.
Klar ist aber auch: Der Verein und seine Fans erhalten für ihr Investment mittels üppiger Spielergehälter auch eine äußerst lukrative Rendite in Form eines Bundesliga-Spitzensturmduos als Gegenleistung zurück. Der VfB ist längst wieder wer in der Liga, international und auch im Pokal, was auch ein Verdienst seiner beiden charakterlich so unterschiedlichen Angreifer ist. Dass die Stelle im Sturm von Nick Woltemade, der im Vorsommer auf den letzten Drücker für 85 Millionen Euro zu Newcastle United wechselte, bis heute nicht besetzt ist, juckt rund um den Verein für Bewegungsspiele inzwischen keinen mehr.
Der Grund hierfür liegt auf der Hand: 31 Tore haben der forsche Undav (19) und der sich stets hinterfragende Demirovic (12) gemeinsam allein in der Liga erzielt – nur das bajuwarische Duo Harry Kane und Luiz Diaz ist da mit 48 Buden besser, wobei der Löwenanteil mit 33 Treffern auf den Kapitän der englischen Nationalelf entfällt.
In der Torschützenliste der Bundesliga ist Undav Zweiter – und Demirovic Neunter. Was allein vor dem Hintergrund bemerkenswert ist, dass der bosnische Nationalstürmer aufgrund einer sich anbahnenden Fraktur am Mittelfuß im vergangenen Herbst neun Bundesligaspiele verpasst hat. Auch Undav konnte mit einem Innenbandanriss im Knie viermal in der Liga nicht auflaufen.
„Medo hat in seiner Karriere schon ein bisschen was erlebt – und ist für diese Partien geschaffen. Er ist von seinem Mindset her auch in der Lage, die anderen anzuzünden“, sagt Sebastian Hoeneß über Demirovic vor den beiden Endspielen an diesem Samstag (15.30 Uhr) in der Bundesliga bei Eintracht Frankfurt um den Einzug in die Champions League sowie am 23. Mai im DFB-Pokalfinale in Berlin gegen den FC Bayern München. In Bezug auf Undav („So einen Spieler willst du in deiner Mannschaft haben“) ist das positive Urteil des Cheftrainers ja längst bekannt.
„Die beiden geben uns in erster Linie Tore, aber auch Erfahrung, Abgezocktheit und eine positive Körpersprache“, sagt Hoeneß zu seinem Sturmduo: „Die Gegner wissen auch, was die beiden leisten können. Das macht etwas mit ihnen.“
16 Tore, also quasi die Hälfte seiner Ausbeute, hat das Duett in der Bundesliga geschossen, als beide gemeinsam auf dem Platz standen. Längst hat Hoeneß sein Topduo aber nicht immer zusammen aufs Feld gebracht. „Es geht stets auch um die richtige Balance im Angriff“, erklärt der Cheftrainer, dem sich mit Bilal El Khannouss (4 Tore, 5 Assists) als offensivem Mittelfeldspieler mit Torgefahr, aber auch mit den beiden Außenspielern Jamie Leweling und Chris Führich (beide 7 Tore) sowie mit Tiago Tomas (5) diverse Optionen bieten. „Wir haben schon eine immense offensive Wucht. Aber du kannst sie nicht immer alle bringen. Du musst auch schauen, dass du im Spielverlauf noch etwas nachlegen kannst“, sagt Hoeneß.
Während Demirovic gegen Leverkusen zum 1:1 traf und vor dem durch Maximilian Mittelstädt verwandelten Elfmeter zum 2:1 gefoult wurde, traf Undav nach einer herausragenden Flanke von Leweling zum 3:1-Endstand. Gemeinsam versammelte man sich gleich anschließend zum Torjubel und salutierte vor „Commander Deniz“, wie es die Woche zuvor längst ausgemacht war.
Auch diese Szene belegt: Bei allem teaminternen Konkurrenzdenken, das es unter Bundesliga-Stürmern immer gibt, harmoniert es auch menschlich im Sturm des VfB. So treffen sich beide Angreifer auch mal privat. Vorbei sind zudem die Zeiten, in denen Demirovic stets erklären musste, dass er mehr sei als ein reiner Strafraumstürmer, der die Bälle lediglich in der Box aus kurzer Distanz über die Linie schiebt. Abgehakt auch die Diskussion, ob Undav nun ein Zentrumsstürmer ist, eine echte und nicht nur eine hängende Neun. Eine Debatte, die den 29-Jährigen stets auf die Palme gebracht hat.
Klar ist: Undav trifft quasi in jeder Lage, was letztlich auch der Bundestrainer Julian Nagelsmann nicht mehr übersehen konnte – und Demirovic hat nicht zuletzt die WM-Qualifikation mit der Nationalelf von Bosnien-Herzegowina weiteren Aufwind gegeben.
„Medo hat eine brutal gute Leistung gezeigt, hat uns gegen Leverkusen zurück ins Spiel gebracht“, lobte Undav zuletzt seinen Sturmpartner, der wiederum für eine Vertragsverlängerung des Kollegen plädierte: „Jeder weiß, wie wichtig Deniz für den Verein, die Mannschaft und die Stadt ist. Jeder wünscht sich, dass er bleibt.“