Matthias Holtmann war nicht nur Moderator, sondern auch begeisterter Schlagzeuger. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Der am Sonntag verstorbene SWR-Moderator Matthias Holtmann lebte mehrere Jahre am Engelberg und fühlte sich dort sehr wohl. Ein persönlicher Rückblick.

Der Reingeschmeckte kannte sich besser aus als so mancher Einheimische. „Auf dieser Bank“, so sagte Matthias Holtmann einmal dem Mann von der Zeitung, „kommen mir die besten Gedanken.“ Und mit Blick auf den holprigen Feldweg, der vom Gebersheimer Sportplatz zu dieser Sitzgelegenheit führte, ergänzte er: „Schade nur, dass man nicht mit dem Auto hinfahren kann.“

 

Am Sonntag verstorben – lange lebte Mathias Holtmann in Leonberg

So war er, der Kult-Moderator aus dem Radio: Immer einen Spruch auf den Lippen, nicht nur auf der Bühne und am Mikrofon, sondern auch, wenn er am Waldrand zwischen Gebersheim und Höfingen stand und auf die Landschaft seiner Wahlheimat schaute. Mehrere Jahre lang war Holtmann Leonberger Bürger.

Flotte Sportwagen parken vor der Haustür

Der Mann mit der sonoren Stimme, der im SWR mit der Reihe „Pop und Poesie“ einen Meilenstein in der deutschen Unterhaltungsbranche geschaffen hat, lebte aber nicht in einem vermeintlich standesgemäßen Haus mit Garten. Nein, Holtmann hatte eine Wohnung im Gewerbegebiet in der Carl-Zeiss-Straße. Nach außen unscheinbar, innen großzügig und ein Stück weit auch exzentrisch. Allein die vor dem Haus abgestellten Autos ließen erahnen, dass hier kein normaler Mieter lebt: ein Chevrolet Camaro und ein Jaguar – beide mit LEO-Kennzeichen – waren dort geparkt.

Matthias Holtmann moderierte in der Stadthalle Leonberg

Der langjährige SWR-Moderator pflegte während seiner Leonberger Jahre einen engen Draht zu unserer Leonberger Lokalredaktion, in der einer seiner Söhne auch ein Praktikum absolvierte. Doch nicht nur zu den Kollegen von der schreibenden Zunft hatte er einen guten Kontakt. In der Stadthalle moderierte er vor sieben Jahren eine Gala der Schützengilde Höfingen. Zuvor hatte Holtmann dort sein Buch „Porsche, Pop und Parkinson“ vorgestellt.

Matthias Holtmann verabschiedete sich im Mai 2024 vom Stuttgarter Publikum. Foto: Lichtgut

Der Titel des Buches war das Lebensmotto des Radiomannes, der am Sonntag im Alter von 75 Jahren verstorben ist. Nicht ohne Stolz präsentierte Holtmann dem Besucher von der Zeitung seine beiden schnittigen Schlitten. Der wiederum sah und sieht ein Auto vor allem als Gebrauchsgegenstand – und konnte die Begeisterung des prominenten Kollegen nur bedingt nachvollziehen.

Matthias Holtmann – Schlagzeuger bei Triumvirat

Eher war auf einer Wellenlänge waren beide bei der Musik. Der gebürtige Westfale Holtmann war ebenfalls Schlagzeuger und saß in den Siebzigerjahren, in der Hochzeit des Krautrocks, wie deutsche Produktionen seinerzeit halb despektierlich, halb humorvoll genannt wurden, hinter den Trommeln bei Triumvirat. Das war eine der Kultbands, die damals in einem Atemzug mit Birth Control oder Kraan genannt wurden. Kein Wunder, dass der Besucher von der Zeitung von der Musikbox aus den Sechzigern begeistert war, die mitten in Holtmanns Wohnzimmer stand.

Soweit zu den Bereichen Pop und Porsche. Und das dritte Thema, das der langjährige Musikchef von SWR 3 in seinem Buch thematisiert hat? Holtmann war Mitte 50, als er an Parkinson erkrankte. Seine Prominenz nutzte er, um Aufklärung über die heimtückische Nervenkrankheit zu betreiben, zum Beispiel mit seinem Buch.

Der SWR-Mann war auch später unterwegs, auch für „Pop und Poesie“

Gut zwei Jahre nach der Begegnung in seiner Gebersheimer Wohnung trafen sich der Wahl-Leonberger und der Lokalchef der Zeitung erneut zu einem ausführlichen Austausch. Zwischendurch hatten sie immer mal wieder telefoniert. Mehr Zeit blieb nicht. Denn Holtmann war auch nach seinem offiziellen Ausscheiden als SWR-Redakteur unermüdlich unterwegs: Konzerte, Lesungen standen an. Und natürlich „Pop und Poesie“, sein Erfolgsformat.

Auftritte waren für Holtmann die beste Medizin

Wie schaffte er das? „Die Arbeit hält mich am leben“, sagte er damals beim Treffen in einer Pizzeria. „Ich mache fast mehr als früher beim SWR.“ Auch wieder in Leonberg. Er moderierte im Oktober 2018 in der Stadthalle die Matinee „Lasst Blumen sprechen“, mit der die Schützengilde Höfingen die Vereinskasse etwas aufbessern wollte. Holtmann war in Hochform, wie immer. Nur wer genau hinschaute, sah, dass er seinen Kopf nicht mehr richtig heben konnte. Das Publikum feierte gleichwohl den prominenten Gast, für ihn offenbar die beste Medizin.

Und er hatte noch mehr Pläne rund um den Engelberg. „Da gibt es doch eine kleine Buchhandlung in der Altstadt“, sagte er dem Zeitungsmann. „Um die zu unterstützen, könnte ich da eine Benefizlesung halten. Haben Sie noch andere Ideen?“ Die beiden gingen ein paar Themen durch und wollten sich demnächst mal wieder zusammensetzen. Als es im Lokal ans Zahlen ging, hatte Matthias Holtmann Mühe, sein Portemonnaie aus der Jacke zu holen. Öffnen konnte er es nicht mehr. „Würden Sie mir helfen?“, fragte er und schob seinem Gegenüber vertrauensvoll die Geldbörse zu.

Ein paar Wochen nach dieser Begegnung rief Holtmann bei der Zeitung an: Er müsse leider von Leonberg wegziehen, er könne nicht mehr allein leben. Holtmann hinterließ eine Telefonnummer und eine E-Mail-Adresse. Als der Leonberger Redakteur ein paar Wochen später versuchte, ihn zu erreichen, hieß es, Holtmann sei länger im Krankenhaus.