In dieser Woche wäre Lisa Martinek 50 Jahre alt geworden. Erinnerung an eine bezaubernde Schauspielerin und liebevolle Mutter.
Waiblingen - Plötzlich, beim Baden im türkisblauen Wasser vor Elba, hört ihr Herz zu schlagen auf. Sie wird ans Ufer von Sant’Andrea gebracht und von dort aus mit dem Helikopter ins Krankenhaus nach Grosseto geflogen. Doch alle Reanimationsversuche bleiben erfolglos. Am 28. Juni 2019 wird Lisa Martinek aus dem Leben gerissen, das sie liebte. Sie hinterlässt einen Ehemann und drei Kinder im Alter von acht, sieben und vier Jahren.
Die Fernsehsender ändern kurzfristig ihre Programme. Das Erste wiederholt die Krimireihe „Die Heiland“, in der Lisa Martinek eine blinde Rechtsanwältin spielt. Das ZDF erinnert mit der Episode „Liebe und Tod“ aus der Erfolgsserie „Das Duo“ an die verstorbene Hauptdarstellerin. Der RBB zeigt gleich zwei Lisa-Martinek-Filme: um 20.15 Uhr „Ich leih mir eine Familie“ und im Anschluss den „Tatort: Blutgeld“. Ihr Schauspielerkollege Jan Josef Liefers postet: „Adieu Lisa. Was für eine traurige Nachricht. Bin sprachlos.“
Lisa Martinek wird am 11. Februar 1972 als Lisa Wittich in Stuttgart geboren und wächst in einem Reihenhaus in Waiblingen-Neustadt auf. Eine kleinbürgerliche Idylle – Sackgasse, kaum Verkehr, viele junge Familien. Klein Lisa buddelt im Sandkasten oder kurvt mit dem Dreirad auf der Wendeplatte umher. Noch bevor sie richtig laufen kann, nehmen sie ihre Eltern auf Jazzkonzerte mit, später auch ins Theater und ins Ballett nach Stuttgart. Lisa liebt es, in die Welt der Kunst einzutauchen – und hasst es, am nächsten Morgen wieder in die Grundschule gehen zu müssen, wo sie keinen Raum für ihre rege Fantasie findet.
Leidvolle Jahre im Salier-Gymnasium
Am Ende der vierten Klasse bekommt sie eine Empfehlung für die Realschule. Ihr Vater, ein Architekt, meldet sie dennoch auf dem Salier-Gymnasium an, das Gunter Behnisch entworfen hat. Ein modernes Gebäude, ohne den üblichen Schulmuff. Doch es ist ein naturwissenschaftliches Gymnasium, das kaum den Neigungen der schöngeistigen Schülerin Lisa entspricht. Sie leidet. Glücklicherweise halten ihre Eltern immer zu ihr und nie zu den Lehrern. Die Loyalität geht so weit, dass ihr der Vater mit seiner klar leserlichen Schrift einen Physikspickzettel schreibt. Sie wird jedoch damit erwischt. Note Sechs. Später, als sie bereits zur ersten Garde der deutschen Schauspielerinnen zählt, sagt sie: „In der Schule habe ich viel auswendig gelernt und wenig verstanden, das Wissen kam später, als ich Lust hatte zu begreifen, ohne Druck, nur für mich.“
In der S-Bahn, mit der die Gymnasiastin Lisa nachmittags zum Ballettunterricht fährt, sieht sie Menschen, die von der Arbeit kommen und nicht besonders glücklich wirken. Im Stillen beschließt sie: „Ich werde einmal einen Beruf haben, der mir Spaß macht.“ Mühsam kämpft sie sich bis zum Abitur durch. Nach den Klausuren steht fest, dass sie nicht mehr durchfallen kann. Die mündlichen Prüfungen vergeigt sie komplett. Ihre Lehrer schütteln den Kopf: „Was soll aus dir bloß werden?“ Lisa denkt: „Von euch Furzern lasse ich mir meine gute Laune nicht verderben.“ Eine Woche nach der Abifeier flüchtet sie nach Hamburg und beginnt eine Schauspielausbildung an der Hochschule für Musik und Theater.
Interview in den Weinbergen
Ihre Eltern wohnen heute im Stuttgarter Heusteigviertel. In wenigen Tagen wäre die einzige Tochter 50 Jahre alt geworden. „Die Lücke, die Lisa hinterlassen hat, ist noch immer riesengroß“, sagt Roland Wittich am Telefon. „Sie war neben ihrem tollen Beruf eine liebevolle Ehefrau und Mutter. Es hat uns imponiert, wie sie die Doppelbelastung gestemmt hat.“ Mehr will Wittich nicht preisgeben. „Lisa hat ihr Privatleben immer geschützt“, sagt er und bittet um Verständnis. „Es wäre womöglich nicht in ihrem Sinne, wenn wir uns nun öffentlich über sie äußern würden.“
Im August 2008 gibt Lisa Martinek unserer Zeitung ein großes Interview. Für das Gespräch haben wir uns in den Weinbergen verabredet, mit Blick auf das Remstal, wo sie die ersten zwei Jahrzehnte ihres Lebens verbracht hat. Mittlerweile ist sie 36 Jahre alt und ein Filmstar – nur ohne die üblichen Allüren. „Theoretisch könnte ich mich jeden Abend irgendwo kostenlos durchfuttern und fotografieren lassen“, erzählt sie. „Ich halte solche Auftritte aber in einem engen Rahmen.“
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Ihre Karriere beginnt Mitte der 90er Jahre, noch während des Studiums, am Hamburger Thalia-Theater. 1997 erhält sie ein festes Engagement in Leipzig, am Schauspielhaus brilliert sie unter anderem in der Rolle der Helena in Armin Petras’ achtstündiger Aufführung von Goethes „Faust“. Bald kommt sie auch groß im Kino und im Fernsehen heraus: Ihr Part als beherzte Fahrradkurierin in der abendfüllenden Komödie „Härtetest“ beschert ihr 1998 sogleich eine Nominierung beim Deutschen Filmpreis. Anschließend sind zwei bis drei große Produktionen pro Jahr für Lisa Martinek völlig normal. Sie spielt an der Seite von Uwe Ochsenknecht („Böses Erwachen“), Götz George („Schulz & Schulz“) oder Christoph Waltz („Die Züricher Verlobung“) die weibliche Hauptrolle.
Giulio Ricciarelli – die große Liebe
Als Clara Hertz ermittelt sie in der ZDF-Reihe „Das Duo“ 13 Folgen lang in Lübeck. Die Rolle der Kommissarin, die ursprünglich aus Stuttgart kommt, wurde ihr scheinbar auf den Leib geschneidert. Doch in Wirklichkeit ist Lisa Martinek (damals hieß sie noch Lisa Wittich) nach dem Abitur auch deshalb in den Norden gezogen, „weil ich mir diesen typischen schwäbischen Singsang möglichst schnell abgewöhnen wollte“.
Kaum in Hamburg angekommen, heiratet sie den Drehbuchautor Krystian Martinek, die Ehe hält nur drei Jahre. 2002 lernt sie bei einem Casting Giulio Ricciarelli kennen – ihre große Liebe: „Das hat sich sofort so gut und richtig angefühlt, dass es unheimlich war.“ Nach der Hochzeit mit dem italienischen Schauspieler und Regisseur heißt sie bürgerlich Lisa Ricciarelli, Martinek ist nur noch ihr Künstlerinnenname.
Nur selten sieht man das Promipaar Ricciarelli/Martinek gemeinsam auf dem roten Teppich, Homestorys für bunte Magazine sind tabu. „Wenn man jedes Detail über einen Schauspieler kennt, nimmt man den Filmfiguren ihren Zauber“, sagt Lisa Martinek 2008 in dem Gespräch mit unserer Zeitung. „Sieht man Angelina Jolie auf der Leinwand, denkt man automatisch an adoptierte Babys und Zwillingsgeburten.“
Gute Gene und eiserne Disziplin
Als sie drei Jahre später ihr erstes Kind bekommt, Ella, ist Lisa Martinek bereits 39. Nach der Geburt ihrer zweiten Tochter Clara sagt sie in der Wochenzeitung „Die Zeit“: „Es gibt nichts Schöneres, als Mutter zu sein. Hätte ich gewusst, wie schön das ist, hätte ich viel früher damit angefangen.“ Sie gönnt sich kaum Pausen von der Arbeit, auch nach der Entbindung ihres Sohns Luca steht sie bald wieder vor der Kamera. Sie erhält Komplimente, weil sie trotz dreier Schwangerschaften rank und schlank wie eh und je ist. „Das liegt an den guten Genen“, sagt sie und lacht.
Das ist natürlich nur die halbe Wahrheit. Lisa Martinek ist in der Filmbranche für ihren schwäbischen Fleiß, ihre eiserne Disziplin und ihren Hang zur Perfektion bekannt. Sie gehört zu jenen Schauspielerinnen, die ihre Rollen genau konzipieren – jeder Gesichtsausdruck, jede Geste ist wohl überlegt und akribisch einstudiert. Um sich auf die Rolle der blinden Anwältin Romy Heiland vorzubereiten, begleitet sie beispielsweise eine blinde Berliner Anwältin und tastet sich mit geschlossenen Augen und einem langen Stock durch den Großstadtdschungel.
Glücklicher Familienmensch
Wann immer es geht, nimmt Lisa Martinek ihre Kinder zu den Dreharbeiten mit, sie ist nicht gerne von ihrer Familie getrennt. Manchmal sieht man sie auf einem schwarzen Lastenfahrrad durch ihren Berliner Kiez strampeln, in Jeans, ungeschminkt, die langen, blonden Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden. Vorne sitzen Ella, Clara und Luca in einer überdachten Holzkiste.
Lisa Martinek genießt dieses spannungsreiche Leben zwischen Filmset und Kindertagesstätte. An einem lauen Frühsommertag, Anfang Juni 2019, sitzt sie mit einer Reporterin der Zeitschrift „Gala“ im Restaurant Borchardt. Die 47-jährige Schauspielerin erzählt, wie dankbar sie dafür sei, dass es das Schicksal so gut mit ihr meine. Sie freue sich auf die bevorstehende Italienreise mit ihren Liebsten und die Dreharbeiten zur zweiten Staffel von „Die Heiland“, die direkt nach dem Urlaub beginnen sollen. Drei Wochen später ist Lisa Martinek tot. Sie ist glücklich gestorben.