Der in Stuttgart geborene große Demokrat und Kämpfer für Gerechtigkeit hat uns heute noch was zu sagen. Vielleicht sogar mehr denn je. Ein Kommentar von Jan Sellner.
Sollte Fritz Bauer Stuttgarter Ehrenbürger werden? Antwort: Ja! Ohne Wenn und Aber! Die von der Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes sowie dem Verein Weissenburg in dem Projekt „Der Liebe wegen“ aufgeworfene und gleichzeitig befürwortete Frage hat nur leider einen Haken: Die posthume Verleihung der Ehrenbürgerwürde an den 1903 in Stuttgart geborenen und 1968 in Frankfurt am Main verstorbenen großen Kämpfer für Gerechtigkeit und Freiheit ist rechtlich nicht möglich. Das geltende Stuttgarter Stadtrecht schließt selbst eine symbolhafte Verleihung des Ehrenbürgerrechts an Verstorbene aus. Trotzdem setzen die beiden Vereine mit ihrem Vorstoß für den „Ehrenbürger Bauer“ in Stuttgart einen wichtigen Impuls.
Warum der frühere hessische Generalstaatsanwalt, der große Teile seiner Kindheit und Jugend in Stuttgart verbracht hat, am Eberhard-Ludwigs-Gymnasium Abitur machte und hier jüngster Amtsrichter Deutschlands wurde, eine anhaltende Würdigung verdient, ist erst diese Woche wieder deutlich geworden. Bei einer Gedenkveranstaltung im Landtag stellte der Bauer-Biograf und Journalist Ronan Steinke vor einem erfreulich großen und erfreulich jungen Publikum heraus, warum Fritz Bauer nicht nur eine wichtige Person der Zeitgeschichte ist, sondern sein Denken auch heute noch Relevanz hat, ohne ihn deshalb auf ein Podest zu stellen oder sonst wie zu überhöhen.
Schon in jungen Jahren ein leidenschaftlicher Demokrat
Bauers Bedeutung für die Gegenwart, in der Zweifel an der Kraft der Demokratie gesät werden und wachsen, ergibt sich aus seinen zeitlosen Grundüberzeugungen, die um Werte wie Freiheit, Brüderlichkeit, Würde und Zivilcourage kreisten. Dabei lohnt es auch, den Blick auf den jungen Fritz Bauer zu richten, denn er war eben nicht nur Nazi-Jäger und Strafverfolger, sondern seit seiner Jugend auch leidenschaftlicher Demokrat. In den 1920er Jahren zählte er zusammen mit dem späteren SPD-Vorsitzenden Kurt Schumacher zu den führenden Stuttgarter Köpfen des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold, dem großen politischen Wehrverband, der sich schützend vor die demokratische Republik zu stellen versuchte.
Bauer war ein Freiheitsliebender, dem bewusst war, dass einem die Freiheit nicht in den Schoß fiel, sondern sie errungen und verteidigt werden musste. Ministerpräsident Winfried Kretschmann erinnerte in Stuttgart jüngst an den frühen Aufklärer und Demokraten Alexis de Tocqueville, der den „Geschmack der Freiheit“ verspürte. Dieser Geschmack ist untrennbar mit Demokratie verbunden. Was Autokratien als „Freiheit“ verkaufen, ist dagegen ungenießbar.
Bauer ging es darum, „die Dinge“ auch zu leben
Für Bauer war der Inhalt entscheidend, nicht das, was formal erklärt wird: „Sie können Paragrafen machen. Sie können Artikel schreiben. Sie können die besten Grundgesetze machen. Was sie brauchen, sind die Menschen, die diese Dinge leben“. Demokratie „zu leben“, das war das Credo und der dringende Wunsch Bauers speziell auch für nachfolgende Generationen.
Dabei geht es nicht um eine einzelne demokratische Lichtgestalt. Es braucht vielmehr viele große und kleine Bauers oder – schwäbisch gesagt – Bäuerles, die demokratische Haltung einnehmen. Leonor Kessler, „Bauer-Botschafterin“ seiner früheren Schule, des Eberhard-Ludwig-Gymnasiums, formulierte es treffend: „Wir müssen selbst in Aktivsein kommen.“ In Bauers Worten: „Kein Mensch schafft Demokratie. Es sei denn Sie und ich und wir – jeder für uns.“ Wer das beherzigt, macht Fritz Bauer alle Ehre.