Das Hausärztehaus Kirchheim (Kreis Esslingen) eröffnet eine Zweigstelle in der Nürtinger Medius-Klinik. Das soll die Notaufnahme entlasten. Es werden aber auch Neupatienten dauerhaft angenommen.
Christopher Hahn hat einen Doktor in Medizin, an diesem Tag ist er aber als Techniker unterwegs. Angespannt läuft er die Flure auf und ab, den Blick hat er nonstop auf seinem Handy. Immer wieder klingelt es. Die IT muss installiert werden, die Zeit drängt. Am Montag, 5. Mai, wird die neue hausärztliche Praxis in der Medius-Klinik in Nürtingen zum allerersten Mal Patientinnen und Patienten empfangen – als Niederlassung des Hausärztehauses in Kirchheim.
Dort arbeiten in Summe zehn Ärztinnen und Ärzte, eine oder einer wird künftig in Nürtingen zugegen sein, „wenn wir mehr brauchen, wird aufgestockt“, sagt Annika Bosma, die Praxismanagerin. „Wir wissen nicht, was auf uns zukommt“, sagt sie. Dann lächelt sie breit. „Aber die Stimmung ist bombastisch.“
Hausärzte wollen Nürtinger Notaufnahme entlasten
Es ist ein Konstrukt, das es laut Annika Bosma und Christopher Hahn bislang in der Region so noch nicht gibt. Die neue hausärztliche Praxis ist Mieterin im Krankenhaus und teilt sich die Räume mit der Nürtinger Bereitschaftspraxis, die innerhalb des Klinikgeländes umgezogen ist und seit Anfang April hier im Neubautrakt sitzt – unmittelbar neben der Notaufnahme.
Wer das Gebäude betritt, kommt an einen Empfangsschalter. Dort entscheidet medizinisches Fachpersonal, ob ein Fall in der Notaufnahme verbleibt oder weniger schwerwiegend ist und in der Bereitschaftspraxis behandelt werden kann. Diese ist seit der Schließung der Kirchheimer Notfallpraxis auch Anlaufstelle für Patientinnen und Patienten aus der Teckregion.
Hier hängt sich ab sofort auch die neue hausärztliche Praxis dran. Unter der Woche empfängt sie zwischen 9 und 13 und 14 und 17 Uhr Patientinnen und Patienten, deren Zustand nicht so drastisch ist, dass eine Behandlung in der Notaufnahme notwendig ist, an Wochenenden und Feiertagen ist das Team der Bereitschaftspraxis zuständig, bestehend aus Maltesern und niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten.
Nürtingen bekommt neuen Hausarzt
Die Vorteile des Konzepts liegen auf der Hand. Praxisräume, die montags bis freitags leer stünden, werden nun genutzt. Die Notaufnahme wird auch unter der Woche entlastet. „Wir haben viele Kontakte in die Notaufnahme und wissen, dass sie häufig am Limit ist“, sagt Christopher Hahn. Und Nürtingen bekommt einen Hausarzt mehr. Der Mangel sei massiv. Laut der Kassenärztlichen Vereinigung seien in Nürtingen rein rechnerisch 13,5 Stellen offen. „Viele Menschen haben keinen Hausarzt“, erklärt Annika Bosma. Auch Neupatientinnen und -patienten steht das Team künftig zur Verfügung. „Wir bieten auch terminierte Sprechstunden an, wir machen halb, halb“, sagt sie.
Bevor die Praxis am Montag eröffnet, müssen Schränke eingeräumt und die Technik installiert werden. Eines der wichtigsten Hilfsmittel: das Beschriftungsgerät. Denn was der hausärztlichen und was der Bereitschaftspraxis gehört, die sich ab sofort die Räume teilen, ist klar getrennt, egal ob Laptop oder EKG. „Wir sind ganz autark“, sagt Christopher Hahn. Freitagabend nach Feierabend wird alles weggeräumt, damit das Team der Bereitschaftspraxis sich ausbreiten kann. Und am Sonntagabend läuft es andersrum.
Vieles wird sich noch finden müssen. „Wir haben noch kein Profil“, sagt Annika Bosma. Angst macht das den Neuen in der Medius-Klinik aber nicht. Medizin sei ohnehin kein planbares Geschäft, sagt Christopher Hahn. „Wir warten erst mal ab, was kommt.“