Yuki Fujisawa (vorne) und Satoshi Okubo (rechts davon) stellen Wasserstoff-Projekte in Japan vor. Foto: Stadtwerke Stuttgart

Eine Delegation aus Tokio will erfahren, wie die Energiewende gelingt. Gerade das Wasserstoff-Projekt im Stuttgarter Hafen ist von großem Interesse. Antworten gibt es nicht immer.

Aus Fernost gelangen derzeit meist schlechte Nachrichten zu uns: China ist eigentlich überall besser, ob bei Batterien, Solaranlagen oder E-Autos. Da fühlt sich die geschundene deutsche Seele doch geschmeichelt, wenn eine große Wirtschaftsmacht Deutschland noch als Vorbild sieht. „Sie sind weltweit eine der führenden Nationen in der Energiewende“, sagte Yuki Fujisawa vom Forschungsinstitut für Umweltschutz in Tokio jetzt bei einem Besuch bei den Stadtwerken Stuttgart: „Davon möchten wir lernen.“

 

Eine sechsköpfige Delegation aus der genannten Einrichtung sowie aus dem Institut für Industrietechnologie der Metropolregion Tokio tourte deshalb eine gute Woche lang durch Deutschland, um sich große Projekte der Energiewende anzuschauen, von Berlin über Hamburg und Ruhrgebiet bis nach Stuttgart und Ulm. Bei den Stadtwerken ging es um das Wasserstoff-Projekt im Hafen, im EnBW-Kraftwerk in Münster um die schon erfolgte Umstellung von Kohle auf Erdgas.

Zunächst 900 Tonnen Wasserstoff pro Jahr sollen produziert werden

Japan fehle es beim Aufbau einer Infrastruktur für Wasserstoff eigentlich noch an allem, sagte Satoshi Okubo vom Institut für Industrietechnologie: Vernetzung der Akteure, Sicherheitsaspekte, Transport des Brennstoffs – alles offen. Das Stuttgarter Projekt ist deshalb besonders spannend für die Japaner, weil dort die gesamte Kette entsteht: es wird grüner Wasserstoff produziert, es wird eine Pipeline gebaut und es entstehen Kundennetzwerke.

Das alte Gebäude ist schon abgerissen, im Frühjahr 2026 soll mit dem Bau von zunächst drei Elektrolyseuren begonnen werden, so Peter Drausnigg, der Geschäftsführer der Stadtwerke. Das entspricht neun Megawatt Leistung, ein vierter Elektrolyseur könnte später dazukommen. Der erste Abnehmer werden die SSB sein, die seit Jahren Brennstoffzellen-Busse im Betrieb haben. Firmen aus dem Umfeld von Daimler Truck seien ebenfalls interessiert.

Fleißig wurden auch Visitenkarten ausgetauscht. Foto: Stadtwerke Stuttgart

Die Experten aus Tokio schrieben eifrig mit, denn sie planen selbst Großes. Auf einigen Inseln im Meer vor Tokio könne viel erneuerbare Energie gewonnen werden, aber weil dort nur wenige Menschen lebten, bleibe viel Strom übrig – damit wolle man Wasserstoff herstellen, erzählte Yuki Fujisawa. Auch auf der zweitgrößten japanischen Insel, Hokkaido, entstehe viel grüner Strom – aber wie könnte man den daraus gewonnenen Wasserstoff nach Tokio bringen? Beim Aufbau einer Lieferinfrastruktur in Tokio könne Stuttgart zum Vorbild werden, so Fujisawa.

Antworten konnten die deutschen Experten aber nur zum Teil liefern. Denn viele Fragen sind auch bei uns noch ungelöst, weshalb der Wasserstoff-Hochlauf in Deutschland gerade in einer Krise steckt. Manche Projekte werden abgesagt, wie das Vorhaben des Energieversorgers RWE, der in Namibia Wasserstoff in großem Stil produzieren wollte. Die Nachfrage nach grünem Wasserstoff sei einfach nicht groß genug, so die Begründung.

Auch H2-Tankstellen werden nicht gebaut, wie in Tübingen, oder verspäten sich, wie in Schwäbisch Gmünd, weil es viel zu wenig Autos und Lkws gibt, die mit einer Brennstoffzelle unterwegs sind. Frank Hägele von den Stadtwerken Stuttgart räumte zum Beispiel auch ein, dass die Gaspipelines nicht einfach auf Wasserstoff umgestellt werden könnten, weil man ja viele Kunden weiterhin mit Gas versorgen müsse. Die zentrale Frage, wie die Wasserstoff-Wirtschaft attraktiv wird, sprich bezahlbar für den Kunden und lukrativ für den Erzeuger, ist auch bei uns nicht endgültig beantwortet.

Im Übrigen haben die japanischen Experten ihr Licht doch etwas unter den Scheffel gestellt. Denn bei Fukushima läuft schon seit fünf Jahren eine Wasserstoffanlage mit zehn Megawatt Leistung; der Strom dafür kommt aus einer riesigen Anlage mit Freiflächenfotovoltaik. Eine ähnlich große Wasserstofffabrik ist in Deutschland jetzt erst in Schwäbisch Gmünd in Betrieb gegangen, die Stuttgarter Anlage muss erst noch gebaut werden. Auch Japan schläft also nicht.