600 000 Kilometer legte der Stuttgarter Polizeibeamte Thomas Hohn auf dem Motorrad zurück, dann wurde ihm eine Eskorte für Ungarns Regierungschef Viktor Orbán zum tödlichen Verhängnis. Ein Nachruf.
Der Mann ist stets die Ruhe selbst gewesen. Auch gegenüber zwei jungen Damen im BMW, die im Überschwang einer nächtlichen PS-Party auf der Theodor-Heuss-Straße im Stuttgarter Zentrum eine Sexpuppe aus dem Beifahrerfenster hielten und dann in die Polizeikontrolle gerieten. „Sie haben zwei Möglichkeiten“, sagte Thomas Hohn, „entweder Sie geben die Puppe heraus und wir zerstören sie – oder wir müssen die Puppe beschlagnahmen, und es gibt eine Anzeige.“ Er sagte es mit demselben ruhigen Tonfall, wie er auch zwei Möchtegernmechanikern aufzählte, warum die Betriebserlaubnis für ihren VW Phaeton sehr wohl erloschen sei.
Der Hauptkommissar von der Polizeimotorradstaffel und bundesweit anerkannte Tuning-Experte hatte etwas gegen unnötigen Lärm – bei Motoren und bei Worten. Nun herrscht bei der Stuttgarter Polizei betroffene Stille. Der 61-Jährige kam am Montag um 11.18 Uhr während einer Eskorte für den ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán auf tragische Weise ums Leben.
Mit Taschenlampe und Endoskop
Wie oft haben wir Reporter ihn nachts unters Auto krabbeln sehen. Mit Taschenlampe, Endoskopkamera oder Dezibelmessgerät unter einem Sportboliden, eben auf der Partymeile in der Stuttgarter Innenstadt gestoppt, stets auf der Suche nach Manipulationen am Fahrwerk oder an der Abgasanlage. Seit 1993 war Hohn bei der Motorradstaffel, Leiter der Kontrollgruppe Tuning, ein ausgewiesener Fachmann, begeisterter Motorradfahrer, nach eigenen Angaben mehr als 600 000 Kilometer beruflich und privat mit dem Motorrad unterwegs. Also 15-mal um die Erde. Und immer auf der Mission der Verkehrssicherheit.
Dieser Weg endete am Montag – als ihn auf einer Kreuzung der B 27 in Degerloch eine Autofahrerin offenbar übersehen hatte. Dabei war die Kreuzung eigentlich gesperrt – für die Motorrad- und Fahrzeugkolonne, mit der Hohn den ungarischen Staatsgast zum Flughafen bringen sollte.
Für die EM den Ruhestand verschoben
Zum zweiten Mal innerhalb von gut drei Wochen ist in Baden-Württemberg ein Polizeibeamter im Dienst ums Leben gekommen. Und wieder einmal wird einem vor Augen geführt, welche Risiken dieser Beruf mit sich bringt. „Die tragischen Umstände des Todes unseres geschätzten Kollegen machen uns fassungslos“, sagt Polizeipräsident Markus Eisenbraun. Er sieht die Stuttgarter Polizei ins Mark getroffen. Eine Erinnerung kommt hoch: Eisenbrauns Vorvorgänger im Amt, Thomas Züfle, war im Juni 2013 ebenfalls auf einem Motorrad tödlich verunglückt. Bei einer privaten Fahrt im Nordschwarzwald hatte ein abbiegender Autofahrer den 58-Jährigen übersehen.
Thomas Hohn hätte eigentlich im Ruhestand sein können. Er hat indes verlängert. Wegen der Fußball-EM und ihren Herausforderungen. Vielleicht auch, weil man angesichts der Lücken beim Polizeipersonal als ausgewiesener Fachmann nicht so einfach alles hinter sich lässt. Der gebürtige Stuttgarter kam 1984 in Hechingen zur Polizei, verbrachte ein Jahr in Göppingen bei der Bereitschaftspolizei, kam 1988 nach Stuttgart und war seit 1989 Verkehrspolizist, vier Jahre später Spezialist bei der Motorradstaffel. „Dem konnte keiner was vormachen“, sagt einer, der ihn über die Jahrzehnte begleitet hat, „und er konnte mit einer Engelsgeduld erklären, warum die angebliche Ausnahmegenehmigung eben doch nicht gilt.“ Doch in einem Punkt war Hohns Geduld endlich. Dazu musste man nur seinen speziellen Keller in der Löwentorstraße aufsuchen, seine Asservatenkammer, fast ein Heiligtum.
In der Asservatenkammer der Sündenfälle
Dort, in der Polizeiwerkstatt am Stuttgarter Pragsattel, landen all die Auspuffanlagen, Schalldämpfer, Ventile und Lüftungsklappen, die Hohn und – das war ihm ganz wichtig – seine Kollegen bei ihren Kontrollen sichergestellt hatten. Manchmal sind auch ganze Motorräder dabei, die in der nahe gelegenen Tiefgarage lagern. Daneben eine Armada von BMW-Polizeimaschinen mit Blaulicht – und wohl auch die, auf der er nun ums Leben kam. Dienstnummer 3/605.
Zu fast jedem dieser Asservate kannte Hohn die Geschichte. Der junge Motorradbesitzer etwa, der viel Arbeit in eine Schalldämpfer-Attrappe gesteckt hatte, mit Teilen aus dem Internet zusammengebastelt. Doch für Hohn und seine Leute war es ein Leichtes, den Schwindel auffliegen zu lassen. Ein Klopfen mit dem Schraubenzieher überzeugte auch den Reporter: Eindeutig ein hohler Klang, anders als das matte Klacken des echten Teils. Den finanziell klammen Hobby-Biker, der mit seinem letzten Geld ein Motorrad kauft und aufmotzt, aber auch den wohlhabenden Besitzer einer hubraumstarken Maschine, die sich mit aufwändiger Elektronik in ein lärmendes Ungeheuer verwandeln lässt – Hohn hatte viele Typen von Manipulatoren kennen gelernt.
Der Kenner schulte bundesweit
Der 61-jährige Hauptkommissar galt bei der Polizei als einer der besten Kenner der Motorradtechnik und von deren versteckten Veränderungsmöglichkeiten. Deshalb schulte er bundesweit andere Gruppen der Polizei zu diesem Thema und unterstützte sie mit fachlichem Rat. Dass sein Thema Lärmschutz angesichts von Bürgerklagen einen immer größeren Stellenwert einnimmt, erfüllte ihn mit Genugtuung.
Wirklich verärgert war er allerdings, wenn es um die schwer durchschaubare Gemengelage geht, die die akustische Umweltverschmutzung, unter der viele Menschen zu leiden haben, so einfach macht. Die allermeisten Motorräder seien auf legale Weise laut unterwegs, mahnte er vor einem Jahr bei einem langen Gespräch in seiner Werkstatt und seinem Büro. Er kannte sich nicht nur in der Technik aus, sondern auch in den einschlägigen Regeln der EU, die aus seiner Sicht fast systematisch die Belästigung mit Lärm erlauben und effektive Kontrollen durch die Polizei verhindern.
Legaler Lärm – für den Experten einfach unerhört
Dass der Hersteller eines Motorrads selbst vorgeben kann, bei welcher Drehzahl die Polizei bei ihren Kontrollen den Lärm messen darf, um dann genau bei dieser Drehzahl elektronisch die Geräuschemission zu reduzieren, das war für Hohn unerhört. „Von 100 Motorrädern, die zu laut sind, können wir nur zwei aus dem Verkehr ziehen“, sagte er einmal dem Landeslärmschutzbeauftragten, „die anderen 98 sind auf legale Weise laut.“ Und die Hersteller täten alles, um den Wunsch der Kunden nach extrem lauten Fahrzeugen zu erfüllen. Alles legal, alles nur eine Frage des Geldbeutels.
Dabei, so sagte der begeisterte Motorradfahrer, bestehe der eigentliche Genuss doch nicht im Krachmachen, sondern im dynamischen Fahren und dem Erleben der Natur. Doch am Montag um 11.18 Uhr zeigen sich die Schattenseiten für Motorradfahrer auf brutale Weise. Warum die Autofahrerin trotz mobiler Absperrung der Motorradstaffel auf die Kreuzung fuhr, das ermittelt nun die Ludwigsburger Verkehrspolizei.