Zugbegleiter Ronald-Phillip Tolkiehn setzt sich weit über das übliche Maß für seine Fahrgäste ein. Foto: Lorenz Bee

Ronald-Phillip Tolkiehn wird von der Allianz Pro Schiene als deutscher Eisenbahner mit Herz ausgezeichnet. Und das, obwohl sein Einsatz außerhalb der Gleise stattfand.

Den 25. Januar dieses Jahres wird Ronald-Phillip Tolkiehn so schnell nicht mehr vergessen. Gewaltige Schneemassen legen den Zugverkehr lahm. Auch der Metropolexpress (MEX 16) zwischen Stuttgart und Geislingen strandet in dieser Nacht. Doch der 40-jährige Zugbegleiter von Arverio Baden-Württemberg bleibt die Ruhe selbst. Er telefoniert mit dem Bewährungshelfer zweier Häftlinge, um eine weitere Strafe zu verhindern und wird im Anschluss auch noch zum privaten Chauffeur für ein älteres Ehepaar mitten im Schneetreiben. Für seinen selbstlosen Einsatz wird Tolkiehn nun vom Verein Pro Schiene als Eisenbahner mit Herz ausgezeichnet.

 

Hilfe für zwei junge Häftlinge: ein Telefonat mit dem Bewährungshelfer

„Ich wusste, dass etwas in der Luft lag“, sagt Tolkiehn rückblickend, die Ausmaße habe er aber nicht vorhersehen können. Bereits bei der Abfahrt vom Stuttgarter Hauptbahnhof habe der Zug in Richtung Geislingen eine halbe Stunde Verspätung gehabt. Vorläufiges Ende der Fahrt war dann in Esslingen. „Da haben wird dreieinhalb Stunden gestanden“, erinnert sich Tolkiehn. Die Stimmung im rappelvollen Zug sei angespannt gewesen. „Viele waren aufgrund der Umstände schon sehr lange unterwegs.“

Unter anderem zwei junge Häftlinge, die über das Wochenende auf Freigang waren. Aufgrund der Verspätung, drohten diese zu spät zurück ins Gefängnis zu kommen. Um eine Verlängerung der Haftstrafe abzuwenden, „habe ich mich dazu entschlossen, den Bewährungshelfer anzurufen“, sagt Tolkiehn. Das Resultat: Die beiden jungen Männer kamen ohne Strafverschärfung davon.

„Ich bin im Schneckentempo über die tief verschneite B 10 gefahren. Es war schon grenzwertig.“

Ronald-Phillip Tolkiehn, Zugbegleiter

Damit noch nicht genug, wurde der 40-Jährige auf die Probleme eines älteren Ehepaares aufmerksam. Dieses war auf dem Heimweg aus dem Urlaub aufgrund von Streckensperrungen und Schienenersatzverkehr bereits mehr als 15 Stunden unterwegs. Als der Regionalzug weit nach Mitternacht endlich die Endstation in Geislingen erreichte, war klar, dass diese dort stranden würden. Aufgrund der fortgeschrittenen Uhrzeit fuhr kein Bus mehr, und aufgrund der geschlossenen Schneedecke hatten auch die Taxiunternehmen den Betrieb eingestellt. Eine unangenehme und kalte Nacht auf den Wartebänken im Geislinger Bahnhof schien die einzige Möglichkeit.

Das konnte Tolkiehn nicht mit seinem Gewissen vereinbaren. Nachdem er sein Auto freigeschaufelt hatte, das oft am Ende seiner Stammstrecke zwischen Stuttgart und Geislingen steht, fuhr er, anstatt in den wohlverdienten Feierabend, das Ehepaar kurzerhand als privater Chauffeur nach Hause. „Im Schneckentempo über die tief verschneite B10. Es war schon grenzwertig.“ Für die Strecke, für die man sonst zehn Minuten benötigt, war er knapp eine Stunde unterwegs. Im Anschluss ging es für ihn noch einmal zwei Stunden in die Gegenrichtung nach Hause, bis kurz vor 4 Uhr. „Da war ich dann mit den Nerven fertig“, gesteht Tolkiehn, „aber auch zufrieden“. „Das zeugt eindrücklich von sehr viel Menschlichkeit und Verantwortung für die Fahrgäste“, sieht Dirk Flege, der Geschäftsführer der Allianz Pro Schiene, einen verdienten Gewinner. Aus ausgewählten 20 Einsendungen von Bahnkunden wählte die Fachjury Tolkiehn mit weitem Vorsprung aus.

Seltene Doppelauszeichnung: Fachjury und Fahrgäste sind sich einig

Auch seine Sprachstörung hält den 40-Jährigen im Alltag nicht davon ab, Fahrgästen zu helfen, wie ein anderer Einsender laut Pro Schiene berichtet. Sei es in Gebärdensprache für hörgeschädigte Menschen oder bei medizinischen Notfällen. Das hat viele Menschen beeindruckt. So erhält Tolkiehn nicht nur den Gold-Preis der Jury, sondern liegt auch beim Publikums-Voting ganz vorne. Laut dem Bahnverein eine höchst seltene Doppel-Auszeichnung. „Ich habe zwar geahnt, dass etwas eingeschickt werden könnte“, gesteht Tolkiehn, „aber ich habe nicht damit gerechnet, zu gewinnen“. Entsprechend groß war die Überraschung beim Anruf: „Ich konnte es nicht fassen, musste mich erst einmal hinsetzen.“

Der bescheidene 40-Jährige freut sich, „da es zeigt, dass ich bei den Fahrgästen gut ankomme“, nur um gleich wieder seiner Art entsprechend die Kollegen mit einzubinden. „Es unterstreicht generell, die Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit unseres Personals.“ Trotz der enormen Kraftanstrengung und auch ohne die Doppel-Auszeichnung würde er den privaten Heimfahrservice sofort wieder anbieten, „wenn es mein Auto verkraftet“, lacht Tolkiehn – eben ein echter Eisenbahner mit Herz.