John Skelly kämpft seit der Kindheit mit seinem Gewicht – und wurde depressiv. Durch die Hilfe der Ärzte vom Adipositas-Zentrum am Klinikum Stuttgart fühlt er sich nun selbstbewusster. Ein Schlüsselerlebnis öffnete ihm die Augen.
Ein Spargeltarzan sei er einst gewesen: „Bis ich elf Jahre alt war – ‚a bag of bones‘, ein Klappergestell, haben die Leute gesagt“, erzählt John Skelly. Heute sitzt einem beim Treffen im Adipositas-Zentrum des Klinikums Stuttgart ein stattlicher Mann gegenüber. Offen berichtet er, wie die vielen Kilos seit Jahrzehnten seinen Körper und seine Seele belasten. Wie er damals, nach einem Schulwechsel in seiner Heimat Großbritannien, zum Außenseiter wurde, Spott ertragen musste, gemobbt wurde. Und wie er sich gegen Frust, Einsamkeit und Traurigkeit mit Süßigkeiten und Fast Food vollstopfte. Zum Trost, zur Belohnung, als Ausweg.
„Ich hab gefressen statt gegessen“, sagt der 55-Jährige. „Wir wohnten geschickter- oder dummerweise gegenüber von McDonald’s.“ Gebremst hat ihn keiner. Vom direkten Umfeld hieß es beruhigend, der Babyspeck wachse sich irgendwann aus. „In meiner Familie lag ohnehin einiges im Argen“, so Skelly. Fünf Kinder, der Vater Alkoholiker, die Mutter liebevoll, aber überfordert. „Meine Kindheit hat mich traumatisiert, das habe ich nun durch die Therapie kapiert.“
Übergewicht fängt im Gehirn an
Dass Adipositas, auch als Fettleibigkeit bekannt, und psychische Erkrankungen miteinander verbunden sind und sich gegenseitig verstärken können, belegen zahlreiche Studien. „Bei Adipositas sind depressive Störungen häufig“, bestätigt Andreas Stengel, der Ärztliche Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Klinikum. Es treffe nicht jeden, aber bei einem Body-Mass-Index (BMI) von über 40 entwickelten 30 bis 40 Prozent der Betroffenen psychische Begleiterkrankungen. „Und die verschwinden nicht von selbst, man muss sie behandeln.“
Bis er den Schritt in die Therapie wagte, sollte es bei John Skelly allerdings dauern. 155 Kilo und mehr brachte er auf die Waage. Die abwertenden Blicke, Tuscheleien, Demütigungen und Beleidigungen – „Guck mal, wie fett der ist“ – ließ er an sich abprallen. „Aber ich habe mich selbst belogen“, gesteht der Stuttgarter. Natürlich fühlte er sich angegriffen und verletzt. Je massiger der Leib, desto geringer wurde sein Selbstwertgefühl. „Ich war in einer tiefen Depression.“
Gesundheitliche Einschränkungen hingegen spürte er lange nicht – obwohl extremes Übergewicht etwa als Auslöser für Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und sogar Krebs bekannt ist. „Erst ab 50 hatte ich plötzlich Atemnot, Schlafstörungen und Schmerzen im ganzen Körper.“ Dazu kamen eine Beziehungskrise und Differenzen im Job. „Corona und die Lockdowns haben mir den Rest gegeben.“ Der Leidensdruck war groß. Sein Rezept dagegen: noch mehr essen. „Ich wurde dicker und dicker.“
Eine Packung Kekse brachte die Wende
Eines Nachmittags jedoch saß John Skelly auf dem Stuttgarter Schlossplatz, samt einer großen Packung Kekse, und dachte: „Wieso schiebe ich mir einen Keks nach dem anderen rein? Die schmecken mir doch nicht mal.“ Ein Schlüsselerlebnis für ihn. Er fasste den Entschluss, etwas zu ändern. Hilfe fand er im Adipositas-Zentrum in Cannstatt.
Ob Chirurgie, Innere Medizin, Endokrinologie, Ernährungsberatung, Dermatologie, Orthopädie oder Psychosomatische Medizin: Dort arbeiten Ärzte und Fachkräfte aus unterschiedlichen Sparten zusammen. Das ist an Kliniken längst noch nicht Standard, „aber wir versuchen hier, das Thema Adipositas ganzheitlich zu sehen und interdisziplinär anzugehen“, sagt Emre Tanay, der das Zentrum seit 1. April leitet.
Gut 25 Prozent der Deutchen sind schwer übergewichtig
Adipositas entstehe oft schleichend: „Sie baut sich über Jahre auf“, so Tanay. In Deutschland ist inzwischen mehr als ein Viertel der Bevölkerung betroffen. Obwohl als eigenständiges Krankheitsbild anerkannt, herrsche immer noch die Meinung, Übergewichtige hätten sich nicht im Griff, seien für ihre Lage selbst verantwortlich, erklärt Tanay weiter: „Doch die Adipositas ist eine ernsthafte chronische Erkrankung, die zu Folgeerkrankungen führt.“ Die Betroffenen empfänden ihr Leben häufig als Qual. „Den ersten Schritt zur Therapie müssen sie aber selbst machen.“
John Skellys Plan war zunächst, sich den Magen verkleinern zu lassen. „Operative Eingriffe sind weiterhin die effektivste Maßnahme zur Behandlung von schwerer Adipositas“, so der Chirurg Tanay. Mittlerweile habe sich dabei die Schlauchmagenoperation und der Magenbypass als Standard etabliert. Beides führe zu einer durchschnittlichen Reduktion von 45 bis 70 Prozent des Übergewichts. „Bei konservativen Therapieansätzen werden im Schnitt hingegen nur etwa fünf bis zehn Prozent Reduktion erreicht.“
Der Magen kopple oft zu spät ans Gehirn zurück, dass man satt ist, legt Tanay dar. Wenn diese Information fehlt, sei es schwer, über den Verstand zu arbeiten. „Daher ist es für Adipöse oft kaum möglich, einen großen Gewichtsverlust allein durch eine Diät samt Bewegung zu erreichen und wichtiger noch: zu halten.“
Im Fall von John Skelly meinte der behandelnde Arzt aber: Wie wäre es mit einer Therapie? Also versuchte er es mit Gesprächen in der Gruppe, Anleitungen zur Ernährungsumstellung, mit Psycho-, Physio- und Bewegungstherapie, Yoga und künstlerischen Betätigungen. „Das hat mir alles sehr geholfen, viel mehr, als ich gedacht hätte“, fasst Skelly die sieben Wochen zusammen, die er stationär in der Klinik in Cannstatt verbrachte.
Skelly hat bisher elf Kilo abgenommen
„Es gibt leitliniengerechte, standardisierte Therapiekonzepte“, erklärt Tanay. Man müsse jedoch die Patienten abholen und individuell erarbeiten, wie man vorgeht. So sei auch die medikamentöse Therapie mit der sogenannten Abnehmspritze „ein wichtiger neuer Baustein. Sie wird derzeit in Deutschland allerdings von der Krankenkasse für Nicht-Diabetiker noch nicht übernommen“. Sein Kollege Stengel ergänzt: „Bei den ersten Gesprächen ist es unter anderem unser Job, herauszufinden, ob beim Patienten begleitend Essstörungen wie Bulimie oder Binge-Eating vorliegen.“ Hierfür gebe es dann Behandlungsangebote am Klinikum, ambulant, tagesklinisch und stationär.
Elf Kilo hat John Skelly seit letztem Sommer abgenommen. Nicht genug, wie er findet, aber ein Anfang. Heute weiß er: Übergewicht fängt im Gehirn an. Zwar gebe es seltene genetische Konstellationen, die mit einem höherem Körpergewicht einhergehen, sagt Emre Tanay: „Bei Adipositas spielen aber meist biologische, soziale und psychische Faktoren eine Rolle.“
Konsum von Chips führt zu Veränderung im Gehirn
Welche Prozesse sich im Gehirn genau abspielen, muss nach Ansicht von Forschern an der Universität Tübingen künftig noch intensiver untersucht werden. In einer Studie hatten sie kürzlich festgestellt, dass bereits der kurzzeitige Konsum von hoch verarbeiteten Lebensmitteln wie Chips zu einer gravierenden Veränderung führt: Das Gehirn reagiere nicht mehr so empfindlich auf Insulin, erklärt die Studienleiterin Stephanie Kullmann.
Während das Hormon bei Gesunden den Appetit zügle, reguliere es bei Adipösen das Essverhalten nicht mehr richtig. Sie entwickeln stattdessen Heißhunger, auch wenn sie eben erst was gegessen haben. Selbst nachdem die Versuchspersonen wieder normal aßen, hielt der Effekt noch eine Woche lang an. Die Insulinempfindlichkeit lässt sich laut Kullmann aber auch wieder regulieren, etwa durch Sport.
Am Adipositas-Zentrum in Cannstatt wird nach einer Therapie, zu der auch ein operativer Eingriff gehören kann, eine lebenslange Nachsorge angeboten: „Unsere Regel ist: Im ersten Jahr kommt der Patient viermal in die Sprechstunde. Danach einmal jährlich“, so Tanay. Bei Bedarf auch öfter. Nicht immer steht am Ende ein Erfolg. „Es gibt auch Patienten, die wieder deutlich zunehmen. Manchmal braucht es mehrere Anläufe.“
John Skelly sieht sich auf einem guten Weg. Seine wichtigste Erkenntnis: „Mein Übergewicht hatte viel mit Selbsthass zu tun.“ Das Essen sei zu seinem Ausweg geworden. „Ich habe nun verstanden, dass Essen nicht die Antwort ist. Ich kann damit nicht alles kompensieren.“ Seine „Abnehmreise“ wird daher weitergehen, da ist er sich sicher.
Ein Viertel der Deutschen sind adipös
Übergewicht
In Deutschland sind rund zwei Drittel der Männer und die Hälfte der Frauen übergewichtig, sprich: Sie haben einen Body-Mass-Index (BMI) von über 25. Ab einem BMI von 30 spricht man von Adipositas, also starkem Übergewicht. Davon ist ein Viertel der Erwachsenen in Deutschland betroffen, Tendenz steigend.
Ursache
Mangelnde Bewegung und ungesunde Ernährung gelten häufig als Ursache für die chronische Erkrankung. Die Mechanismen im Körper, die zu Adipositas führen und bei der Krankheit auftreten, sind allerdings deutlich vielschichtiger.
Anerkennung
Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat Adipositas bereits im Jahr 2000 als Krankheit klassifiziert. In Deutschland ist sie seit 2020 anerkannt. Allerdings haben Betroffene dadurch nicht automatisch einen Anspruch auf Kostenerstattung für die unterschiedlichen Therapien.