Sven Teufel und Cornelia Mangold wollen alles in ihrer Macht Stehende dafür tun, dass ihr Sohn Friedolin eine lebenswerte Zukunft hat. Foto: Caroline Holowieck/i

Vegane Ernährung, Plastik vermeiden, Müll aufsammeln, Foodsharing, Secondhand: Ein Paar aus Aichwald versucht, dies alles zu kombinieren und umfassend nachhaltig zu leben.

Fotos aus Urlauben an Traumstränden, von der Hochzeit, von Angehörigen und Freunden hängen in der verwinkelten Vier-Zimmer-Wohnung an den Wänden. Auf Regalen und Fensterbrettern stehen Erinnerungsstücke, Figürchen, Muscheln, Nippes. Das Wohnzimmer hat der zweijährige Friedolin zur Spielwiese auserkoren. Wer durch den Raum geht, stakst durch Kuscheltiere, Autos und Duplosteine. Es sieht aus wie in Millionen deutscher Haushalte. „Wir leben nicht in der Lehmhütte, unser Kind spielt nicht mit Steinen und Hölzern“, sagt Cornelia Mangold und schüttelt den Kopf.

 

Auf den ersten Blick sind Vater, Mutter, Kind aus Aichwald eine stinknormale Familie. Von Durchschnitt kann allerdings beim genaueren Hinschauen nicht die Rede sein. Die Familie hat sich nicht nur über die Maße der Nachhaltigkeit verschrieben, sie hat sie zum Lebensinhalt auserkoren. Plastik vermeiden, tierische Produkte weglassen, nichts online bestellen: Viele Menschen machen das eine oder andere, um Natur, Tierwelt und Klima zu schonen. Das Ehepaar Mangold-Teufel indes macht alles auf einmal. Seit 2018 lebt es vegan. Beim Einkauf sind Brotbeutel, Jutetasche und Mehrwegbecher stets dabei. Bei Foodsharing ist das Paar engagiert, und in seiner Freizeit bastelt es aus alten Tetrapaks Sammelbehälter für Kippen, die an Bushaltestellen aufgehängt werden.

Holzzahnbürsten und selbst angerührtes Deo

Der Nachhaltigkeitsgedanke durchzieht das gesamte Tun von Cornelia Mangold (39) und Sven Teufel (46). Im Bad haben Holzzahnbürsten, Zahnpasta im Glas und selbst angerührtes Deo Einzug gehalten. Die Erwachsenen duschen grundsätzlich kalt, außer einer ist krank. In der Kommode unterm Wickeltisch lagern Stoffwindeln. Die haben vor Friedolin schon andere Babys benutzt. Mancher mag das eklig finden, Sven Teufel zuckt mit den Achseln. „Am Schluss ist Kacka drin“, sagt er. Überhaupt ist das Allermeiste, was der Kleine anzieht, womit er spielt oder was er nutzt, aus zweiter Hand. Neues zu kaufen widerstrebt den Eltern.

Laut dem Statistischen Bundesamt produzierte 2022 jeder Einwohner Deutschlands durchschnittlich 438 Kilogramm Haushaltsabfall. Die Familie Mangold-Teufel will für sich diesen Wert drücken. Am offensichtlichsten werden die Anstrengungen in der Küche. Friedolins Trinkfläschchen sind nicht aus Plastik, sondern aus Edelstahl. Kunststoff gibt es hier durchaus, etwa in der obligatorischen Tupperdosen-Schublade. Die Behältnisse, darauf legen Sven Teufel und Cornelia Mangold Wert, stammen jedoch noch von Oma. „Wir schmeißen nur raus, was kaputt ist“, sagt er. Auf der Arbeitsfläche stehen große blaue Schüsseln, in denen Wasser aufgefangen wird, um die vielen Pflanzen in der Wohnung zu gießen oder die Toilette zu spülen. Eingekauft wird mit Vorliebe im Unverpacktladen. Im Vorratsschrank türmen sich Schraubgläser und Boxen. Geht’s in den normalen Supermarkt, greift das Duo zu Konserven im Glas oder Nudeln in Papier. Was geht, wird selbst gemacht, Hafermilch etwa oder auch der Babybrei.

Es klingt nach einem schier erdrückenden Berg von Aufgaben. Viel Verzicht ist dabei. Früher sind sowohl Sven Teufel als auch seine Conny an exotische Orte gereist, heute wird an der Ostsee geurlaubt. „Es ist auch in Deutschland schön, ich habe so viele Ecken noch nicht gesehen“, sagt Cornelia Mangold.

Beschnitten fühlten sich die Idealisten dennoch nicht. Vielmehr sprechen sie von den Dingen, die sie gewinnen. Von der Freiheit, nicht auf Konsum angewiesen sei. Vom Geld, das im Portemonnaie bleibt. Vom Hochgefühl, Gutes zu tun. „Man fühlt sich besser, wenn man Teil der Lösung ist und nicht Teil des Problems“, sagt Sven Teufel. Schließlich gehe es darum, Friedolin, nachfolgenden Generationen und allen Lebewesen eine lebenswerte Zukunft zu ermöglichen.

Der Aufwand lohnt sich. Sven Teufel erzählt, dass er und seine kleine Familie früher vier Gelbe Säcke im Monat mit Abfall gefüllt hätten, heute sei es einer. In den vergangenen zehn Jahren haben die Eheleute zudem 120 öffentliche Putzeten angeleitet, vornehmlich im nahen Esslingen. Pro Clean-up-Treff kämen durchschnittlich 60 Kilogramm Müll zusammen. Auf mehr als zehn Tonnen Abfall, die nicht mehr in der Landschaft liegen, habe man es bislang gebracht. Die Stadt Esslingen hat die Engagierten längst mit Eimern, Zangen und Handschuhen für 50 Personen ausgestattet.

Spaziergänge mit Abfalltüte und Greifer

Auslöser für ihr Handeln können beide benennen. Da waren etwa die Asienreisen, als Sven Teufel in seinen Zwanzigern war. Vor Ort sei ihm derart viel Müll aufgefallen, dass er täglich im Urlaub mit Tüten losgezogen sei und aufgesammelt habe. Noch heute nimmt er stets Abfalltüte und Greifer mit, wenn er spazieren geht. Auch Cornelia Mangold hatte ein Aha-Erlebnis. Bei ihr war es eine Begegnung mit Kälbern. „Du schaust denen in die Augen und denkst: Du kannst doch diese Tiere nicht essen.“ Seither habe sie dem Fleisch abgeschworen. Leichtgefallen sei ihr das nicht. „Dummerweise schmeckt es gut“, sagt sie.

Die Familie wohnt auf den Höhen des Schurwalds. Der Blick vom Balkon bis ins Remstal ist sagenhaft. Das naturnahe Leben hat aber seinen Preis. Vor dem Mehrfamilienhaus steht ein alter Skoda-Kombi. Das Familienauto. „Das ist hier oben nicht anders möglich“, sagt Sven Teufel, und es klingt wie eine Entschuldigung.

Oftmals sei ein nachhaltiger Lebensstil auch Abwägungssache. Die Schokolade und die Kekse, die die Veganer an diesem Vormittag servieren, stecken in Folie. Vorzeigerle nennen sie die Snacks, denn es gelte zu beweisen, dass tierfrei auch lecker sei. Will heißen: Manchmal heiligt der Zweck die Mittel. Die Eheleute betonen: Sie tun, was sie können, geißeln wollen sie sich jedoch nicht. Ab und zu wird abends auch Pizza bestellt. „Wir sind nicht in jedem Thema super, aber wir versuchen, das meiste abzudecken“, sagt Sven Teufel.

Manches Klischee wird dabei erfüllt. Im Sommer gehen Mann und Frau gern barfuß, „um wieder Kontakt herzustellen“, sagt Sven Teufel. Dessen schwarze-graue Gesichts- und Kopfbehaarung darf seit der Hochzeit 2017 sprießen. „Geh mal zum Frisör“, muss er sich in sozialen Netzwerken anhören. Er jedoch sieht Zauselbart und Wallemähne als Statement. Das Oberflächliche sei ihm nicht wichtig. Ein Fleck am Shirt, zweierlei Socken, was soll’s? „Du musst nicht rausgeputzt sein, damit du etwas wert bist.“

Es ist eine Einstellung, die aneckt. „Wir sind hier oben schon bekannt“, sagt Cornelia Mangold und lächelt breit. Das positive Feedback überwiege jedoch. Sie glaubt: „Manchmal braucht es extremere Menschen, damit man sieht, was kann man machen.“

Laut der Umweltorganisation Greenpeace hatten die Deutschen 2016 rund 5,2 Milliarden Kleidungsstücke in ihren Schränken, 40 Prozent selten oder nie getragen. „Ein Erwachsener kauft pro Jahr im Schnitt 60 Oberbekleidungsstücke. Jugendliche noch mehr“, so ein Stuttgarter Mitglied. Für die Produktion neuer Ware werden jedoch viel Wasser und massig Chemikalien verwendet, und dies unter oftmals unwürdigen Arbeitsbedingungen in China oder Kambodscha.

Die Crowdfunding-Kampagne

Es ist eines der Dinge, denen das Duo aus Aichwald den Kampf angesagt hat. Mit allen Konsequenzen. Bis Corona etwa hatten die Aktivisten alltägliche Jobs. Cornelia Mangold – lange blonde Haare, gepiercte Ohren, ungeschminktes Gesicht – , hat Erwachsenenbildung studiert, später hat sie als Fahrlehrerin gearbeitet, zudem bei der Volkshochschule Esslingen in der Verwaltung. Ihr bärtiger Mann hat 20 Jahre als Großhandelskaufmann sein Geld verdient. Vor gut vier Jahren haben sie hingeschmissen. „Um uns mehr unseren Herzensthemen zu widmen“, sagt Sven Teufel. Vom Beruf zur Berufung. Diese Berufung haben sie Zuzule genannt, kurz für Zusammen Zukunft leben. Das Paar hat eine gemeinnützige Organisation gegründet, richtet Secondhand-Basare, Kleidertauschbörsen und Kurse aus, betreibt Bildungsarbeit in Schulen und Firmen. Als Leuchtturmveranstaltungen bezeichnet es den World-Clean-up-Day, der am 20. September zum sechsten Mal in Esslingen ausgerichtet wird, und den World-Vegan-Day am 1. November, an dem zum dritten Mal im Kommunalen Kino ein Film gezeigt wird. Das Zuzule-Ziel: ein Begegnungsort, wo neben Nachhaltigkeitsevents auch die Kultur Platz haben soll. Eine Immobilie ist bislang nicht gefunden, und überhaupt sind die Gründer noch auf Unterstützung angewiesen. „Wir leben von der Substanz“, sagt Sven Teufel. Für ihren Traum vom Begegnungsort haben er und seine Gattin eine Crowdfunding-Kampagne gestartet.

Grundsätzlich geht es darum, Verbündete zu finden. Und zu inspirieren. „Wir wollen Leute bewegen, eigene Schritte zu machen“, sagt Sven Teufel. Die globalen Herausforderungen der Zukunft, ob nachhaltig oder sozial, ließen sich nur gemeinsam lösen. Je mehr Personen sich einbrächten, desto effektiver. Auch kleine Schritte seien wertvoll. „Wir sagen immer: Fang da an, wo es dir leichtfällt“, sagt Cornelia Mangold. Sie lächelt. „Menschen, die verändern, das wollen wir gern sein.“