Wenn der Mensch für einen Sitzplatz bezahlt, dann möchte er sitzen. Doch was, wenn seine Umgebung nicht mitspielt? Aufständische Gedanken unseres Kolumnisten KNITZ.
Herr M. aus K. hat, so würde KNITZ es formulieren, ein schwäbisches Problem. Der Leser besucht offenbar mit einer gewissen Regelmäßigkeit die MHP Arena Stuttgart, uns Älteren nach wie vor als Neckarstadion geläufig. Herr M. kauft sich also eine Sitzplatzkarte, um das Geschehen auf dem Rasen im Sitzen verfolgen zu können.
Zum Bedauern von Herrn M. spielt dessen Umgebung da leider über weite Strecken nicht mit. Aus Sicht von Herrn M. schaut das so aus: „Jedes Mal, wenn die Spieler die Mittellinie überspielen, fangen einige Zuschauer an, sich von ihrem Sitz zu erheben. Das hat zur Folge, dass die Dahinter-Sitzenden ebenfalls aufstehen müssen. Und schwuppdiwupp steht der ganze Block.“
Der Leser steht vor einem Dilemma
Der Leser steht im wahrsten Wortsinn vor einem Dilemma: „Man kauft eine sündhaft teure Sitzplatzkarte, sitzt aber nicht mal die Hälfte der Spielzeit.“
KNITZ kann als schreibender, an einem Schreibtisch sitzender Mensch da gut mitfühlen. Einige seiner Kolleginnen und Kollegen sind dazu übergangen, ihre Arbeit im Stehen zu verrichten, was mit höhenverstellbaren Schreibtischen problemlos geht. Die Arbeitshaltung, so wurde KNITZ gesagt, sei rückenschonender.
KNITZ konnte sich bisher dazu nicht durchringen. Auch deshalb nicht, weil sein Arbeitgeber viel Geld für einen komfortablen Schreibtischstuhl ausgegeben hat. Diesen nicht zu benutzen, wäre aus der Warte von KNITZ rausgeschmissenes Geld.
Während sich die Haltung bei der Arbeit individuell lösen lässt, steht der Stadionbesucher M. vor einem Massenphänomen. Natürlich könnte er versuchen, vor Spielbeginn mit seinem gesamten Umfeld eine Absprache zu treffen, etwa derart: „Liebe Leut’, können wir uns nicht darauf einigen, das Spiel weitgehend im Sitzen zu verfolgen und nur beim Torjubel aufzustehen?“
Der Ständerling hat sich nicht durchgesetzt
Herr M. könnte seine Bitte mit einem landsmannschaftlichen Argument untermauern und daran erinnern, dass hierzulande die Hocketse erfunden wurde. Die irgendwann aufkommende Spielart des Ständerlings mit Stehtischen sei deutlich ungemütlicher und habe sich aus gutem Grund nicht wirklich durchgesetzt.
Nicht ganz billig, aber womöglich erfolgversprechender wäre es, den Damen und Herrn im Block zu versprechen, sie bei Wohlverhalten in der Halbzeit mit Bier und roten Würsten zu versorgen.
Ansonsten könnte Herr M. darauf hoffen, dass die Gastgeber wenig über die Mittellinie kommen – was aber, so vermutet KNITZ, nicht im Sinne des VfB-Fans wäre. Auch könnte Herr M. in die Psychokiste greifen und das ständige Aufstehen als gymnastische Übung einbauen und als Teil seines Fitnessprogramms betrachten.
Falls das alles nicht klappt, sieht KNITZ nur noch einen Ausweg: Man müsste eine Stadionhymne umdichten. Aus „Steht auf, wenn ihr Schwaben seid!“ würde dann „Bleibt sitzen, wenn ihr Schwaben seid!“
Ob diese Hymne bei den Massen zündet? KNITZ weiß es nicht. Insofern bleibt Herr M. bis auf Weiteres nichts anderes übrig, als die Sache auszusitzen. Mit der Ergebnis, dass er dann halt nichts sieht.